Porträt der Woche

Die eigene Sprache finden

Ich werde oft gefragt, ob ich mit dem Schriftsteller Wladimir Kaminer verwandt bin. Mir ist nichts darüber bekannt. Er hat ja russische Wurzeln, während meine Vorfahren aus Polen kommen. Wir sind noch immer dabei, einen Familienbaum zu erstellen, und natürlich ist es möglich, dass ein Teil der Familie nach Russland ausgewandert ist.

Mein Vater wurde in Straubing außerhalb eines DP‐Camps geboren. Seine Eltern waren beide Schoa‐Überlebende, die sich nach dem Krieg in Deutschland kennengelernt hatten. Sie kamen ursprünglich aus orthodoxen Familien, die aber nach dem Krieg diese Tradition nicht fortführten. Dennoch ist mein Vater in dem Bewusstsein aufgewachsen, jüdisch zu sein, und hat, als er jung war, viele Jahre in Israel verbracht. Allerdings feierte er damals keine jüdischen Feste.

Meine Mutter wiederum wurde in Frankfurt geboren. Sie kommt aus einer nichtjüdischen Familie aus Ungarn. Nachdem sie meinen Vater kennengelernt hatte, ist sie konvertiert. Auch ich kam in Frankfurt zur Welt. Nach meiner Geburt entschloss sich mein Vater, zusammen mit meinen Großeltern gewisse Feiertage zu feiern. So gab es bei uns jede Woche eine Schabbatfeier mit Kiddusch. Insofern bin ich in einem jüdischen Elternhaus aufgewachsen, in dem die Tradition wieder eine wichtige Rolle spielte.

Mein Vater wurde als Kind von Überlebenden in einem DP‐Camp geboren.

Seit etwa einem Jahr sympathisiere ich mit dem Masorti‐Judentum. Ich kenne Jonathan Wittenberg, einen Masorti‐Rabbiner aus London. Er ist ein Nachfahre des früheren Rabbiners der Westend‐Synagoge in Frankfurt. Bevor er seine Gemeinde in London eingeweiht hat, kam er nach Frankfurt und entzündete ein Ner Tamid, ein Ewiges Licht. Damit begab er sich zu Fuß auf die lange Wanderung nach London – so hat er mit dem Licht aus Frankfurt etwas fortgeführt, was einst sein Großvater in der Zeit der Verfolgung durch die Nazis aufgeben musste. Das fand ich ungemein berührend.

Als ich ihn in London besuchte, lernte ich ein Reformjudentum kennen, das die Tradition aufrechterhalten möchte und gleichzeitig schaut, inwiefern diese mit unserem modernen Erkenntnisstand in Einklang zu bringen ist.

KUNSTWELT Ich glaube, dass ich schon immer eine Künstlerin war, aber nicht wusste, dass es ein Beruf sein kann. Mit 16 Jahren habe ich im Internet das Central Saint Martins College of Art and Design in London entdeckt. Das sah toll aus. Dort hatten ganz viele berühmte Künstler studiert. Dorthin bin ich also nach der Schule gegangen.

An diesem College hatte ich die Möglichkeit, einen Studiengang zu absolvieren, der sowohl praktische als auch akademische Elemente wie Kunstgeschichte und Kunsttheorie beinhaltet sowie feministische und interdisziplinäre Theorien kombiniert. Ich kehrte mit dem Ziel nach Frankfurt zurück, Kuratorin zu werden, und beendete mein Studium hier auf der Städelschule mit dem Master.

In dieser Zeit hatte das Städel‐Museum gerade eine Abteilung für Gegenwartskunst geschaffen. Deren Sammlungsleiter, Martin Engler, bereitete als Chefkurator die erste große Ausstellung über die Kunst von 1945 bis heute vor. Natürlich ergab sich für mich die Frage, wie die zeitgenössische Kunst in Deutschland in Bezug auf das dargestellt wird, was vor 1945 stattgefunden hat.

Als Jüdin habe ich eine andere Sensibilität.

Als Studentin der Städelschule habe ich Martin Engler damals auch angesprochen. Ich hatte den Eindruck, dass ich als Jüdin dafür eine andere Sensibilität hatte, sowohl was die Texte über die Kunst nach 1945 angeht als auch zu den Positionen, die gezeigt wurden. Schließlich fing ich als Praktikantin bei ihm an, und wir haben im positiven Sinne einen sehr heftigen Meinungsstreit ausgetragen.

EMIGRANTEN Bei meiner Recherche über andere Ausstellungen zum Thema »Kunst nach 1945« stellte ich fest, dass man überall in Deutschland einen ähnlichen Kanon zeigte. Komplett gefehlt haben Positionen von jüdischen Emigranten, die ursprünglich aus Deutschland kamen.

In diesem Zusammenhang entdeckte ich Lucian Freud und Frank Auerbach. Ich hatte sehr gehofft, dass wir den einen oder anderen noch mit in die Ausstellung aufnehmen können. Leider ohne Erfolg. Es wurde damit begründet, dass Auerbach und Freud in England schon sehr lange als Größen anerkannt und die Preise für ihre Bilder schon zu hoch seien.

Eine andere Frage war, ob man Zoran Mušic zeigt, einen italienisch‐jugoslawischen Künstler, der das KZ überlebt hat. Er hat in seiner Kunst die Naziverbrechen thematisiert und die Leichenberge und Ähnliches gemalt. Da hatten die Kuratoren und ich schon rein gefühlsmäßig sehr unterschiedliche Positionen. Mich haben seine Bilder sehr berührt, aber die Kuratoren fanden sie zu pathetisch.

