Schoa-Gedenken

»Aufgabe der Heutigen«

Stilles Gedenken: Mehr als 40.000 Menschen ermordeten die Nationalsozialisten im KZ Dachau. Foto: Marina Maisel

Für die jüdische Gemeinde ist der 29. April 1945 ein Tag von ganz besonderer Bedeutung. Vor genau 72 Jahren, wenige Tage vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs, befreiten amerikanische Truppen das Konzentrationslager in Dachau. Jedes Jahr erinnern der Landesverband der Israelitischen Kultusgemeinden und die Israelitische Kultusgemeinde München und Oberbayern mit einer Gedenkveranstaltung an das Ende der Unmenschlichkeit, die für die Nazis das Normalmaß war.

Zu den Gästen, die sich am Sonntag vor dem jüdischen Mahnmal am südlichen Rand des Areals einfanden, gehörte auch der fast 90-jährige Abba Naor. Er überlebte das Ghetto von Kaunas (Litauen), das KZ Stutthof – und die berüchtigten Dachau-Außenlager Utting und Kaufering. Was ihm die Nazis antaten, werde er niemals vergessen können, sagte der wechselnd in Israel und München lebende Naor in seiner Gedenkrede. »Wir wurden zwar physisch befreit, aber seelisch sind wir nicht befreit worden.« In seiner Brieftasche, die er stets bei sich trägt, stecken Fotos seiner Kinder, seiner Enkel und Urenkel, sein »persönlicher Sieg« über die Nazis, wie er erklärte.

Wut Charlotte Knobloch, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, schlug in ihrer Rede vor dem Mahnmal den Bogen vom Nationalsozialismus in die Gegenwart. »Es macht mich wütend«, sagte sie an jenem Ort, der mit Begriffen wie Verfolgung, Unterdrückung, Entrechtung, Entmenschlichung, Sadismus, Folter und Mord untrennbar verbunden ist, »dass jüdische Menschen gut 70 Jahre nach dem Holocaust wieder Opfer von Ausgrenzung und Anfeindung werden, dass ›Jude‹ wie in meiner Kindheit wieder ein Schimpfwort auf Schulhöfen oder in Fußballstadien ist.«

Mehr antisemitische Übergriffe, mehr Rechtsextremisten, eine erkennbare Radikalisierung bisher unauffälliger Bürger: Diese Entwicklung bereitet auch Josef Schuster, dem Präsidenten des Zentralrats der Juden und bayerischen Landesverbandspräsidenten, große Sorge. Bei der Gedenkstunde in Dachau plädierte er wie Charlotte Knobloch für die Einsetzung eines Antisemitismusbeauftragten im Bundeskanzleramt. Laut Knobloch wäre die Schaffung einer solchen Stelle ein längst überfälliges Signal.

Die IKG-Präsidentin forderte im Umgang mit dem erstarkenden Antisemitismus ein grundlegend größeres Engagement und mehr Ehrlichkeit von Politik und Gesellschaft. »Die Halbherzigkeit, mit der die offenkundigen Fehlentwicklungen und Rückschritte hierzulande und in ganz Europa zwar irgendwie bedauert, aber nicht angemessen entschlossen bekämpft werden, sind nicht akzeptabel«, äußerte sie deutliche Kritik.

AFD Auf die bedenklichen politischen Entwicklungen der AfD ging Josef Schuster ein. »Dies alles«, sagte er, »könnte uns relativ kaltlassen, wenn es sich um ein kleines Häuflein Unverbesserlicher handeln würde, das keinerlei politischen Einfluss hat. Doch leider ist die AfD in immer mehr Landtagen und – so müssen wir befürchten – auch im nächsten Bundestag vertreten.«

Charlotte Knobloch widmete sich der problematischen Entwicklung in der Parteienlandschaft noch stärker und kritisierte den oftmals verharmlosenden Begriff Populismus. »Weder Pegida und Co. noch AfD oder Front National sind Populisten. Der Begriff ist zu schwach, er deckt die gefährlichen Phänomene nicht ab, die unsere Gesellschaften mit Hass und Hetze kontaminieren.« Geradezu unerträglich müsse es an einem Ort wie Dachau wirken, wenn die Schoa durch eine perfide Wortakrobatik relativiert werde. »Dass antijüdischer Hass in dem Land, in dem die Schoa geplant und umgesetzt wurde, wieder zu einem gravierenden Problem werden konnte, macht mich fassungslos«, erklärte Charlotte Knobloch.

Die IKG-Präsidentin erinnerte die Anwesenden in ihrer Rede auch daran, wie wichtig es sei, aus der Geschichte Konsequenzen zu ziehen. »Das war, ist und bleibt die Aufgabe der Heutigen«, sagte sie mit sichtbarer Zustimmung von Karl Freller, dem Direktor der Stiftung bayerischer Gedenkstätten, der ebenfalls zu der Gedenkstunde am jüdischen Mahnmal gekommen war. Zudem erinnerte sie daran, dass mit dem absehbaren Wegbrechen der Zeitzeugen als wesentliche Säulen der Erinnerungskultur und dem Wechsel von Zeitgeschichte zu Geschichte eine Zäsur eintrete.

Sorge Sowohl Charlotte Knobloch als auch Josef Schuster äußerten sich bei der Gedenkstunde besorgt über das Ansinnen, die NS-Geschichte in den Hintergrund zu rücken. Um die Dimension dieser Sorge darzustellen, wies die IKG-Präsidentin auf eine Studie der Bertelsmann-Stiftung aus dem Jahr 2015 hin, derzufolge die überwiegende Mehrheit der Deutschen vom Holocaust und der NS-Vergangenheit verschont bleiben will. »Würde ich nicht auch so viele positive Erfahrungen mit interessierten großartigen Jugendlichen machen«, sagte Charlotte Knobloch nachdenklich, »man würde verzweifeln.«

Als Rabbiner Yehuda Aharon Horovitz unter dem kleinen Zeltdach vor der Dachauer Gedenkstätte das El male Rachamim vortrug, richteten sich die Gedanken noch einmal besonders intensiv auf die Opfer der Schoa. Mehr als 200.000 Menschen wurden ab 1933 nach Dachau deportiert, mehr als 40.000 wurden ermordet.

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