Erfurt

Das Geheimnis des Granatapfels

Christine Bolle greift in ihre Tasche und holt einen bunten Karton hervor. Die Kinder um sie herum werden immer neugieriger. Max ist der jüngste Teilnehmer ihres Workshops und sechs Jahre alt. Er darf als Erster in der geheimnisvollen Schachtel einen Gegenstand aussuchen und nimmt den neunarmigen Leuchter. Christine Bolle erklärt, dass er an Chanukka verwendet wird, was eine Dienerkerze ist und warum Chanukka gefeiert wird.

Ihre Gäste strahlen und wollen wissen, warum Sarah einen Granatapfel im Karton findet und Claudia ein Glas Honig. Laura findet eine Kippa, Pauline einen Apfel. So häufen sich auf dem Tisch mitten im Gebetsraum der Kleinen Synagoge Erfurt bunte Symbole und Süßwaren zu den Feiertagen.

»Das Jahr im jüdischen Kalender gliedert sich anders als unseres. Es wird auch anders gezählt.« Walja kennt das jüdische Neujahr und die Tradition, es süß zu beginnen. »Auch wenn dies noch ein paar Tage dauert«, sagt Christine Bolle, »ihr dürft schon mal kosten, wie der Honig mit Apfel und Granatapfel schmecken könnte.« Sie verteilt die Obststückchen, jeder tunkt seines in den Honig.

Christine Bolle hat sichtlich Spaß an der kleinen Gruppe und weiß, dass sich ihr Angebot erst langsam herumsprechen muss. Sie möchte Lehrer, Schulen, Religionspädagogen und vor allem Kinder erreichen, ebenso die vorwiegend russischsprachige jüdische Gemeinde in Erfurt.

Werbung »Es gibt viele Themen, mit denen ich mich selbst noch beschäftigen möchte und die ich vermitteln will.« In der vergangenen Woche sei nur ein Besucher gekommen, erzählt Christine Bolle nachdenklich. »Da haben wir den Workshop eben zu zweit gemacht.« Es sei ein Angebot, dass erst noch seine Kundschaft finden müsse. Doch gerade für Religionslehrer sei es eine Alternative zum obligatorischen Unterricht, zumal das Angebot kostenfrei ist und in einem ehemaligen jüdischen Gebetshaus stattfindet, wo Empore und Mikwe zu sehen sind.

Christine Bolle ist begeistert von dem lichtdurchfluteten Raum. Wer bei ihr einen Workshop macht, kann in fast jede Ecke schauen. Ihr jüngster Gast darf den letzten Winkel des Toraschreins erkunden, die Symbolik entdecken und auch nach oben zur Empore rennen. Christine Bolle ist Mutter von drei Kindern und weiß, nur durch das eigene Entdecken lernen Kinder mit Interesse. Ruhig erklärt sie die hebräischen Buchstaben der Inschrift an der Wand, zeigt auf eine Tora und gibt den Zeiger zum Lesen an ein Mädchen weiter.

Rosch Haschana Keiner soll Berührungsängste haben, weil das, was die Kinder sehen und hören, fremd sein könnte. Sie greift zu großen weißen Papierblättern mit Jahreszahlen, wo die des jüdischen Kalenders neben der Zahl 2011 steht. Schon bald beginne das neue jüdische Jahr Rosch Haschana! Alle tunken noch einmal ihre Apfelstückchen in den Honig, auch wenn Laura ein wenig kleckert. Christine Bolle lacht.

Sie habe ihre Liebe zu Israel, zur hebräischen und jiddischen Sprache im Studium entdeckt und während eines Jahres, das sie in Jerusalem verbracht habe, erzählt sie am Rande. Sprache kann ein Schlüssel sein für eine Religion, davon ist sie überzeugt. Deshalb ist sie auch optimistisch, dass Kinder in kurzer Zeit mit Melodien hebräische Reime lernen und Lieder singen können. Sie greift zum Abspielgerät, legt eine CD ein, und alle versuchen es. Spätestens bei der dritten Strophe sind die Kinder, trotz der ungewohnten Sprache, im Rhythmus.

begeisterung Aber auch Sprache mit Musik zu lernen, kann ein Weg sein, im Workshop funktioniert es. »Ich wünsche mir, dass sie unbefangen mit dem Thema umgehen und offen sind für Unbekanntes.« Bei ihren drei Kindern sei das schon der Fall, sagt sie lachend. Ihre große Tochter sei so fasziniert von den Feiertagen und den Ritualen, dass sie allein deshalb schon gerne Jüdin wäre. In den kommenden Wochen und Monaten soll es weitere Workshops geben, themenbezogen zu den Feiertagen und Anlässen des Kalenders.

»Ich möchte gerne das Angebot noch erweitern und erreichen, dass beim Thema Judentum nicht immer Holocaust und Verfolgung im Mittelpunkt stehen, sondern die Menschen mehr über die Religion erfahren.« Das Judentum sei für sie zur spirituellen Heimat geworden. Gerade deshalb möchte sie es Kindern und deren Begleitern weitervermitteln.

»Mich stört die Zurückhaltung mancher Menschen, doch vielleicht ist genau das der Punkt, an dem es sich lohnt anzusetzen, mit Kindern zu lernen und Dinge anzustoßen.« Wenn sie mit Schulen arbeitet, organisiert sie Bücher und Literatur, zeigt, wie man Chanukka feiert und liest mit den Kindern Texte. »Kinder sind aufgeschlossen und lernen schnell. Das sehe ich, wenn sie die hebräische Schrift ausprobieren und versuchen, von rechts nach links zu schreiben.«

Was sie selbst nach all den Jahren vor allem vom Judentum gelernt habe: »Ich habe begriffen, dass Lernen nicht aufhört, dass es einen hohen Stellenwert haben kann im Leben, eine Art Ozean des Wissens, den man sich nach und nach aneignen kann. Und das ist ein schönes Gefühl.«

Workshop zu Rosch Haschana/Jom Kippur am 17. und 21. Oktober

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