München

Das Ende der Normalität

IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch sprach im Bürgerhaus Pullach ein Grußwort. Foto: Christian Sachse

Den Ort Pullach vor den Toren Münchens verbindet man seit vielen Jahrzehnten mit dem Sitz des Bundesnachrichtendienstes. Dabei ist Pullach vor allem eine Gemeinde im Isartal, in der es sich gut und naturnah leben lässt.

Das dachte sich auch eine Reihe jüdischer Familien, wie zum Beispiel das Ehepaar Jakob und Laura Dreifuss, das noch Anfang der 30er‐Jahre in der Pul­lacher Gartenstadt ein zweistöckiges Haus errichten ließ. Das »Gesetz über Mietverhältnisse mit Juden« vom 30. April 1939, selten auch Entmietungsgesetz genannt, änderte den gesetzlichen Mietschutz zulasten jüdischer Mieter und Vermieter und zwang das Ehepaar Dreifuss noch im selben Jahr, ihr inzwischen veräußertes Anwesen zu verlassen.

Der weitere Absturz erfolgte in Etappen, erst mit der Umsiedlung in ein sogenanntes Judenhaus, dann nach München, wo der Weg Ende 1941 in das Sammellager Milbertshofen und von dort am 3. April 1942 in den Tod nach Piaski führte.

schicksal Dieses Schicksal und 34 weitere Biografien hat die Historikerin Susanne Meinl jetzt in dem Band Pullacher Lebenswege. Geschichte der antisemitisch verfolgten Bevölkerung zusammengetragen. Bei der Buchvorstellung im Bürgerhaus Pullach am Donnerstag vorvergangener Woche begrüßte die Erste Bürgermeisterin Susanna Tausendfreund Nachfahren der Familie Dreifuss und etlicher anderer betroffener Familien, die für diesen Anlass unter anderem aus Berlin, Stuttgart und der Schweiz angereist waren.

Es war deutlich zu spüren, dass Tausendfreund ein besonderes Augenmerk auf die Vorkommnisse in ihrer Gemeinde während der NS‐Zeit legt. Sie kennt die Zahl derer, die dank privilegierter Mischehen einen, wenn auch zweifelhaften, Schutz genossen, zählt die Todeslager auf, in denen andere umkamen – Kaunas, Piaski, Auschwitz, Theresienstadt –, und nennt die Namen der Suizid‐Opfer.

In ihrer Begrüßung dankte sie ausdrücklich dem Pullacher Geschichtsforum und ihrem Gemeinderat, »der die Voraussetzungen für die Entstehung des Buches geschaffen« und die finanziellen Mittel bewilligt hat. Denn der beachtlichen Materialfülle gingen um­fangreiche Archivrecherchen und vertrauensvolle Einblicke in Dokumente und Fotos aus Familiennachlässen voraus.

grusswort Wie wichtig Charlotte Knob­loch dieses Projekt ist, unterstrich die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern schon in ihrem Grußwort zum achten Band der Pullacher Schriftenreihe. Das Buch überzeuge durch die Darstellung der Verfolgung jüdischer Menschen im Großraum München und die eingehende Recherche der Einzelschicksale.

Knobloch fasst den Eindruck, der sich schon beim ersten flüchtigen Durchblättern des Bandes vermittelt, kurz und präg­nant zusammen: »Wir lesen die Lebenswege und sehen Bilder vom bürgerlichen Leben, Menschen im Kreis ihrer Familien mit Kindern, Verwandten und Hund, vor ihren Häusern, beim Spaziergang, im Auto, lesend, im Fasching. Es sind Geschichten und Bilder von Menschen, die mitten im Leben standen, die dazugehörten und nicht selten als erfolgreiche Wissenschaftler oder Kaufleute einen wertvollen Beitrag zur Entwicklung ihres Landes, das ihnen Heimat war, geleistet haben.«

In ihrem Vortrag anlässlich der Buchvorstellung im Bürgerhaus beließ es Knobloch nicht bei einem historischen Rückblick, der auf das Ende jeglicher Normalität im Jahre 1933 abhob.

zeitzeugen Sie verwies vielmehr auf die Gegenläufigkeit von der abnehmenden Zahl an Zeitzeugen und der zunehmenden Bedeutung, die die Erinnerungskultur in der heutigen Gesellschaft spielen sollte. »Die Vergangenheit bestimmt und prägt viele Debatten und unser Leben«, betonte Knobloch, »und wird das, auch wenn viele das nicht wahrhaben wollen, in Zukunft weiterhin tun.«

Die Gedenkkultur sei das Ergebnis eines langen, oft trägen und noch öfter schmerzhaften Prozesses, an dessen Anfang lange Jahre nichts weiter gestanden habe als bleiernes, undurchdringliches Schweigen. Knobloch erntete für ihre Analyse und ihren Appell, »dass auch junge Leute eine unmittelbare und persönliche Verbindung zum Geschehen von damals herstellen können«, großen Applaus.

Wie verankert Bürger jüdischen Glaubens beziehungsweise jüdischer Herkunft in der damaligen Gesellschaft gewesen waren, machte die Autorin Susanne Meinl anhand ausgewählter Biografien und einer mehrstimmigen Textcollage deutlich. Da war die Rede vom hoch dekorierten Offizier Wladimir Gottlieb Eliasberg, der als Arzt im Ersten Weltkrieg gedient hatte, von Hans Berlin, dem Miterfinder des synthetischen Kortisons, von Margarete König, geborene Bloch, die in ihrer Jugendstilvilla einen international frequentierten Salon unterhalten hatte, von Lothar Meyer, Leiter der Patent‐Abteilung der Firma Linde, der mit seiner Frau Marion in den Niederlanden im Untergrund überlebte. Zwischen 1943 und 1945 war er gezwungen, 31‐mal das Versteck zu wechseln. Bei seiner Befreiung schließlich war er bis auf die Knochen abgemagert.

entschädigung Lothar Meyer gelang zwar am Institut für Metallurgie der Universität Chicago in den 50er‐Jahren eine zweite Karriere, das Ende der Demütigung bedeutete dies jedoch nicht. Das Bayerische Landesentschädigungsamt verweigerte dem Ehepaar jegliche Entschädigung für die Verfolgungszeit. Es sei, so hieß es von offizieller Stelle, »somit nicht hinreichend nachgewiesen, dass das behauptete Leben in der Illegalität (…) menschenunwürdig war«.

Susanne Meinl plant bereits den neunten Band der Pullacher Schriftenreihe. Thema wird das Schicksal der Zwangsarbeiter sein.

Die »Pullacher Lebenswege: Geschichte der antisemitisch verfolgten Bevölkerung« (Pullacher Schriftenreihe, Band 8) sind im Rathaus Pullach erhältlich. Ein Exemplar kostet 25 Euro.

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