Jewrovision

»Da will ich dabei sein«

Ganz cool in Berlin Foto: Gregor Zielke

Das Beste kommt immer zum Schluss. Das meint jedenfalls Isabelle W. Denn bei der Jewrovision 2020 wird Olam aus Berlin als letztes Jugendzentrum starten und seine Performance im Hotel Es­trel präsentieren. »Mittendrin ist es ganz schlimm«, sagt die 15-jährige Teilnehmerin. Denn da sei die Aufmerksamkeit nicht ganz so hoch. Gegen Ende hingegen seien alle wieder hellwach, weil sie der Punkteverteilung nach dem letzten Auftritt entgegenbangen.

Isabelle (15) tritt oft in der Jüdischen Gemeinde bei Festen wie Purim oder Chanukka auf.

Eines mag Isabelle allerdings gar nicht: Nach der »Jewro« fällt sie immer in ein Loch, sagt sie, und fühlt sich »leer an«, denn die wochenlangen Proben und die anderen Tänzer und Sänger fehlen ihr. »Bis dahin haben wir uns immer zwei- bis dreimal pro Woche gesehen, und dann plötzlich nicht mehr«, sagt die Schülerin, die das Jüdische Gymnasium Moses Mendelssohn besucht. Doch so weit ist es noch lange nicht. Im Moment überwiegen Vorfreude und Aufregung vor dem großen Auftritt.

ERÖFFNUNGS-ACT Isabelle muss es wissen, denn sie singt schon zum vierten Mal für das Berliner Jugendzentrum Olam. Mit zehn Jahren war sie bereits beim Mini-Machane und hat zugeschaut. Aber ein Jahr später wusste sie: »Da will ich dabei sein und mit den anderen auf der Bühne stehen.« Diesmal kommt die 15-Jährige sogar auf zwei Auftritte, denn auch beim Eröffnungs-Act wird sie mit auf der Bühne stehen, und zwar ebenfalls als Sängerin. Was ihr anfangs etwas schwerfällt, ist, sich gleichzeitig auf den Gesang und das Tanzen zu konzentrieren. Dafür musste sie dann doch etwas mehr proben.

Isabelle vom Jugendzentrum OlamFoto: privat

Schon als Isabelle die Kita besuchte, fiel der Großmutter, einer Sängerin und Schauspielerin, auf, wie schön Isabelle singen kann – und meldete ihre Enkelin kurzerhand für den Gesangsunterricht an. Den nimmt Isabelle bis heute. Mittlerweile tritt die Jugendliche oft in der Jüdischen Gemeinde bei Festen wie Purim oder Chanukka auf.

Ebenso nahm sie 2019 an The Voice Kids teil und konnte am Anfang alle Juroren für sich gewinnen. Bei den sogenannten Battles war dann allerdings Schluss, bedauert Isabelle. Trotzdem sei es eine »tolle Erfahrung« gewesen.

Am liebsten singt die Schülerin Balladen und langsame Lieder. »Die Show hat super viel Spaß gemacht, und ich konnte viele Erfahrungen sammeln«, sagt sie rückblickend. Aber sie sei auch noch nie so aufgeregt gewesen wie in dem Moment, als sie ihren Song präsentieren durfte, eine Cover-Version des Liedes »Euphoria«, mit dem die Schwedin Loreen 2012 den Eurovision Song Contest (ESC) gewonnen hatte. Bei The Voice Kids habe sie ganz alleine am Mikro gestanden, sagt Isabelle, während bei der Jewro, die nach dem Vorbild des ESC entwickelt wurde, »immer ein Team dabei ist«.

CASTING In diesem Jahr sind es insgesamt 25 Kids und Jugendliche, die für Olam den Sieg holen wollen. »Ich bin voll stolz auf meine Mannschaft, ich finde, dass wir besser geworden sind – aber die Teams der anderen Jugendzentren wahrscheinlich auch«, meint Isabelle.

Wieder zu gewinnen, wäre eine feine Sache. »Unter die Top Drei müssten wir es schaffen«, findet sie.Im Herbst fand bereits das Casting statt, zu dem etwa 80 Jugendliche kamen. Auch Isabelle musste noch einmal vorsingen, was für die Zehntklässlerin »ein eher unspektakulärer Einsatz« war.

»Ich finde es super, dass sie bei der Jewro dabei ist«, sagt Isabelles Mutter Elvira. Die Mischung von Musik und Jüdischkeit gefällt auch ihr.

Während die Kids und Jugendlichen im Olam in der Joachimsthaler Straße die Schritte für eine gelungene Choreografie einstudieren, bereiten die Mitarbeiter im Hotel Estrel alles für das große Wochenende vor.

Im Hotel wird derweil alles gekaschert – das Küchenteam hat damit schon Erfahrung.

Mit Großveranstaltungen kennen sie sich aus, ein Essen für Hunderte von Gästen hinzuzaubern, falle ihm nicht schwer, hat der Küchenchef Peter Griebel bei der letzten jüdischen Großveranstaltung – den European Maccabi Games – gesagt.

Aber die Trennung von milchiger und fleischiger Küche bereitet ihm Kopfzerbrechen. Ein »Geht nicht« lässt Peter Griebel nicht gelten – was man will, das schafft man auch, so seine Überzeugung. Jüdische Speisevorschriften für eine Großveranstaltung kommen schließlich nicht alle Tage vor für den gebürtigen Unterfranken, der vor mehr als 20 Jahren seine Lehre im »Bratwurstglöckle« in Bad Kissingen machte.

Das weiß er aus jahrzehntelanger Erfahrung: Griebel hat bereits Bundespräsidenten, Bayreuther Festspielprominenz und die britische Queen bekocht und aufwendige Wohltätigkeitsgalas wie auch Staatsbankette bestückt.

Nun werden die verschiedenen Geschirre wieder aus den Kartons geholt und alles auf »koscher« umgestellt, die Küchen werden gekaschert. Die Kaschrut-Aufsicht hat wie beim Gemeindetag im vergangenen Dezember Rabbiner Shlomo Afanasev.

SYMBOL Zu den Jewro-Tagen kommen auch gerne Gemeinderabbiner ins Hotel Estrel. Rabbiner Yehuda Teichtal wird einen Gottesdienst abhalten, und Rabbiner Jonah Sievers möchte die Kids und Jugendlichen ebenfalls anfeuern und unterstützen. »Die Jewrovision bringt die Jugendlichen zusammen – das gefällt mir«, sagt Sievers.

Gideon Joffe freut sich, dass Berlin Gastgeberstadt des europaweit größten europäischen Tanz- und Gesangswettbewerbs für jüdische Teenager ist – dank des »wunderbaren Siegerteams unseres Jugendzentrums Olam, das die Jewrovison nach nunmehr neun Jahren wieder ›nach Hause‹ geholt hat«, so der Berliner Gemeindechef.

Denn wo könne man schließlich das Motto der diesjährigen Jewro, »Be yourself – Sei du selbst«, besser umsetzen als in der weltoffenen Metropole Berlin?

»Hier werden rund 1300 Kinder und Jugendliche aus allen jüdischen Gemeinden Deutschlands zusammenkommen und ein sichtbares Zeichen setzen. In Zeiten des europaweit wiedererstarkenden Antisemitismus ist dies mehr als nur ein Symbol. Denn es zeigt: Wir sind hier und wir bleiben!«, schreibt der Berliner Gemeindevorsitzende in seinem Jewrovision-Grußwort.

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