Lichterfest

Chanukka unterm Tannenbaum

Denise Shapiro (10) beim Chanukka-Event am vergangenen Sonntag im Therapiezentrum »Balagan« Foto: Uwe Steinert

Für David Lat (27) steht eines fest: Eine »stille Nacht« wird es für ihn nicht geben. Der Madrich des neuen jüdischen Jugendzentrums »J‐Club« in Berlin will sich am 24. Dezember in die Berliner Partyszene stürzen – genauer gesagt, in die Diskothek »The Pearl« in Charlottenburg. Dort organisieren Mike Delberg, Repräsentant der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, der Rapper Bass Sultan Hengzt und der Muslim Cem eine interreligiöse »Weihnukka«-Party.

»Ich glaube, jeder aus meiner Altersgruppe in Berlin wird sich dort blicken lassen«, ist Lat überzeugt. »Wir schotten uns nicht ab und feiern Chanukka in einem Saal mit 200 Leuten. Wir feiern zusammen Weihnukka – Juden, Christen, Buddhisten und Muslime.« Delberg sagte am Dienstag, nach Rücksprache mit der Polizei werde die Party wie geplant stattfinden: »Die beste Antwort auf Terror ist, das Leben zu feiern.«

terroranschlag Der Club ist nur 500 Meter vom Breitscheidplatz entfernt, wo am Montagabend bei einem Terroranschlag auf einem Weihnachtsmarkt zwölf Menschen getötet und Dutzende verletzt wurden.

Chanukka feiern? Oder vielleicht auch ein bisschen Weihnachten? In diesem Jahr ist die Frage besonders akut, weil Heiligabend und das Zünden der ersten Kerze zusammenfallen. Das Dilemma gibt es aber jedes Jahr – vor allem bei Kindern und Jugendlichen mit nichtjüdischen Elternteilen. »Viele Kinder, die aus Russland kommen, haben zu Hause einen Tannenbaum oder einen Adventskalender«, sagt David Lat, der längere Zeit als Madrich im Berliner Jugendzentrum »Olam« aktiv war.

Berührungsängste hat er deshalb nicht: »Ich finde das nicht tragisch. Ein Adventskalender heißt ja nicht gleich, dass man an Jesus glaubt.« Als Madrich ist ihm vor allem wichtig, jüdische Werte zu vermitteln: »Wir wollen unsere Religion und Kultur weitergeben – und dafür ist es wichtig, gerade Feste wie Chanukka nicht nur in der Familie, sondern auch mit Freunden gemeinsam zu feiern.«

synagoge Daniel Kolchynskij wird diese Gelegenheit definitiv haben: Der 17‐Jährige ist am 24. Dezember bei einem Fortbildungsseminar der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden (ZWST) für Praktikanten in der Jugendarbeit in Bad Sobernheim. Aus seiner Kindheit kennt auch er den Weihnachtsbaum: »Manchmal haben wir einen zu Hause, und manchmal nicht. Das hat keine religiöse Bedeutung, es sieht nur schön aus.« Geschenke allerdings bekomme er zu Chanukka, nicht zu Weihnachten, betont Daniel Kolchynskij, der an jüdischen Feiertagen üblicherweise in die Synagoge geht.

Auch Xenia Fuchs, die Verantwortliche für das neue Jugendzentrum »J‐Club«, wird die erste Chanukkakerze auf Machane zünden: Sie ist am 24. Dezember bei einem Ferienlager der ZWST für 14‐ bis 19‐Jährige in Bad Sobernheim im Einsatz. Geplant sei ein »Weihnukka‐Abendprogramm«, bei dem spaßeshalber sogar Baumkugeln gebastelt würden. Allerdings solle die Auseinandersetzung mit der weihnachtlichen Kultur keineswegs assimilatorische Züge annehmen, betont Xenia Fuchs: »Wir sprechen über den Chanukkamann, den Weihnachtsmann, Santa Claus und Ded Moroz. Übrig bleibt dann der Chanukkamann.«

Man müsse die Weihnachtsstimmung gar nicht ausblenden, findet die ehemalige Leiterin der Jugendzentren »Olam« in Berlin und »Chasak« in Hamburg: »Man sieht es doch überall auf der Straße, und es ist wunderschön. Aber das sind nicht wir, das sind nicht unsere Wurzeln.«

Thomanerchor Wie der Berliner David Lat stellen sich auch die drei jüdischen Brüder Jacob, Jonah und Justus Renner auf das Gegenteil einer stillen Nacht ein. Allerdings werden die Brüder nicht bei einer Party in einer angesagten Diskothek tanzen, sondern am 24. Dezember als Mitglieder des renommierten Thomanerchors in der Leipziger Thomaskirche auftreten.

