Gesellschaft

»Auch heute fehlt Zivilcourage«

Der Zeitzeuge Alexander Fried über Begegnungen mit Schülern, Europa und das zukünftige Deutschland

von Katrin Richter  04.02.2019 12:06 Uhr

»Die Originalität des Leidens und die Originalität der Erlebnisse kann kein Stückchen Papier ersetzen«: Alexander Fried Foto: Chris Hartung

Der Zeitzeuge Alexander Fried über Begegnungen mit Schülern, Europa und das zukünftige Deutschland

von Katrin Richter  04.02.2019 12:06 Uhr

Herr Fried, Sie waren in der vergangenen Woche zu Gast im Robert‐Havemann‐Gymnasium in Berlin‐Pankow und haben Schülern aus Ihrem Leben erzählt. Wie erleben Sie diese Treffen?
Ich bin immer sehr froh, dass ich zu deutschen Jugendlichen sprechen kann – ich mache das übrigens auch in Tschechien und Israel. Es ist für mich ein Herzensanliegen, denn ich glaube, dass es für die Demokratie und für die Menschlichkeit sehr wichtig ist. Besonders bei diesem letzten Termin waren die Schülerinnen und Schüler sehr liebenswürdig. Es gibt aber auch Momente, in denen Schüler sehr ergriffen sind.

Wie gehen Sie persönlich damit um?
Es ist auch für mich nicht leicht, denn jeder Vortrag bedeutet für mich, dass ich mich in die Zeit zurückversetze. Ich habe meine Mutter sehr geliebt, und wenn ich über sie spreche, weine ich oft. Dann drehe ich mich meistens um.

Begegnungen mit Zeitzeugen wird es in ein paar Jahren nicht mehr geben. Wie soll das Erinnern zukünftig aussehen?

Die Originalität des Leidens und die Originalität der Erlebnisse kann kein Stückchen Papier ersetzen. Man kann die Menschen nicht ersetzen. Aber es ist eine Verpflichtung für die zukünftige Generation, sich zu erinnern. Deswegen ist es wichtig für die Schulen, neue pädagogische Methoden ausfindig zu machen, um diese Erlebnisse in einer Weise zu analysieren, dass sie die Schüler ansprechen und berühren.

Wie könnten diese Methoden aussehen?
Jede Schule sollte beispielsweise ein Dokument oder ein Buch eines Zeitzeugen haben. Vor allem aber denke ich, dass viele Lehrer Fortbildungskurse in der Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem belegen sollten, denn an ihnen ist es, dieses Wissen zu vermitteln. In Berlin gibt es Schüler, die jüdische Schüler angreifen, und das ist ein schreckliches Vergehen. Das muss man sehr ernst nehmen. Deutschland hat seine Geschichte sehr gut aufgearbeitet, aber wir wissen, dass es in Europa viele Staaten gibt, die sehr nationalistisch eingestellt sind. Und der Nationalismus ist Gift.

Sie sind Professor für europäische Geschichte. Wie blicken Sie heute auf Europa?

Das ist für mich ein großes Problem: Denn das Europa, das auch durch Juden aufgeblüht ist, ist heute leider tot. Ich denke, wir müssen uns auf den jüdischen Beitrag für Europa konzentrieren, aber das wird vollkommen vernachlässigt. Ohne Juden gibt es kein Europa. Und Europa hat die eigenen Kinder ermordet. Dafür hat sich ganz Europa bis zum heutigen Tag nicht einheitlich entschuldigt – und dabei bemüht man sich doch so um Einheit.

Ist denn die europäische und auch deutsche Gesellschaft stark genug, den rechtsextremen Parteien etwas entgegenzusetzen?
Ich glaube, dass die Deutschen aus der Geschichte gelernt haben. Allerdings, wenn ich sehe, dass ein Teil der Abgeordneten im Bundestag mit Nazis sympathisiert, dann frage ich mich: Wie ist das möglich? Deutschland hatte sich seine Geschichte verinnerlicht, aber leider fehlt Zivilcourage auch heute. Wenn ich mich in meinem Heimatort Tirschenreuth mit den Menschen unterhalte, sagen sie mir, sie könnten es nicht verstehen, dass es wieder Nationalismus und Populismus gibt. Ich antworte dann immer: Gut, aber was machen Sie dagegen? Sehen Sie, wir müssen wieder auf die Straßen gehen. Man muss sich entrüsten, man muss aufstehen und schreien. Aber das machen die Deutschen nicht.

Anfang Dezember haben Sie das Bundesverdienstkreuz am Bande erhalten. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?

Dazu möchte ich kurz etwas erzählen: Ich bin ja tschechischer und kanadischer Staatsbürger. Die israelische Staatsbürgerschaft wollte ich nicht annehmen, weil ich sagte, mein Herz ist voll. Jetzt allerdings habe ich meiner Frau gesagt, dass ich auch die deutsche Staatsbürgerschaft annehmen würde.

Wegen der Auszeichnung?
Ja, ich sehe, dass die Deutschen so wie Sie und ich sind. Ich bin keinem begegnet, der mir Übles wollte. Meine Frau ist da vorsichtiger.

Was macht Sie stark?
Wir sind ein starkes Volk. Das Judentum ist ein sehr wichtiger Faktor, der mir immer Hoffnung im Leben gegeben hat. Ich hatte diese Sicherheit, dass man mich nicht töten würde, obwohl ich 30‐mal – ohne zu übertreiben – kurz vor dem sicheren Tod war. Mich hat immer die Liebe zu meiner Mutter und zu meinem Vater stark gemacht, die Hoffnung, und das sage ich als überzeugter Zionist, dass wir einen Staat haben würden. Allerdings würde ich mich freuen, wenn es heute nicht mehr diesen Fanatismus geben würde. Es wäre schön, wenn man die Palästinenser, die schon so viele Jahre dort leben, auch respektiert. Aber selbstverständlich muss sicher sein, dass Israel nicht zerstört wird, wenn ich da an den Iran denke oder an einige fanatische Palästinenser.

Welches Deutschland wünschen Sie sich für Ihre Enkel?
Nicht das kommunistische, selbstverständlich. Ich wäre glücklich, wenn die Sozialdemokratie ein bisschen stärker werden könnte.

Mit dem Zeitzeugen sprach Katrin Richter.

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