München

»Antisemiten demaskieren«

»Nationalismus und Antisemitismus sind wieder salonfähig geworden«: IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch

Frau Knobloch, Sie wurden in München geboren, arbeiten hier, leben hier und sind damit ein waschechtes »Münchner Kindl«. Israel liegt vier Flugstunden entfernt, rund 3000 Kilometer. Wie nahe sind Sie dem Land?
So nahe wie man Israel nur sein kann und so nahe, dass ich das wahre Gesicht Israels wahrnehme, den Spirit, der von dem Land ausgeht, die Inspiration und die Visionen, die gebündelte Energie. Israel gehört in technologischen, medizinischen und vielen anderen Bereichen zu den innovativsten Staaten der Welt. Das ist ein überaus bemerkenswerter Vorgang.

Inwiefern?
Man muss bedenken, dass diese Erfolge des jüdischen Staates in einer Region realisiert werden, aus der fast ausnahmslos Krieg, Gewalt, Hass und Destruktivität auf uns überschwappen. Die politisch stabilisierende Rolle Israels – eine Insel der Freiheit, der Toleranz, der Vielfalt und Demokratie, umgeben von Tyrannei, Willkür, Unterdrückung, Zwangs-, Gewalt- und Schreckensherrschaft – wird bei Kritikern dabei immer gern übersehen.

Eine besonders harsche Diffamierung Israels kommt von der Organisation »Boycott, Divestment and Sanctions«, kurz BDS, die jetzt immer stärker in Deutschland Fuß fasst – leider speziell auch in München. Ihre internationale Kampagne begründen die Verantwortlichen mit der Palästinenserpolitik Israels. Können Sie die Kritik nachvollziehen?
Sachliche, faire Kritik kann ich immer nachvollziehen. Aber diese Boykottbewegung ist Hass, blanker, kaltherziger Antisemitismus und sonst gar nichts. Es geht um nichts anderes als die Vernichtung des jüdischen Staates. Schritt für Schritt soll Israel auf allen Ebenen – akademisch, wissenschaftlich, wirtschaftlich, kulturell – politisch ausgegrenzt und zerstört werden. Die Weltanschauung der Gründer und Unterstützer der Bewegung basiert darauf, den Zusammenbruch des Staates Israel herbeizuführen. Eine Einstaatenlösung ohne Israel, ein palästinensisch-arabischer Staat anstelle Israels – das ist die Vision der Aktivisten von BDS.

In einigen Ländern wurden die Boykotte bereits verboten. Erwarten Sie das auch von unseren Behörden?
Natürlich erwarte ich das. Aber die Realität ist leider eine andere. Es ist nicht hinnehmbar, dass diese antisemitischen Agitatoren ein Forum erhalten, schon gar nicht im öffentlichen Raum, auf städtischem oder kirchlichem Boden, wie es bereits der Fall war, oder auf dem Münchner Stachus, wie vor wenigen Tagen. Sie dürfen keine Preise bekommen, wie in Bayreuth geschehen, sie dürfen keinen Applaus bekommen, wie er besonders häufig aus dem links-politischen Spektrum zu hören ist. Sie verdienen keine Aufmerksamkeit und nicht den Hauch von Legitimität und Anerkennung. Es sind Antisemiten durch und durch, und sie müssen als solche benannt, demaskiert und geächtet werden.

Sehen Sie die Gefahr, dass Antisemitismus wieder salonfähig wird?
Genau genommen sind Hass, Verachtung, Nationalismus und Antisemitismus bereits wieder salonfähig geworden. Was mich besonders bedrückt: Ich habe den Eindruck, dass die gesellschaftliche Mitte nicht mehr nur infiziert, sondern bisweilen unverkennbar zum Herd des Übels geworden ist. Es ist ja nicht zu übersehen, dass Rechtspopulisten und Rechtsextremisten in ganz Europa wieder beträchtlichen Rückenwind haben, der mit Randgruppen allein nicht zu erklären ist. Aber unabhängig von der Struktur der Wählerschichten ist genauso klar, dass man es drehen und wenden kann, wie man will: Geschichtsrevisionismus und antisemitische Ressentiments sind mittlerweile feste Bestandteile ihrer rechtsradikalen Gedankenwelt.

