Kindertransporte

Der jüdische Schindler

Yonatan Nir steht an der Spandauer Straße Ecke Rathausstraße in Berlin‐Mitte. Immer wenn der Filmemacher in der Stadt seiner Großeltern ist, zieht es ihn hierher. »Vermutlich haben sich die Wege von Wilfrid Israel und meinem Großvater genau hier gekreuzt«, überlegt Nir. Wilfrid Israel nutzte seine Kontakte zu den Nazis, um mehr als 20.000 Juden zu retten, Nirs Großvater arbeitete im damaligen Palästina‐Amt in Charlottenburg. Beide verhandelten mit den Nazibehörden – Israel auf eigene Faust, Nirs Großvater im Auftrag der Jewish Agency: um an Ausreisezertifikate für Juden zu kommen.

Nir ist Dokumentarfilmer. Sein Film Dolphin Boy über posttraumatische Therapien wurde mehrfach ausgezeichnet. Doch seit der 41‐Jährige auf Wilfrid Israel stieß, lässt ihn die Geschichte des Philanthropen und Kunstsammlers nicht mehr los.

Nirs Blick wandert hinüber zum Roten Rathaus. Gegenüber stand bis 1939 das Kaufhaus Nathan Israel, Berlins ältestes und größtes Kaufhaus. Zusammen mit seinem Bruder Herbert übernahm der Geschäftsmann Wilfrid Israel 1928 die Leitung des traditionsreichen Familienunternehmens.

Nur wenige Jahre später setzte er alles daran, den Nazis so viele Visa wie möglich für seine jüdischen Angestellten und deren Familien, später auch deren Freunde und Bekannte, abzukaufen. Nahezu sein gesamtes Vermögen floss ab 1933 in dieses Unterfangen. Tausende Familien verdanken ihm ihr Leben.

DEAL Nach der Novembernacht 1938 fädelt Wilfrid Israel einen weiteren Deal ein: die Kindertransporte nach England. »Er hatte die Gabe, mit jedem in seiner Sprache sprechen zu können, er verstand es, sich zwischen den Welten zu bewegen und die unterschiedlichen gesellschaftlichen Signale zu deuten – das ermöglichte es ihm, alles daranzusetzen, eine Lösung zu finden«, sagt Nir.

Auf der einen Seite lässt der Unternehmer Nazis kostenlos zu Weihnachten in seinem Kaufhaus einkaufen, etwa den Sachsenhausen‐Kommandanten Hermann Baranowski, der im Gegenzug nach der Pogromnacht Inhaftierte freilässt. Gleichzeitig informiert er die britische Botschaft und den britischen Politiker Lord Herbert Samuel darüber, was in Deutschland mit den Juden passiert. Bei Wilfrid Israel fließen die Fäden zusammen.

Die Nazis machten bei Wilfrid Israel eine Ausnahme.

Das war auch deshalb möglich, weil die Nazis bei Wilfrid Israel eine Ausnahme machten, zu einer Zeit, als die meisten jüdischen Geschäfte bereits konfisziert, zerstört oder enteignet waren. Denn das Kaufhaus Nathan Israel war in Großbritannien registriert – die Nazis wollten es sich da noch nicht mit den Briten verderben. So konnte Israel auf einen »cash flow« zurückgreifen – und die Zertifikate bezahlen.

Zudem hatte Wilfrid Israel Informanten unter den Nazis, konnte reisen und auf diese Weise wichtige Informationen weitergeben. Sein britischer Pass, seine gesellschaftlichen und politischen Kontakte und sein Vermögen lassen ihn zu der entscheidenden Verbindung zwischen verschiedenen Akteuren werden, zum »Essential Link«.

In dem gleichnamigen Dokumentarfilm, der seit 2017 auf allen wichtigen Filmfestivals der Welt läuft, rekonstruiert Yonatan Nir Wilfrid Israels Geschichte – die zugleich eng mit seiner eigenen Familiengeschichte verwoben ist.

APFELSTRUDEL Sie beginnt an einem warmen Sommertag 2011 im Kibbuz Hasorea. Hier im Jesreel‐Tal in Nordisrael ist Yonatan Nir aufgewachsen. Inmitten von Kiefern, Eukalyptusbäumen und Zypressen. Hier, wo es ein bisschen aussieht wie in Europa, wo es riecht »wie im Berliner Tiergarten«, hat er seine Großeltern zu Kaffee und Kuchen besucht und Worte wie »Schlafstunde« und »Apfelstrudel« aufgeschnappt.

