Dokuzentrum München

Das Konzept geht auf

120.000 Menschen haben das Zentrum bislang schon besucht. Foto: dpa

Viele, viele Jahre lang war das dunkle Kapitel in der Stadtgeschichte, als München die »Hauptstadt der Bewegung« war, aus dem öffentlichen Bewusstsein verdrängt. Der Titel »Weltstadt mit Herz« verlieh ein besseres Gefühl. Seit dem 1. Mai ist es ein Stück weit anders. Im architektonisch als weißer Würfel konzipierten NS-Dokumentationszentrum in der Brienner Straße taucht die Stadt ganz tief in ihre nationalsozialistische Vergangenheit ein. In kurzer Zeit ist das durchaus markante Gebäude zu einem Publikumsmagneten geworden. Mehr als 120.000 Menschen haben das Zentrum seit der Eröffnung bereits besucht.

Bei der Eröffnungsfeier, an der Repräsentanten aus vielen Teilen der Welt teilnahmen, warf IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch nur einen kurzen Blick zurück auf die Schwierigkeiten bei der Findung einer geeigneten Form für Erinnerung und Aufarbeitung. Sie richtete lieber den Blick nach vorne und äußerte unter anderem den Wunsch, dass vor allem möglichst viele junge Menschen das Dokumentationszentrum als Erkenntnisquelle nutzen sollten. Dieser Wunsch scheint in Erfüllung zu gehen: Bis zum letzten Schultag vor den Sommerferien waren die Führungen für Schulklassen komplett ausgebucht.

virtuelle Zeitreise Im ersten Untergeschoss, wo auf interaktiven Medientischen individuell zugeschnittene Informationen angeboten werden und eine virtuelle Zeitreise ermöglichen, sind junge Menschen zahlenmäßig fast zwangsläufig überrepräsentiert, auch beim Herunterladen der hauseigenen App, die zu 119 Orten in München führt, die in direktem Bezug zur Geschichte stehen.

Kirstin Frieden, die für die Öffentlichkeitsarbeit des Zentrums zuständig ist, beschreibt den Nutzwert des digitalen Angebots wie folgt: »Damit regt das Zentrum auch außerhalb des eigenen Hauses zur Auseinandersetzung mit der NS-Zeit an.« Eine aufschlussreiche Informationsquelle stellt auch der Katalog zur Dauerausstellung dar, der im Verlag C.H. Beck erscheint und aufgrund der großen Nachfrage schon nachgedruckt werden musste.

Nicht überraschend ist, dass an den Wochenenden und Feiertagen der Besucherandrang besonders groß ist. Aber auch das Interesse an Werktagen und besonders an den Abendveranstaltungen war in dieser Größenordnung nicht zu erwarten. Münchens Kulturreferent Hans-Georg Küppers hat dafür einen Aspekt ausfindig gemacht, der ihn positiv überrascht: »Es ist schön, dass für viele Münchenreisende der Besuch des NS-Dokumentationszentrums bereits nach der kurzen Zeit seines Bestehens zum festen Besuchsprogramm zählt. Schön ist aber auch, dass sich zahlreiche Münchnerinnen und Münchner hier mit der Geschichte ihrer Stadt auseinandersetzen.« Manche einheimische Besucher staunen, wenn sie erfahren, dass das Zentrum an der Stelle steht, an der sich früher das Braune Haus befand, die Partei- und Machtzentrale der NSDAP.

Vielfalt Winfried Nerdinger, der Gründungsdirektor, freut sich nicht nur darüber, dass die multimediale Darstellung bei den Besuchern ausgesprochen gut ankommt, sondern vor allem darüber, dass sich unterschiedliche Gruppen und Interessen einerseits und inhaltliche Vielfalt andererseits unter einen Hut bringen lassen. »Das Konzept eines offenen Lern- und Erinnerungsorts ist aufgegangen«, zieht er eine erste Zwischenbilanz.

Zu dem Konzept gehört auch der Zusammenhang zwischen Geschichte und Gegenwart. Die Dauerausstellung »München und der Nationalsozialismus« erstreckt sich über vier Etagen, dokumentiert den Aufstieg der Nazis in der Stadt bis zum Zusammenbruch des Regimes – und macht danach nicht halt. So sind auch die Morde der Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) ein Thema.

Bundeskulturministerin Monika Grütters meint, dass sich München nach der langen Zeit der Verdrängung nun mit dem Zentrum auf vorbildliche Weise seiner damaligen Rolle stellt, aber auch eine immerwährende moralische Verpflichtung dazu habe, vor allem mit Blick auf die Opfer.

Aufarbeitung Die Opfer des Nationalsozialismus spielen in der derzeit laufenden Sonderausstellung »Das Unsagbare zeigen. Künstler als Warner und Zeugen 1914–1945« im ersten Stockwerk die zentrale Rolle. Auch sie tragen zur Aufhellung der NS-Zeit bei.

Dennoch macht Gründungsdirektor Nerdinger eines klar: »Wir sind keine Gedenkstätte. Hier, an diesem Täterort, setzen wir uns auch mit den Tätern auseinander. Jeder Besucher wird konfrontiert mit seiner Umwelt: Das, was ich gesehen habe, kann ich nicht einfach in die Geschichte verabschieden, Türe zu und erledigt. Es geht mich etwas an, mich gegen Ausgrenzung und Unrecht zu wehren.«

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