Frankfurt

Das große Los

Die weißen Baseballkappen waren eindeutig das Outfit der falschen Sportart. Als American-Football-Spieler mit Helm auf dem Kopf wären die Losverkäuferinnen besser ausgerüstet gewesen – denn der Ansturm der Massen beim Basar 2014 der WIZO-Gruppe Frankfurt war unglaublich.

Wenn die Damen mit ihren frisch gefüllten Loskübeln von der Bühne ins Publikum traten, wurden sie bedrängt, bekamen die Geldscheine nur so unter die Nase gehalten, und von allen Seiten tönte es: »Ich nehm zehn!«, »Für mich bitte vier!« und »Ich brauche noch Lose!«.

Jeder wollte die Chance auf einen Gewinn nutzen. Davon gab es zahlreiche: angefangen bei Kinogutscheinen und Regenschirmen bis hin zu Schmuck, Hotelübernachtungen und Flügen. Und Koffer: »Wir haben gleich von drei Firmen Koffer bekommen«, sagte Diana Schnabel, Präsidentin von WIZO Deutschland. So war sie mit ihrem Team am zweiten Tag des Basars »allein eine Stunde lang damit beschäftigt, Koffer aus dem Lager auf die Bühne zu räumen«.

Aber während ihres Basars kennen die WIZO-Frauen traditionell weder Jammern noch Klagen: Sie räumen, schleppen, schuften, verkaufen, preisen an und lächeln stundenlang. Zwischendurch eine kleine Stärkung oder ein Gläschen, und weiter geht der (Ver)Kaufrausch.

Ausnahmezustand Als »Ausnahmezustand« bezeichnete Jennifer Marställer, Verwaltungsdirektorin der Jüdischen Gemeinde Frankfurt, die Tage des WIZO-Basars. Marställer war eine der Rednerinnen, die das Publikums-Event am Samstagabend eröffneten. Eine kurze Ansprache hielt auch – als Überraschungsgast – die ehemalige Oberbürgermeisterin der Stadt Frankfurt, Petra Roth.

»Ich fühle mich als Schirmherrin des Basars verpflichtet«, sagte sie, betonte aber zugleich, dass ihr die Teilnahme auch Spaß bereite. Schließlich sei über Jahre eine Freundschaft zur Jüdischen Gemeinde entstanden. Deshalb kündigte sie auch eine Spende an: Sie war in Anerkennung ihrer Verdienste um die Verbesserung der deutsch-israelischen Beziehungen am 9. November mit dem Robert-Goldmann-Stipendium ausgezeichnet worden. Das Preisgeld von 5000 Euro wolle sie an die Tel Aviv-Yafo Foundation für das »Wiederaufbauprogramm der Weißen Stadt« weiterreichen, sagte Roth.

projektziel Das eigentliche Projektziel des Basars, das Theodor-Heuss-Familienzentrum in Herzliya, wurde von der Frankfurter SPD-Stadträtin Elke Sautner gelobt: »Dort wird eine hervorragende Arbeit geleistet«, sagte sie als Vertreterin des Oberbürgermeisters Peter Feldmann. Ohnehin übten sich die Herren der Schöpfung während des Basars in Zurückhaltung und Bescheidenheit, indem sie sich unauffällig mit ihren Familien unters Publikum mischten.

So war Frankfurts Kämmerer Uwe Becker ebenso anzutreffen wie der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Frankfurt, Salomon Korn, oder Dieter Graumann, der scheidende Präsident des Zentralrats der Juden. Zu den am meisten beachteten Männern zählte in diesem Jahr der schweizerisch-deutsche Regisseur und Schriftsteller Michael Bergmann (Die Teilacher), der am Bücherstand seine Werke signierte – allen voran seinen jüngst erschienenen Erzählband Alles was war. Wer da nicht zugriff, hat etwas verpasst.

Ganz grundsätzlich gilt: Wer Geld sparen will, sollte den WIZO-Basar erst gar nicht besuchen. Zu vielfältig und verlockend ist das Angebot. Es reicht von Second-Hand-Schnäppchen in der Mode und beim Spielzeug über Kosmetik, Schmuck und koschere Lebensmittel bis hin zu Papeterie-Utensilien. Im friedlichen Nebeneinander der Waren spielt auch die Religion nur noch eine untergeordnete Rolle. So wartete etwa beim Flohmarkt der Sederteller neben den Figuren von den Heiligen Drei Königen auf Käufer.

Schnäppchen Und unter den Besuchern des Basars fanden sich mindestens genauso viele nichtjüdische Frankfurter wie Gemeindemitglieder. »Ich bin gekommen, weil ich hier im vergangenen Jahr so tolle Bücher für meine Tochter gefunden habe«, sagte Maria, Mittdreißigerin und keine Jüdin. Eine andere Dame ließ alle Umstehenden an ihrem weit vernehmbar geführten Telefonat teilhaben: »Ich komm’ später. Ich bin noch auf diesem jüdischen Basar und find grad so viele Weihnachtsgeschenke!« Alexander, Ende 40, hatte WIZO-Basar-Premiere und genoss vor allem die »gelöste und entspannte Atmosphäre«. Den Markt verließ er am Ende sichtlich guter Laune – und mit einem Autositz für seine Nichte unterm Arm.

Insgesamt sorgten mehr als 100 Frauen und WIZO-Sympathisantinnen im Alter zwischen 18 und 80 Jahren für den gewohnt reibungslosen Ablauf des Basars. Einige von ihnen, wie WIZO-Schatzmeisterin Esther Sharell, waren bereits beim Auftakt 1960 mit von der Partie. »Darüber freue ich mich besonders«, sagte Diana Schnabel. Aber auch darüber, dass »so viele junge Leute gekommen sind«. Dafür sei unter anderem die Young WIZO verantwortlich, die mit ihrer Cocktailbar und heißen Beats das entsprechende Publikum anziehe.

Und auch die Schul-WIZO war mit von der Partie. Hinter der Kuchentheke bediente unter der Ägide von Paulina Altmann eine ganze Armada von Ärztinnen aus der Frankfurter Gemeinde. Diese Ballung promovierter Medizinerinnen weckte Erinnerungen an den alten Emigrantenwitz, in dem die Jeckes den Staat Israel aufbauen und sich unter der brütenden Wüstensonne die Ziegel reichen: »Bitte, Herr Doktor!« – »Danke, Herr Doktor!«.

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