Grußwort

Bangen und Hoffen

Schana towa – Gmar chatima towa! Foto: Marina Maisel

Das Ende des Jahres 5775 gibt uns Anlass, innezuhalten, zurückzublicken – und nach vorne zu schauen. Das Jahr war von Momenten größter Schocks, tiefer Trauer sowie großer Freude geprägt.

Endlich hat in München das NS-Dokumentationszentrum eröffnet – ein Meilenstein in der Erinnerungskultur. An dem einstigen Täterort gilt es künftig, vor allem junge Menschen für das Potenzial an Unmenschlichkeit unter den Menschen zu sensibilisieren. Wachsamkeit und Wehrhaftigkeit bleiben das Gebot der Stunde.

Das zeigt sich allzu deutlich in den rechtsextremen Exzessen, die sich aktuell überall in unserem Land abspielen. Seit jeher warnen wir vor dem Erstarken der Neonazis. Nun steht Deutschland knietief im jahrzehntelang verleugneten braunen Sumpf. Andererseits lassen das bemerkenswerte bürgerschaftliche Engagement und die Zivilcourage ein Land erkennen, in dem Artikel 1 des Grundgesetzes gelebte Realität ist.

Brandstiftung Fakt ist aber auch: Experten bestätigen einen klaren Zusammenhang zwischen der Stärke neonazistischer Parteien wie NPD, Dritter Weg und Die Rechte und der Mob-Mobilisierung sowie den Brandstiftungen. Spätestens jetzt sollten sich alle Verfassungsorgane hinter das ohnedies zu lange verschleppte NPD-Verbotsverfahren stellen, um der Welt zu demonstrieren, dass die nationalsozialistische Ideologie in der heutigen politischen Kultur unseres Landes keinen Platz mehr hat.

Generell gilt: Das Potenzial an Hass und Gewalt nimmt zu. Noch immer sind die Bilder der Terroranschläge von Paris und Kopenhagen in unseren Köpfen präsent. Unter dem Slogan »Je suis Charlie« erlebte die Welt eine so noch nie da gewesene Welle der Solidarität.

Zugleich wünschten sich die jüdischen Menschen ebenjene Empathie und den Rückhalt der Massen angesichts der wachsenden existenziellen Gefahr, von der wir uns just 70 Jahre nach der Schoa bedroht sehen. Nur wenige Monate zuvor hatten wir auch in Deutschland erlebt, wie zügellos und offen Antisemitismus mittlerweile wieder salonfähig ist. Im Internet – speziell in den sogenannten Sozialen Netzwerken – ist der verbale Hass längst grenzenlos.

islamismus Allerorten spukt der Geist der Judenfeindlichkeit, von dem mindestens 20 Prozent der Menschen in Deutschland befallen sind – und zwar generationsübergreifend in allen gesellschaftlichen Schichten. Eine besondere Gefahr ist der gewaltbereite Judenhass in der rechtsextremen und der islamistischen Szene. Aber auch der linksextreme Antisemitismus, der sich als Antizionismus gerne intellektuell und moralisch überlegen geriert, wird immer unerträglicher. Viel zu lange unterschätzt und aus falsch verstandener Toleranz auch politisch verharmlost wurde die judenfeindliche Atmosphäre unter hier lebenden – vor allem jungen – Muslimen.

Niemand kommt als Antisemit auf die Welt! Es sind oft missionierende Radikale und eingeschleuste Imame, die gezielt Propaganda betreiben, Hass schüren und für ihren »Heiligen Krieg« Anhänger rekrutieren. Jedem in Politik und Gesellschaft, dem ernsthaft an der Zukunft der vielen – und vielversprechenden! – jungen »Menschen mit Migrationshintergrund« gelegen ist, muss hier endlich Mut zur Wahrheit beweisen und die unübersehbaren antisemitischen Tendenzen unter den Muslimen hierzulande anprangern und ächten.

Dies gilt auch für jene Flüchtlinge aus Syrien und anderen Krisenregionen im Nahen Osten, die jetzt bei uns eine sichere Heimat suchen. Meine Haltung ist klar: Diesen Menschen muss geholfen werden! Deutschland hat die Möglichkeiten und die Pflicht, Menschen in Not humanitär zur Seite zu stehen. Fest steht aber auch: Ob importiert oder altbekannt – Hass auf Israel und Antisemitismus in jeder Form müssen rechtzeitig erkannt, geächtet und bekämpft werden!