»Das gehört sozusagen zu unserem Beruf«, sagt der 17‐jährige Jacob, der mit seinen Brüdern im Internat der Thomaner lebt. Bereits vor Beginn der Feiertage sind Jacob, Jonah und Justus mit den traditionellen Weihnachtsliederabenden schwer beschäftigt.

»Schon ein bisschen schade« findet es Jacob, beim Anzünden der ersten Kerze nicht zu Hause sein zu können. Am 25. Dezember aber fahren alle drei Brüder nach Hause in ihren Wohnort unweit von Leipzig, um gemeinsam mit den Eltern und dem jüngeren Bruder die zweite Chanukkakerze zu zünden und zu feiern. Nur die ältere Schwester wird fehlen, denn sie leistet in Israel ihren Militärdienst.

internat »Es ist kein großes Problem, beim Anzünden der ersten Kerze nicht dabei sein zu können«, findet dagegen der mittlere Bruder Jonah, 16 Jahre alt. Im Internat feiern sie am 24. Dezember und beschenken sich unter den Freunden. Es ist Tradition bei den Thomanern, nach dem Gottesdienst zusammen zu feiern und später mit Noten unter dem Arm »um die Häuser zu ziehen«, um in den Straßen von Leipzig Weihnachtslieder zu singen. Als er als Fünftklässler zu den Thomanern kam, habe er über die christlichen Texte, die der sakralen Musik Bachs zugrunde liegen, nicht weiter nachgedacht, sagt Jonah. Mittlerweile hat er sich aber daran gewöhnt.

Der jüngste Bruder, Justus, ist 13 Jahre alt und sagt, er sei es »gewohnt, im Kasten zu sein« – so nennen die jungen Sänger ihr Internat. In den vergangenen Jahren habe er die Feiertage allerdings zu Hause verbracht. Nun bedauert es Justus, beim Zünden der ersten Kerze nicht mit den Eltern zusammen zu sein. Musikalisch geht es auch zu Hause zu: Die Familie singt Chanukkalieder, gemeinsam besuchen alle die Synagoge und feiern auch im Gemeindehaus. Justus erinnert sich vor allem gerne an die Spiele mit dem Dreidel und die Süßigkeiten, die er an Chanukka bekam.

Dazu wird es auch diesmal ausreichend Gelegenheit geben: In diesem Jahr erwartet die Familie über die Chanukkatage viel Besuch. Außerdem hat Justus am 26. Dezember Geburtstag: Er wird 14 Jahre alt und freut sich, an diesem Tag mit seiner Familie zu feiern. »Konkrete Wünsche habe ich nicht, ich hoffe auf viele Überraschungen.«

gemeindehaus Naomi Balla, Tochter des Leipziger Gemeinderabbiners Zsolt Balla, bleibt vom Weihnachtstrubel weitgehend verschont. Sie ist acht Jahre alt und besucht die dritte Klasse einer Grundschule in Leipzig. Zu Chanukka will sie mit ihren Eltern und Geschwistern ins Gemeindehaus in Leipzig gehen, wo gemeinsam gegessen wird und »wir Kinder Tüten und Süßigkeiten« bekommen. »Ich gehe gerne dorthin«, sagt die Achtjährige.

In der Schule ist Naomi vom Ethikunterricht befreit – und hat kaum etwas von dem christlichen Fest mitbekommen. Als ihre Klassenkameraden für die Aufführungen zur Weihnachtsfeier geprobt haben, hat sie nicht mitgemacht, was sie nicht weiter störte: »Ich durfte zugucken und sagen, was mir gefiel und was nicht«, sagt sie vergnügt. Auch die Weihnachtsfeier ihrer Klasse hat sie nicht besucht.

Weihnukka‐Party, Thomanergottesdienst oder Chanukka im Gemeindehaus – die Bandbreite dessen, was jüdische Kinder und Jugendliche am 24. Dezember erwartet, könnte kaum größer sein. Doch die meisten werden wohl zu Hause mit ihren Eltern feiern und Kerzen anzünden, bevor sie sich mit ihren Freunden treffen.

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