München

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Ein breites Bündnis aus Bürgern, Politik, Vereinen und Organisationen war dem Aufruf von Oberbürgermeister Dieter Reiter gefolgt. Foto: Marina Maisel

Tausende Münchner haben am vergangenen Freitag ein starkes Zeichen der Solidarität mit der jüdischen Gemeinschaft und gegen Antisemitismus gesetzt. Sie waren einem Aufruf von Oberbürgermeister Dieter Reiter gefolgt, dem sich ein breites Bündnis politischer, kirchlicher und ziviler Institutionen, Vereine und Organisationen angeschlossen hatte.

Ort und Zeitpunkt der Kundgebung hatten mehr als nur symbolischen Charakter. Am Jakobsplatz im Herzen der Stadt befindet sich seit gut einem Jahrzehnt das Zentrum jüdischen Lebens. Die Hauptsynagoge Ohel Jakob und das Gemeindezentrum der IKG München und Oberbayern sind die sichtbaren Zeichen jüdischer Präsenz.

Hitler Im Herzen der Stadt, nicht weit vom Jakobsplatz entfernt, befand sich in der Herzog‐Max‐Straße früher die Alte Hauptsynagoge. Auf persönlichen Befehl Hitlers hin wurde sie dem Erdboden gleichgemacht, schon Monate vor der Pogromnacht. Am Tag nach der Solidaritäts‐Kundgebung, dem 9. Juni, jährte sich der Beginn des Abrisses zum 80. Mal.

Antisemitismus, eine Triebfeder der Nazi‐Ideologie, ist auch acht Jahrzehnte später ein gesellschaftliches Problem mit zunehmender Tendenz. IKG‐Präsidentin Charlotte Knobloch, die die Bilder der zerstörten und brennenden Synagogen als Kind miterleben musste und noch heute vor Augen hat, lässt eine gewisse Fassungslosigkeit erkennen.

»Ich dachte nicht«, sagte sie bei der Kundgebung, »dass Antisemitismus je wieder so bedrohlich wird.« In den letzten Jahren sei noch dazugekommen, so die IKG‐Präsidentin, dass sich die jüdische Gemeinde wegen ihrer Sorgen über den immer spürbarer werdenden Juden‐ und Israelhass oft alleingelassen gefühlt habe. Umso erfreuter sei sie nun aber über die große Resonanz, die der Aufruf gefunden habe.

verantwortung Dringenden Handlungsbedarf in Form einer klaren Positionierung angesichts weit verbreiteter antisemitischer Einstellungen erkennt auch Oberbürgermeister Dieter Reiter. »Es ist die Aufgabe einer verantwortungsbewussten und demokratischen Stadtgesellschaft, von sich aus gegen Antisemitismus aufzustehen und sich solidarisch an die Seite der Münchner Jüdinnen und Juden zu stellen.«

Als Oberbürgermeister der ehemaligen »Hauptstadt der Bewegung« kommt Dieter Reiter beim Thema Antisemitismus an den speziellen örtlichen Aspekten nicht vorbei: die »beschämend große Mehrheit der Münchner Bevölkerung«, die Verbrechen an der jüdischen Gemeinschaft gleichgültig hingenommen oder ihnen gar ausdrücklich zugestimmt habe.

»Das Gefühl der Einsamkeit und Schutzlosigkeit von damals darf sich nie mehr wiederholen«, rief Oberbürgermeister Dieter Reiter ins Mikrofon. Jan Mühlstein, der Vorsitzende der liberalen jüdischen Gemeinde Beth Shalom, fragte mit Blick auf den stärker werdenden Antisemitismus: »Übersehen wir die Warnzeichen?«

Zweifel Der Antisemitismusbeauftragte Bayerns, Ludwig Spaenle, wäre nicht in dieser Position, wenn es Zweifel an seiner Verbundenheit mit der jüdischen Gemeinde geben würde. Das machte er auch bei der Kundgebung als einer der Redner klar: »Judenhass darf und wird in unserer Gesellschaft nie wieder den Ton angeben.«

Diese politische und gesellschaftliche Relevanz sprach auch Charlotte Knobloch in ihrer Rede sehr deutlich an. »Der Kampf gegen Judenhass ist auch der Kampf für die Demokratie und die Freiheit«, sagte sie.

Scharfe Kritik übte die IKG‐Präsidentin vor der Kulisse der Ohel‐Jakob‐Synagoge an der AfD. »In dieser Partei«, erklärte sie, »verbinden sich Antisemitismus, Rassismus, Chauvinismus und Geschichtsklitterung zu einer menschenverachtenden Haltung, die nie wieder in deutsche Parlamente hätte einziehen dürfen.«

Attentat In seiner Rede hatte Oberbürgermeister Dieter Reiter auch den Umstand angesprochen, dass Antisemitismus nicht mit dem Ende der NS‐Zeit verschwunden sei, sondern sich auch immer wieder in München gezeigt habe. Er nannte den Brandanschlag 1970 auf ein jüdisches Wohnheim, durch den sieben Menschen starben, das Olympia‐Attentat auf das israelische Team zwei Jahre später, bei dem elf Sportler ermordet wurden – und den geplanten Anschlag auf die IKG durch Neonazis im Jahr 2003.

Bei der Kundgebung griff auch Miriam Heigl, Leiterin des Demokratiebüros, zum Mikrofon. Sie betonte, dass sich unter den Zuhörern auch Menschen aus dem Umfeld der Täter befänden, die den Anschlag auf den Jakobsplatz planten – Aktivisten von Pegida und der Neonazi‐Partei »Der dritte Weg«. Ihnen gab Miriam Heigl diesen Satz mit auf den Weg: »Auch wenn Sie hier sind – Sie sind nicht Teil dieser Versammlung.«

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