Dachau

»Bedeutendes Zeichen«

»Freundschaftliches Verhältnis«: IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch und Kanzlerin Angela Merkel Foto: Marina Maisel

Bundeskanzlerin Angela Merkel wird am 3. Mai als Rednerin an der Gedenkfeier zur Befreiung des Konzentrationslagers Dachau teilnehmen. Es ist das erste Mal, dass ein amtierender Regierungschef aus diesem Anlass über eines der düstersten Kapitel der deutschen Geschichte spricht. Die Befreiung des KZ durch die Amerikaner jährt sich heuer zum 70. Mal.

Charlotte Knobloch, die zur Kanzlerin schon seit vielen Jahren ein freundschaftliches Verhältnis pflegt und sie vor eineinhalb Jahren auch im Gemeindezentrum als interessierte Besucherin willkommen heißen durfte, hält den Besuch von Angela Merkel in Dachau angesichts des neu entflammten Antisemitismus für ein wichtiges Zeichen.

Verantwortung So sieht es auch Karl Freller, Direktor der Stiftung »Gedenkstätten«, der die Kanzlerin zum Besuch der Feierlichkeiten animieren konnte. »Wir in Bayern und in ganz Deutschland stehen zu der Verantwortung, die uns aus der Geschichte erwächst. Erinnerungsarbeit ist Zukunftsarbeit«, erklärte Freller.

Wie wichtig die Erinnerungsarbeit ist, hob Charlotte Knobloch auch mit Blick auf die schrumpfende Zahl der Schoa-Überlebenden hervor. Man stehe an der Schwelle der Zeit, an der der Holocaust von Zeitgeschichte zu Geschichte werde. »Jetzt oder nie«, ist sie fest überzeugt, »muss es uns gelingen, den Grundstock für eine tragfähige, durchdachte und somit nachhaltige Kultur des Erinnerns zu legen.« Sonst würden insbesondere junge Menschen in zehn oder 20 Jahren nicht mehr wissen, nicht mehr verstehen, warum es für sie wichtig sein soll, sich mit dem Vergangenen zu beschäftigen, erklärte Knobloch.

Ganz neu ist das Terrain in Dachau für die Bundeskanzlerin nicht. Max Mannheimer, der Dachau und andere Konzentrationslager überlebt hat und unermüdlich seine Erinnerungen an die nachfolgenden Generationen weitergibt, führte Angela Merkel bereits im August 2013 durch die Gedenkstätte.

Botschaft Bei ihrem damaligen Besuch wurde Angela Merkel von Charlotte Knobloch begleitet. Die Präsidentin erinnert sich noch gut daran, wie nahe der Kanzlerin die Eindrücke gingen. »Dieser Ort hat bei ihr eine unmissverständliche Botschaft hinterlassen: die Botschaft von der Zerbrechlichkeit von Freiheit und Demokratie«, so Knobloch. »Jeder, der hier gequält wurde, grauenvoll litt oder starb, jeder Einzelne hätte noch wenige Jahre zuvor niemals für möglich gehalten, was mit ihm geschehen sollte.«

Das Konzentrationslager Dachau hatte in mehrfacher Hinsicht eine besondere Stellung im Machtapparat der Nazis inne. Es war das einzige KZ, das die gesamten zwölf Jahre der NS-Herrschaft über bestand, es war das Vorbild für alle anderen Konzentrationslager, und es war ein Instrument zur Einschüchterung, Entrechtung, Unterdrückung und Ermordung der politischen Opposition.

»Hier in Dachau«, weiß Charlotte Knobloch, »errichtete die SS einen recht- und gesetzlosen Staat im Staate.« Das Erscheinen der Kanzlerin bei der Gedenkfeier, an der auch mehrere Überlebende teilnehmen werden, sei gerade für sie und deren Nachkommen »ein bedeutendes Zeichen, dass die Erinnerung an das, was war, auch über die sogenannte Erlebnisgeneration hinaus weiterleben wird«, sagte Stiftungsdirektor Karl Freller.

bedeutung Charlotte Knobloch ist davon überzeugt, dass der Bundeskanzlerin die Bedeutung der Erinnerungskultur sehr bewusst ist, gerade in Zeiten, in denen Antisemitismus und Rassismus wiedererstarken. »Die Schuld starb oder stirbt mit den damaligen Tätern, Mitläufern, Profiteuren und willfährigen Wegduckern. Was blieb und was bleibt, das ist Verantwortung. Sie ist universell, sie verjährt nie«, hob Knobloch hervor.

Umso mehr freut es sie, dass die Gedenkstätte Dachau mittlerweile auch von hochrangigen Politikern wahrgenommen wird. Immerhin dauerte es bis zum Jahr 2010, als mit Horst Köhler erstmals ein Bundespräsident die Gedenkstätte besuchte. Dachau ist für Charlotte Knobloch weitaus mehr als ein Relikt aus dem dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte. Das Versprechen »Nie wieder!«, das man sich jedes Jahr am Erinnerungstag in Dachau gebe, sei »eine Forderung an Politik und Gesellschaft, die das Denken und Handeln im Hier und Heute« betreffe.

»Wer geschichts- und verantwortungsbewusst hinsieht und hinhört, der wird alltäglich Zeuge. Zeuge von bewussten oder unbewussten, kleineren und größeren Fällen von Menschenverachtung. In der Politik, auf dem Schulhof, in den Universitäten, den Medien, im Theater wie im Fußballstadion. Überall, jederzeit«, betonte die IKG-Präsidentin. Verfolgung und Mord haben nach ihrer Überzeugung immer Vorstufen. »Wegschauen«, erklärt sie, »ist eine davon.«

Menschenversuche In Dachau und seinen mehr als 140 Außenlagern sperrten die Nationalsozialisten über 200.000 Menschen ein. Das Konzentrationslager wurde unmittelbar nach der Machtergreifung errichtet und stand im Einflussbereich von Heinrich Himmler.

Mehr als 41.500 Inhaftierte überlebten die Grausamkeiten nicht, zu denen auch medizinische Menschenversuche zählten. Heute gehört das frühere Konzentrationslager mit 800.000 jährlichen Besuchern zu den am meisten besuchten Gedenkstätten in der Bundesrepublik.

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