Die AfD will sich so weit rechts außen nicht einordnen lassen …
… aber ihre Äußerungen und ihr Personal lassen keinen anderen Schluss zu. Welch Geistes Kind diese Partei ist, zeigte sich doch auch jüngst hier in München, als die AfD-Vorsitzende Frauke Petry ihren Auftritt im Hofbräukeller einklagen musste. Nicht einmal die einschlägig verurteilten Neonazis, die an dem Anschlag auf das jüdische Gemeindezentrum beteiligt waren, wurden des Saales verwiesen. Von den Unsäglichkeiten, die führende Protagonisten wie Herr Höcke oder Frau von Storch regelmäßig von sich geben und damit ihre politische Ausrichtung offenlegen, will ich gar nicht erst sprechen.

Rechte Parteien wie die AfD in Deutschland, Front National in Frankreich oder die FPÖ in Österreich wollen enger zusammenarbeiten und auch auf europäischer politischer Bühne mehr Gewicht bekommen. Machen Sie sich angesichts solcher Entwicklungen Sorgen?
Ja, aber nicht erst seitdem. Und auch nicht nur aufgrund der Einflüsse der rechten Parteien in Europa. Leider ist ausgerechnet in den Institutionen der Europäischen Union die Anfälligkeit für israelfeindliche Thesen – auch und gerade aus dem linken politischen Spektrum – groß, und Deutschland widerspricht nicht in der Massivität, die ich mir von einem Partner wünsche, der seine Solidarität und Freundschaft beteuert. Israelfeindlichkeit, ich meine nicht sachliche Kritik, sondern grundsätzliche Feindlichkeit, befördert den ohnehin stark vorhandenen Antisemitismus.

Demnach müssten auch die Vereinten Nationen (UN) ihren Anteil am wachsenden Antisemitismus haben. Der ehemalige israelische Botschafter bei der UN, Ron Prosor, ist nach mehreren Jahren in dieser Funktion zu folgendem Ergebnis gekommen: »Nirgendwo ist anti-israelische Voreingenommenheit offensichtlicher als dort.« Wissen Sie, was er damit genau meint?
Ich denke, dass die übermäßigen, meist nicht rational nachvollziehbaren Resolutionen gegen Israel einer der Gründe für so eine Aussage sind. Für mich ist es eine nahezu unerträgliche Farce, dass sich die UN an Israel abarbeiten und zugleich ihre Ignoranz und Scheinheiligkeit zeigen, indem sie immun und schweigsam sind angesichts der mehr als zehn Millionen Opfer von Tyrannei und Terrorismus und tatsächlichen Menschenrechtsverbrechen im Nahen Osten gegenüber Jesiden, Bahai, Kurden, Christen und Muslimen, sowie Kindern, Frauen und Homosexuellen, die täglich von radikalen Extremisten exekutiert, misshandelt oder vertrieben werden. Gleichzeitig werden skrupellose Herrscher und Diktatoren in der arabischen Welt hofiert. Scheinheiliges Schmierentheater könnte man dazu sagen.

Ist das angesichts der komplexen politischen Situation gerade im Nahen Osten nicht ein sehr hartes Urteil?
Inhaltlich keinesfalls. Welchen Begriff soll ich dafür benutzen, wenn sich die westliche Politik, Europa und speziell Deutschland zu Zeiten globaler islamistischer Radikalisierung mit Fanatikern einlässt und ihnen bedingungslos vertraut?

Sie meinen den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan?
Das gilt auch für die Türkei und den glühenden Israel-Verächter Erdogan, dem man weit über die politische und moralische Schmerzgrenze entgegenkommt. Aber es gilt zum Beispiel auch für Saudi-Arabien, einem der entscheidenden Hauptexporteure und Finanziers des Terrors – und zugleich gefragter Handelspartner des Westens für Waffengeschäfte. Vom Iran, der Israel von der Landkarte löschen will, zahllose Terrororganisationen unterstützt und seine Vernichtungsfantasien über Israel zu einer Art Staatsreligion erhoben hat, will ich gar nicht reden. Es ist schon schwer, zu sehen, dass der deutsche Wirtschaftsminister der erste war, der den Iran besuchte, um die Aufhebung der Sanktionen zu feiern.

Das ist große Weltpolitik ...
… die die jüdischen Menschen auch hier in München unmittelbar zu spüren bekommen. Auch ich persönlich, wenn der Münchner Vorsitzende der Pegida-Bewegung blöde Sprüche verbreitet und meint, mir Verhaltensratschläge geben zu müssen.

Mit der Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern sprach Helmut Reister.

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