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Aufschlag in Budapest

»Talent allein reicht nicht, man muss auch fleißig sein«: Katharina Michajlova (30) lebt in Bremen. Foto: privat

Ein Leben ohne Tischtennis? Das wäre derzeit nichts für mich. Obwohl ich gerade in den vergangenen Wochen eine kleine Pause zur Erholung eingelegt habe, denn die letzte Bundesliga‐Saison war anstrengend, und mein Körper musste sich etwas erholen. Meine Mannschaft, der SV‐DJK Kolbermoor, und ich haben es auf den zweiten Platz in der ersten Bundesliga geschafft. Im vergangenen Jahr wurden wir sogar deutscher Meister. Danach habe ich den Tischtennisschläger erst einmal beiseitegelegt.

Training Doch nun bin ich seit einigen Tagen wieder aktiv im Training, denn bei den European Maccabi Games möchte ich möglichst vier Goldmedaillen holen, nämlich im Einzel, im Doppel, im Mixed und in der Mannschaft. Bei der Maccabiah 2017 in Israel gewann ich dreimal Gold und einmal Silber. Ich mag es, im Tischtennis anzugreifen und mir eine Strategie zu überlegen, mein Spezialschlag ist der Aufschlag.

In meiner Familie liegt die Leidenschaft für Tischtennis in den Genen. Meine Eltern spielten in ihrer Heimat, der Ukraine, in der Nationalmannschaft und haben sich dabei auch kennengelernt. Ich kam in Cherson, einer Hafenstadt am Dnjepr, zur Welt.

Gemeinde Als ich vier Jahre alt war, zogen wir nach Gelsenkirchen. Meine Oma ist dort noch heute sehr aktiv in der Gemeinde, unter anderem im Chor. Meine Schwester feierte dort ihre Batmizwa. Ich selbst lebe eher säkular. Das jüdische Gemeinschaftsgefühl erlebe ich intensiv bei Makkabi. Besonders die Eröffnung der Spiele ist aus genau diesem Grund jedes Mal ein Gänsehautmoment.

Ich möchte bei den Makkabi‐Spielen vier Goldmedaillen gewinnen – und etwas zurückgeben.

Das Mehrfamilienhaus, in dem wir wohnten, hatte einen Partykeller, in dem eine alte Tischtennisplatte stand. Also fragten meine Eltern nach, ob sie eine neue aufstellen und den Raum zum Üben nutzen könnten. Das wurde ihnen erlaubt. Wenn jemand anderes feiern wollte, konnte er die Platte einfach zur Seite schieben. Und auch als meine Familie ein paar Straßen weiter ihr neues Domizil fand, blieb die Platte dort stehen – und wir dürfen dort noch immer spielen. Meine Eltern und meine jüngere Schwester Lisa fahren ebenfalls mit nach Budapest und haben ihre Kellen im Gepäck.

Von klein auf habe ich meine Eltern zum Training oder zu den Spielen in die Halle begleitet. Als ich sieben Jahre alt war, fing ich selbst mit dem Sport an. Talent allein reicht nicht, man muss auch fleißig sein. An mehreren Nachmittagen in der Woche trainierte ich, an den Wochenenden schlug ich bei Mannschaftsspielen und Turnieren auf. Meine Eltern waren bei Schalke 04, was für sie hilfreich war, denn über den Sport konnten sie sich leichter integrieren. Noch heute unterstützt uns der Verein mithilfe des Projekts »Schalke hilft«, denn er sponsert uns die Teilnahme an den Maccabi Games.

SCHALKE Die ersten Aufschläge von mir fanden im Partykeller und bei Schalke 04 statt. Meine Eltern forderten mich immer wieder zu Ballwechseln heraus, außerdem engagierten sie extra Privattrainer oder andere gute Spieler für mich, damit ich weiter dazulerne. Meine erste Medaille gewann ich bei der Tischtennis‐Kinderolympiade in Düsseldorf. Das ist immer ein großes Ereignis; und es kommen Spieler aus der ganzen Welt, teilweise um die 1000. Später musste sie umbenannt werden und heißt nun »andro Kids Open«.

Ich mag es, im Tischtennis anzugreifen und mir eine Strategie zu überlegen, mein Spezialschlag ist der Aufschlag.

Ich trat damals an, obwohl ich vom Alter her noch zu jung war und keine Gegner in meinem Jahrgang traf. Im nächsten Jahr war das schon anders. Mehrere Kids meiner Altersklasse waren mit von der Partie. Ich schlug bis zum Sieg auf. So wurden Trainer auf mich aufmerksam, und ich wurde zum Stützpunkt nach Düsseldorf eingeladen. Einmal pro Woche fuhr mich mein Vater hin. Es folgten Sichtungslehrgänge, und ich wurde in die Jugend‐Natio­nalmannschaft aufgenommen.

Als ich 13 Jahre alt war, wurde ich gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, in ein Sportinternat zu ziehen. Die Einladung kam per Post. Ich überlegte kurz und dachte, dass ich das machen könnte. Meine Eltern gaben mir ebenfalls grünes Licht. Aber ich ging nicht davon aus, dass es klappen würde. Doch dann kam die Zusage. Und ich wusste, wenn es mir in Heidelberg nicht gefällt, kann ich ja zurück. Aber es gefiel mir. So zog ich mit 13 Jahren von zu Hause aus.

Ein Wunsch von mir ist es, Tischtennis bei Makkabi Köln weiter auszubauen.