Ganz in der Nähe, mitten im Kibbuz, steht ein weiß getünchtes Haus mit rotem Dach, das »Wilfrid‐Haus«. Es ist das einzige wetterfeste Gebäude aus Lehm und Ziegeln. Die Gründer haben es unmittelbar nach der Ankunft im Sumpfgebiet gebaut, während sie selbst noch in Zelten schliefen.

Das Wilfrid‐Haus ist ein geheimnisvoller Ort. Von seiner Vorgeschichte wissen nur wenige, ebenso von den Kisten, die unausgepackt im Keller lagern. Später stellt sich heraus: Wilfrid Israel hat seine millionenschwere, seltene Kunstsammlung dem Kibbuz vermacht. Die Kibbuzniks folgen seinem letzten Wunsch: Sie richten ein Kunsthaus ein – heute ein Museum –, stellen ein paar der Schätze aus. Hinweise auf den Namensgeber jedoch fehlen. Reden will darüber niemand.

»Was, wenn ich dir erzähle, dass Wilfrid Israel 20.000 Menschen gerettet hat, 15‐mal so viele wie Oskar Schindler?«, bricht eines Tages ein Freund von Nirs Großeltern das jahrzehntelange Schweigen.

Wilfrid Israel hat 20.000 Menschen gerettet, 15‐mal so viele wie Oskar Schindler.

Wilfrid Israel, ein jüdischer Schindler? Yonatan Nir traut zunächst seinen Ohren nicht. Wenn dieser Mann ein solcher Held war, wieso hat dann noch niemand etwas von ihm gehört? Wieso ist seine Geschichte nicht bekannt, steht sie nicht in jedem Geschichtsbuch? Welchen Grund sollte es geben, sie geheim zu halten?

Wer war dieser Mann, der eng mit Martin Buber, Chaim Weizmann und Herbert Samuel befreundet war, der Gandhi kannte und von dem Albert Einstein sagte, er sei in seinem »ganzen Leben keinem so edlen, starken und selbstlosen Menschen begegnet wie Wilfrid Israel«?

BUBER Nir vertieft sich zunächst in das Buch German Jewry’s Secret Ambassador von Naomi Shepherd, das der Kibbuznik ihm in die Hand drückt. Es wird zum Ausgangspunkt für seine Recherchen und zur Basis für seinen Film.

»Zwischen 1933 und 1939 wollten die Nazis Juden noch nicht ermorden«, sagt Yonatan Nir. »Sie wollten sie loswerden, aus dem Land werfen, mit so wenig finanziellem Aufwand wie möglich, jedoch mit größtmöglichem Profit – das war eine komplexe Situation.« Die begann nicht erst mit Wilfrid Israel oder mit Nirs Großvater im Palästina‐Amt. Sie begann mit David Ben Gurion.

Eine Woche nach Beginn der Kindertransporte erklärte Israels späterer Ministerpräsident am 7. Dezember 1938: »Ich habe gerade gehört, dass Züge in Deutschland Kinder retten und sie ohne Eltern nach Großbritannien bringen. Wenn ich zwei Optionen hätte – entweder alle jüdischen Kinder aus Deutschland per Zug nach Großbritannien zu retten oder nur die Hälfte von ihnen per Schiff nach Palästina –, würde ich mich für die zweite Option entscheiden, weil ich mich nicht nur mit dem Schicksal dieser armen Kinder, sondern der ganzen jüdischen Nation beschäftige.«

Den KZ‐Kommandanten ließ er für einen Gefallen kostenlos einkaufen.

Doch Wilfrid Israel war kein Zionist. Er leitete ein Unternehmen – ein Feingeist, der die Welt bereiste und asiatische Kunst sammelte. Aber er war auch Pragmatiker. Zu einem Treffen mit den »Werkleuten«, jenem jüdischen Jugendbund, der anfangs von Kommunen in Deutschland träumte, später aber die Auswanderung nach Palästina anstrebte, nimmt der Religionsphilosoph Martin Buber im Mai 1933 seinen Freund Wilfrid Israel mit, den das Engagement der jungen Leute beeindruckt. Als Werkleute von der SA verhaftet werden, sorgt der Geschäftsmann für ihre Freilassung.

Das gemeinsame Erlebnis schweißt die Gruppe zusammen: Als einige von ihnen nach Palästina auswandern und den Kibbuz Hasorea gründen, besucht Wilfrid Israel sie 1934 dort. Zur gleichen Zeit etwa beginnt er, seine jüdischen Angestellten zu retten – und immer mehr Juden, die sich in ihrer Verzweiflung an ihn wenden. Tausende Visa ringt er den Nazis ab. Immer besessener kämpft er um jedes einzelne Zertifikat.

