Dortmund

Brückenbauer

Freundschaftliches Gespräch: Zwi Rappoport (l.) vom Gemeindevorstand in Dortmund mit dem Oberrabiner aus Israel, Yona Metzger Foto: Tanja Pickartz

Wenn eine Gemeinde sich zwischen einer Mikwe und einer Synagoge entscheiden muss, sollte sie die Mikwe wählen. Wissen Sie warum?» Oberrabbiner Yona Metzger, zu Besuch bei der jüdischen Gemeinde in Dortmund, blickt auf die Besucher des bis auf den letzten Platz gefüllten Betraums der Dortmunder Synagoge. Die Antwort auf die von ihm gestellte Frage gibt der höchste aschkenasische Rabbiner selbst: «Das Bad in der Mikwe ist für uns ein Symbol der immer wiederkehrenden Erneuerung. Der Erneuerung der Sehnsucht zwischen Mann und Frau, der Erneuerung der Gemeinde und der Erneuerung des Glaubens.»

Das Bild der Erneuerung passt zur Gemeinde Dortmund: Von den 4.000 Dortmunder Juden kamen nach der Schoa nur vier zurück in ihre Heimatstadt. Gemeinsam mit jüdischen Flüchtlingen, die in der Ruhrgebietsstadt in der Nachkriegszeit gestrandet waren, gründeten sie im August 1945 die jüdische Gemeinde neu: Kaum 40 Männer und Frauen waren es damals, und die Gemeinde wuchs nur langsam.

«Ende der 80er-Jahre», erinnert sich der Dortmunder Vorsitzende Zwi Rappoport in seinem Grußwort, «waren wir nur ein paar Hundert Gemeindemitglieder. Wir waren eine überalterte Gemeinde ohne Zukunft. Durch die Zuwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion sind wir wieder auf 3.700 Mitglieder angewachsen. Ich frage mich oft, wie Dortmund heute aussehen würde, wenn es keine Schoa gegeben hätte, wenn sie überlebt hätten und ein Teil dieser Stadt geblieben wären. Nein, auch wenn wir heute fast unsere alte Größe erreicht haben, wir neu Hinzugekommenen können die Toten nicht ersetzen.» Aber sie konnten auf der Arbeit der Gemeindegründer aufbauen. Und so wurde Metzger jetzt durch eine junge, lebendige Gemeinde geführt: Im Kindergarten sang und aß er gemeinsam mit den Jüngsten. Es gibt ein Jugendzentrum, jüdische Senioreneinrichtungen, Hochzeiten und Bar- und Batmizwa, früher eine Seltenheit, gehören heute zum Alltag.

zukunft «Lange Zeit», sagte der Dortmunder Gemeinderabbiner Avichai Apel, «saßen die deutschen Juden auf gepackten Koffern. Nach der Nazizeit waren sich viele Juden sicher, dass es ein Judentum in Deutschland nicht wieder geben könne. Aber dieses Land ist heute demokratisch und es hat sich seiner Geschichte gestellt. Heute haben wir wieder ein lebendiges jüdisches Leben in Deutschland. Ob das so bleibt, wird die Zukunft zeigen.»

Doch Metzger besuchte nicht nur die Dortmunder Gemeinde, sondern auch ein am selben Ort stattfindendes Treffen der Orthodoxen Rabbinerkonferenz. Ihren Vertretern war anzumerken, dass sie stolz darauf waren, dass Metzger als Gast begrüßen zu dürfen. Julian-Chaim Soussan, Rabbiner der Düsseldorfer Gemeinde, sagte: «Die deutschen Juden wurden in der weltweiten jüdischen Gemeinschaft lange nicht ernst genommen. Viele verstanden nicht, wie man als Jude in Deutschland leben konnte. In religiösen Fragen spielten wir keine Rolle. Das hat sich geändert: Zum einen gehören wir heute zu den großen jüdischen Gemeinschaften in Europa, zum anderen haben wir gezeigt, dass wir auch bei den religiösen Diskussionen mitreden wollen und können.»

Zugewinn Gerade das orthodoxe Judentum in Deutschland, sagt Soussan, habe von der Zuwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion profitiert: «Viele der Einwanderer wissen nicht viel vom Judentum und konnten ihre Religion im Sozialismus kaum ausüben. Aber das orthodoxe Judentum entspricht dem intuitiven Bild, das sie sich vom Judentum gemacht haben.»

Es komme nun darauf an, sie an den religiösen Diskursen zu beteiligen. Das sei kein Problem, da die meisten von ihnen hochgebildet seien. Aufgrund der Sprachprobleme wären aber Gemeinden, die auch russischsprachige Rabbiner hätten, bei diesem Prozess im Vorteil.

An der orthodoxen Theorie haben die Kleinen im «Brückenkindergarten» noch kein Interesse. Als Oberrabbiner Yona Metzger in die Kinderrunde fragt, wozu denn Brücken nützlich seien, kommen fröhliche Antworten wie «weiß ich nicht» und «um von rechts nach links zu kommen».

Humor Metzger ist ein Mann, der einen warmen Humor ausstrahlt, viele Scherze auf Hebräisch erzählt, die allerdings übersetzt werden müssen, lacht mit den Kindern über deren Antworten. Aber dann erklärt er ihnen, wozu Brücken seiner Ansicht nach gut sind: «Euer Kindergarten ist eine Brücke des Glaubens. Viele eurer Eltern kommen aus der ehemaligen Sowjetunion und lebten in einer Diktatur. Ihr lebt in Freiheit und könnt sagen: ›Wir gehen in einen jüdischen Kindergarten, wir sind stolze Juden.‹»

Stolz war auch die Kölner Gemeinde, die Yona Metzger nach Dresden, Krefeld und Hannover am Mittwochabend besuchte. Vor zwei Jahren habe er die Gemeinde aufgefordert, ihre Mikwe zu renovieren. Jetzt konnte er das frisch sanierte Tauchbad bewundern. Mit dem Anbringen der Mesusa erklärte Metzger die Mikwe für eröffnet. Beim festlichen Abendessen betonte der Oberrabbiner seine Begeisterung über das teilweise mit echten Weißgoldfliesen ausgestattete Bad.

Es war bereits der vierte Besuch Yona Metzgers in Köln. «Das ist eine große Ehre für uns», sagte Abraham Lehrer vom Vorstand der Synagogen-Gemeinde. «Es gibt nicht viele europäische Gemeinden, die der Oberrabbiner seit seinem Amtsantritt 2003 so oft besucht hat.»

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