Vier Jahre später wurde das Internat nach Düsseldorf verlegt. Zwei bis drei Trainingseinheiten habe ich damals täglich absolviert. Mit 19 Jahren machte ich dort mein Abitur. Das Internat war ganz gut, aber ich muss sagen, dass der deutsche Tischtennisbund nicht wirklich daran interessiert ist, dass die Spieler auch eine gute Schulausbildung bekommen. Die Hauptakteure legen mehr Wert darauf, dass dem Sport die ganze Konzentration gilt, was ich falsch finde und immer wieder kritisiere.

MASTERARBEIT Derzeit liege ich mit meiner Masterarbeit in Wirtschaftspsychologie in den letzten Zügen. Mein Studium habe ich mir mit dem Sport finanziert: als Trainerin und als Bundesligaspielerin. Zuerst habe ich ein Jahr Jura in Münster studiert, aber das war nichts für mich. Dann bin ich nach Bielefeld gezogen, um dort Sozialwissenschaften und Psychologie zu studieren, was ich mit dem Bachelor abschloss. Dazu gehörte auch ein Auslandssemester in St. Petersburg. Schließlich bin ich nach Bremen gezogen, um Wirtschaftspsychologie zu studieren.

Seit einiger Zeit lebe ich mit meinem Freund zusammen in einer WG. Er ist auch Sportler; wir treiben oft zusammen Sport. Er ist mir im Radfahren deutlich überlegen, dafür bin ich besser im Joggen. Und mit das Beste ist, dass wir einen Balkon haben. Aber auf dem kann nun nur noch eine Person stehen, denn ich habe ihn gründlich bepflanzt.

Gärtnern ist auch eine große Leidenschaft von mir. Tomaten, Gurken, Basilikum und andere Gewürze habe ich vorgezogen, Aloe Vera und Erdbeeren eingepflanzt – und nun nehmen die Pflanzen fast den ganzen Platz ein.

Gärtnern ist auch eine große Leidenschaft von mir. Auf meinem Balkon wachsen Tomaten, Gurken, Basilikum und Gewürze.

Mein Plan ist, nach Köln zu ziehen. Dort habe ich bereits zehn Monate gewohnt und mag die Stadt. Wenn ich dann einen Job finde, hoffe ich, dass er sich auf 35 Stunden reduzieren lässt. Das hört sich natürlich komisch an, aber ich brauche ja auch weiter Zeit für den Sport.

In der nächsten Saison werde ich in der dritten Bundesliga mitmischen, denn mein neuer Verein TTC Grün‐Weiß Staffel 1953, der in Limburg beheimatet ist, suchte eine erfahrene Spielerin, eine Führungsperson. Mein letzter Verein hat meinen Vertrag nicht mehr verlängert, was ich aber nicht persönlich nehme. Sie haben sich für eine jüngere Spielerin entschieden. Für mich war es immer anstrengend, zu den Partien anzureisen, denn ich musste quer durch Deutschland nach Rosenheim in Bayern, also mehr als 950 Kilometer fahren.

BUNDESLIGA Nachdem die Fluggesellschaft Air Berlin pleiteging, stieg ich auf die Bahn um. Damit war das Wochenende geklärt: Samstag hin, Sonntag Spiel, Montag zurück. Zwei Jahre habe ich dort gespielt. Aber ich werde dem nicht hinterhertrauern. Die Damen‐Bundesliga ist übersichtlich, denn es gibt in der ersten Liga nur zehn Mannschaften, die in einem Ligasystem antreten, bei dem jeder Verein je ein Hin‐ und Rückspiel gegen jeden anderen bestreitet.

Insgesamt habe ich sechs Saisons in der ersten Bundesliga mitgemischt, zum ersten Mal mit 16 Jahren.

Insgesamt habe ich sechs Saisons in der ersten Bundesliga mitgemischt, zum ersten Mal mit 16 Jahren. Auf dem Damen‐Ranglistenplatz in Deutschland habe ich es aktuell auf Platz 23 geschafft. Mit 19 Jahren fing ich an, mir Geld als Tischtennis‐Trainerin zu verdienen. Dadurch habe ich mehr verdient, als ich das beispielsweise als Kellnerin könnte. Meistens unterrichte ich Anfänger, es laden mich aber auch Vereine ein, um mit ihren Spielern zu arbeiten.

Normalerweise trainiere ich dreimal pro Woche Tischtennis und mache zusätzlich zweimal Fitness und zu Hause Übungen mit Gewichten und meinem Eigenkörpergewicht. Da ich mich einmal an der Schulter verletzt habe und daraufhin eine Pause einlegen musste, gehören auch spezielle Übungen zu meinem Programm. Sie helfen auch dann, wenn ich eine falsche Haltung am PC oder am Handy einnehme.

REISEN Nun freue ich mich erst einmal auf Budapest. Ich mag es sehr, unterwegs zu sein. Kurze Städtetrips sind ganz nach meinem Geschmack, aber auch längere Reisen. Mich interessiert die Atmosphäre der Städte und anderer Länder. Und die Natur! Außerdem mag ich es, mich in ein Buch zu vertiefen – Romane, Klassiker, Sachbücher und Krimis, also alles Mögliche. Ins Kino gehe ich auch leidenschaftlich gerne.

Ein Wunsch von mir ist es, Tischtennis bei Makkabi Köln weiter auszubauen. Makkabi hat mir so viel gegeben, und ich bin immer mitgefahren. Nun möchte ich etwas zurückgeben.

Aufgezeichnet von Christine Schmitt

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