»Er hat sein Leben in einem Maße riskiert, als ob er kein anderes Lebensziel mehr gehabt hätte, als noch mehr Menschen zu retten«, sagt Nir. Am Ende stirbt Wilfrid Israel dabei, 1943, bei einem Flugzeugabschuss im Golf von Biskaya.

HELD »Natürlich musste Wilfrid Israel mit den Nazis verhandeln«, sagt Yonatan Nir. »Man bekommt kein Visum, kein Schiff zum Hamburger Hafen, keine Züge mit 10.000 jüdischen Kindern, die Richtung England fahren, an den Augen der Nazis vorbei«, erklärt der Regisseur.

Für seinen Film hat er etliche Gerettete getroffen. Für alle ist Wilfrid Israel ein Held. Und doch taucht sein Name nirgends in Israel auf, weder als Held noch als Retter. Keine Straße ist nach ihm benannt, keine Schule.

Nir führt das auf zwei Faktoren zurück: das zionistische Schwarz‐Weiß‐Narrativ und – Schuld.

»Das Böse – das sind Eichmann und Hitler; das Opfer – das ist Anne Frank; die Helden – das sind die Aufständischen im Warschauer Ghetto. Die Opfer sind 100 Prozent Opfer, das Böse ist 100 Prozent böse, die Helden sind 100 Prozent Helden.«

Wilfrid Israel hat universale Werte bewiesen: Mut, Mitgefühl, Menschlichkeit.

Als Held gilt, wer mit Waffen gegen die Nazis kämpfte. »Aber wie viele Menschen haben sie gerettet?«, fragt Nir provokativ. »Niemanden.« Doch »wenn man eine neue Identität für einen neuen Staat kreiert, kann man nicht jemanden wie Wilfrid Israel als Helden zeigen – er war homosexuell, und er hat es verstanden, seine Kontakte in den Nazi‐Behörden zu nutzen, um das zu bekommen, was er wollte: so viele Juden wie möglich zu retten«.

Wilfrid Israel habe universale Werte bewiesen: Mut, Mitgefühl, Menschlichkeit. Doch mit Nazis zu verhandeln, sei aus Post‐Schoa‐Perspektive ein Tabu gewesen.

Und dann ist da noch die Schuldfrage. »Wenn man sich darüber klar wird, dass ein Zertifikat, mit dem jemand aus Deutschland entkam, ebenso gut einen anderen hätte retten können, fragt man sich: ›Darf ich darüber sprechen?‹ Denn das Leben des einen bedeutete den Tod eines anderen«, sagt Nir.

Das betraf sowohl die Abstimmungen im Kibbuz als auch die Kindertransporte. In jeder Familie gibt es die Großmutter, die blieb, die Tante, die später nachkommen wollte. Diese Schuld der Überlebenden – die gab es in jeder Familie. Auch im Kibbuz Hasorea.

TABU 1938 sitzen junge Leute in Hasorea beisammen. Sie müssen darüber abstimmen, wessen Eltern nachkommen dürfen – und wessen nicht. »Wen kaufen wir von dem Geld, das wir zur Verfügung haben, frei?« Und dann müssen dieselben Leute miteinander weiterleben, 75 Jahre lang.

Deshalb haben sie geschwiegen, deshalb haben sie die Kisten so lange nicht ausgepackt. Deshalb hat Yonatan Nir außer »Schlafstunde« und »Apfelstrudel« kein Deutsch gelernt. Jecke zu sein, war in Ordnung. Deutsch zu sein, war es nicht.

Jecke zu sein, war in Ordnung. Deutsch zu sein, war es nicht.

Dass viele Israelis heute anders denken, ist auch Yonatan Nirs Verdienst. »Dank dieses Films werden kommende Generationen in der Lage sein, die Geschichte unserer Nation kennenzulernen und besser zu verstehen, woher ihre starken Wurzeln kommen«, sagte der frühere israelische Staatspräsident Schimon Peres, als er die erste Fassung von The Essential Link sah.

Aus dem Film ist mittlerweile eine Art »Wilfrid‐Projekt« geworden. Täglich erreichen Yonatan Nir Anrufe und E‐Mails von Menschen, deren Eltern oder Großeltern Wilfrid Israel ihr Leben verdanken. Die Geschichte von Wilfrid Israel ist noch nicht zu Ende erzählt.

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