Ich hatte dann die Aufgabe, natürlich in Zusammenarbeit mit den Kuratoren, die Saaltexte zu schreiben. Da konnten wir eine Menge einbringen, unter anderem darüber, wie sich die Künstler nach dem Krieg mit der Nazizeit auseinandergesetzt haben und wie man die Malerei nach einem solchen Bruch fortführen kann.

PROJEKT Dennoch muss ich sagen, dass eine Aufarbeitung des Nationalsozialismus wie etwa in der Literatur in der Kunstgeschichte nie stattgefunden hat. Da gibt es nach wie vor eine Menge zu tun.

Allerdings hatte ich das Gefühl, dass ich dieser Aufgabe als Künstlerin weitaus besser gerecht werden kann, weil ich meine Subjektivität mit einbringen kann. Und so habe ich den Schwerpunkt meiner Tätigkeit auf die Malerei gelegt. Meine Bilder sind zunächst einmal abstrakte Farbkompositionen. Aber in ihnen selbst verbergen sich ein langer Prozess und meist eine Auseinandersetzung mit Personen. Es ist subjektive Malerei in Anlehnung an die abstrakten Expressionisten.

Außerdem leite ich seit anderthalb Jahren ein künstlerisches Projekt in einem Treffpunkt für Schoa‐Überlebende in Frankfurt. Dieser Treffpunkt heißt Café Europa und wurde vor 15 Jahren von verschiedenen Leuten eingerichtet. Einer davon war mein Vater, der als Psychoanalytiker sehr viel mit Schoa‐Überlebenden gearbeitet hat.

Als Anja Hadda, eine der Leiterinnen, erfuhr, dass ich ein Atelier für Kinder eröffne, sprach sie mich an, ob ich nicht auch etwas mit den Überlebenden machen könne. Ich habe mich sehr darüber gefreut, weil ich durch die Arbeit meines Vaters schon von den Möglichkeiten wusste, mit diesen Menschen zu arbeiten. Viele von ihnen kannte ich noch von meinen Großeltern.

METHODE Ich habe eine bestimmte Methode entwickelt, nach der ich mit den Überlebenden arbeite. Sie orientiert sich einerseits an meiner eigenen künstlerischen Praxis und andererseits an der von Arno Stern, einem in Deutschland geborenen Pädagogen und Forscher, der heute in Frankreich lebt. Ich hatte ihn in Paris besucht und war ungeheuer begeistert von dem »Malspiel«, das er entwickelt hat.

Nach dem Krieg hatte Stern begonnen, sich mit jüdischen Waisenkindern zu beschäftigen. Er merkte schnell, dass alles, was sie brauchten, Farben, Wände und Papier waren. Er hat die Kinder einfach malen lassen – ohne ihnen eine Anleitung zu geben oder ihre Malerei zu kommentieren. Aus diesen frühen Erfahrungen hat er dann das Malspiel und den inzwischen berühmten »Malort«, einen Raum mit deckenhohen Malwänden und ohne Fenster, entwickelt.

Am Anfang musste ich ein bisschen improvisieren, denn im Café Europa gibt es keine Malwände.

Über die Jahre und durch die vielen Menschen, die bei ihm waren, ist zu erkennen, dass die Formen, die beim Malspiel entstehen, einer Logik folgen. Vor allem sind sie ein Indikator, ob der malende Mensch bei sich ist oder Blockaden hat.

Als mich also Anja Hadda fragte, ob man das auch mit den Schoa‐Überlebenden machen könne, habe ich sofort eingewilligt. Leider war es nicht möglich, die Teilnehmer zu mir ins Atelier zu bringen, denn der Treffpunkt ist nun einmal deren vertrauter Ort. Ich musste also ein bisschen improvisieren.

WERTSCHÄTZUNG In dem Café gibt es keine Malwände. Also mussten die Leute auf dem Tisch malen. Anfangs waren einige von ihnen sehr schnell entmutigt, wenn etwas nicht auf Anhieb so geklappt hat, wie sie es wollten. Ich habe versucht, ihnen zu helfen, ihre eigene Bildsprache zu entdecken, und habe jedem Einzelnen eine ganz individuelle Wertschätzung vermittelt.

Mittlerweile arbeite ich mit einer Gruppe von fünf festen Mitgliedern – ein Mann und vier Frauen. Mal kommt jemand dazu, oder jemand anderes verlässt die Gruppe, aber der Kern dieser fünf Teilnehmer bleibt. Sie sind seit den ersten Pinselstrichen unglaublich über sich hinausgewachsen, haben längst ihre eigenen Themen gefunden – und ihre eigenen Vorlieben. Ziel ist es, dass jeder seine eigene künstlerische Sprache entwickelt. Und da sind wir auf einem guten Weg.

Aufgezeichnet von Gerhard Haase‐Hindenberg

Jahrestag

Am Israel Chai!

Rund 30 Städte feiern den 71. Geburtstag des jüdischen Staates

 23.05.2019

Hemmingen

Brandanschlag auf Privathaus

Die Täter müssen Lebensumstände des jüdischen Paares gut gekannt haben

von Hans-Ulrich Dillmann  23.05.2019

München

Gemeinsamer Nenner

Die IKG gedachte der gefallenen Soldaten und feierte Jom Haazmaut

von Helmut Reister  16.05.2019