Dass jüdische Menschen nach wie vor ihre Religion nur unter Polizeischutz ausüben können und jüdische Kinder ihre Schulen und Kindergärten als Hochsicherheitstrakt erleben müssen, ist ein Armutszeugnis für die Demokratien in Europa. Daran dürfen wir uns nicht gewöhnen!

schändung Das Normale im Unnormalen erlebten wir auch mit der Schändung unserer Ausstellung auf dem Jakobsplatz. Kaum eine Woche dauerte es, bis die Schautafeln beschädigt wurden. Betroffen auch mein Schwager Roman, der unter anderem die Konzentrationslager Plaszow, Buchenwald und Theresienstadt überlebt hat. Die Nazis ermordeten seine Mutter, seinen Vater und fünf seiner Geschwister vor seinen Augen. Jetzt entstellte ihn ein Brandloch in Form eines Hitler-Barts.

Das war keine Kleinigkeit, nicht harmlos, kein Scherz und auch nicht schlicht Sachbeschädigung. Es war ein Zeugnis von Menschenverachtung und davon, dass antisemitische Ressentiments und Judenhass auch in der deutschen Gesellschaft noch immer verbreitet sind. So gesellt sich zu der existenziellen Bedrohung die wachsende Sorge, dass der stabil geglaubte gesellschaftliche Konsens nur eine Fata Morgana sein könnte, die droht, sich im Nichts aufzulösen, je näher wir der Normalität zu kommen scheinen. Anscheinend verliert die Tabuisierung nach 70 Jahren rasant an Wirkung.

Speziell hinter scheinbar legitimer Israelkritik und der scheinheiligen globalen BDS-Kampagne schimmert oft unverkennbar antijüdische Diffamierung durch. Immer öfter erleben wir eine verhängnisvolle Mischung aus Obsession, Genugtuung und Verachtung. Es zeichnet sich ab, dass ein glaubhafter Gesinnungswandel und tief greifender Erkenntnisprozess auf weit weniger breiter gesamtgesellschaftlicher Basis stattfanden als gehofft. Also Entfremdung statt Annäherung? Oder sind das nur unerfreuliche Unwuchten auf dem Weg in die Normalität?

verwurzelt Mit den Feiern zum 200-jährigen Bestehen der Israelitischen Kultusgemeinde und dem 70. Jahrestag der Neugründung rückte die lange deutsche jüdische Geschichte in den Fokus – ein Kreislauf aus Ansiedelung, Vertreibung und Vernichtung. Juden haben entscheidend zur politischen, kulturellen, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Entwicklung unserer Heimat beigetragen – und tun das bis heute. Mit unserem Bürgerfest und dem Festakt haben wir signalisiert: Jüdisches Leben ist hierzulande fest verwurzelt.

Wir Deutschen können unsere traumatische Geschichte nicht ändern – die gemeinsame Gegenwart und Zukunft liegen in unseren Händen! Der Wille und die Bereitschaft in der jüdischen Gemeinschaft sind ungebrochen. Der Umzug zurück ins Herz der Stadt war ein entschlossenes Bekenntnis. Trotz aller Rückschläge ist unsere Hoffnung stärker als das Verzagen. Über alldem steht der Wunsch, dass sich diese Überzeugungen und die heutige Heimatliebe nicht einmal mehr als Illusion erweisen.

International ist zu hoffen, dass das Abkommen mit dem Iran kein Irrweg ist. Ein wenig irritiert es schon, dass Israels Sorgen beinahe arrogant als abwegig abgetan werden. Kaum war die Tinte unter dem Deal getrocknet, witterten die schon mit den Hufen scharrenden Großkonzerne Morgenluft. Ein »Abkommen, das die Welt sicherer macht«? Man mag es uns Juden nachsehen, dass wir angesichts der jüngsten aggressiven Äußerungen des geistigen Führers Ayatollah Khamenei skeptisch bleiben, wonach der Wunsch, Israel zu vernichten, und der generelle Hass auf die freie Welt unverändert bestehen.

Demokratie Die weltweiten verheerenden Konflikte unserer Gegenwart haben die Staatengemeinschaft offenbar überrascht. In Das Ende der Geschichte erklärte der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama 1992, dass mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs und des Kalten Kriegs der Weg für die liberale Demokratie frei sei. Vor Kurzem musste er einräumen: Die Freiheit ist heute so gefährdet wie nie.

Ich bleibe trotzdem Optimistin und hoffe, dass es uns gelingt, Demokratie und Freiheit zu verteidigen. Möge das Jahr 5776 der Welt und speziell den Menschen in Israel den ersehnten Frieden ein Stück näher bringen.

Ihnen, Ihren Familien und Freunden wünsche ich ein glückliches neues Jahr.

Schana towa – Gmar chatima towa!
Ihre Charlotte Knobloch

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