München

»An der Schwelle der Zeit«

Chag Pessach Sameach Foto: Flash 90

An Pessach feiern wir den Auszug aus Ägypten, der die Juden vor dem Untergang bewahrte. Weder beim Kiddusch am Schabbat noch an allen von der Tora vorgeschriebenen Feiertagen darf die Erinnerung an den Auszug aus Ägypten fehlen, die l’dor vador – von Generation zu Generation – weiterzugeben ist, um unseren Glauben und unsere Tradition zu bewahren. Die Notwendigkeit des Erinnerns ist in keiner Religion so immanent wie im Judentum. Die Erinnerung erdet die jüdische Gemeinschaft. Sie verwurzelt uns in unserem Glauben – so fest, dass Religion und jüdische Lebensweise uns zur Heimat gereichen, wo immer das Schicksal uns hinverschlägt.

erinnerung Die Schoa ist eine der traumatischsten Erinnerungen in der Jahrtausende währenden Geschichte der Juden – eine beispiellose Leiderfahrung. Insofern gilt es in Europa nicht nur das religionsspezifische Gedächtnis an die Lehre zu pflegen. Wir müssen die gewachsene gesellschaftliche Erinnerungskultur an die jüngeren Generationen weitergeben. Eine Erinnerungskultur, die Juden und Nichtjuden in Europa gemeinsam erarbeitet haben und deren Ausgestaltung und Entwicklung noch längst nicht abgeschlossen ist.

Wir stehen an der Schwelle der Zeit, an der der Holocaust seiner Zeitgenossenschaft entschwindet. Eine Stunde Null hat es in der Geschichte nie gegeben. Und auch einen Schlussstrich wird es nicht geben. Die Erinnerung ist unkündbar. Die Erinnerung an die Vergangenheit wachzuhalten ist unerlässlich, weil sie uns ein sehr präzises Vermächtnis hinterlässt. Es lautet: Nie wieder! Kinder und Jugendliche fragen mitunter: »Was geht mich das noch an?« Diese jungen Menschen und ihre mitnichten rhetorisch gemeinte Frage müssen wir ernst nehmen und wahrhaft beantworten: Erinnern bedeutet nicht verordnetes Gedenken! Erinnern heißt verstehen. Niemand kann auf Befehl Betroffenheit zeigen, weil er gelernt hat, dass vor sechs Jahrzehnten in diesem Land Grausames geschehen ist.

verantwortung Wir müssen die Vergangenheit aufarbeiten, verstehen, uns bewusst machen, was passiert ist. Nur so sind wir in der Lage, daraus die richtigen Lehren für die Zukunft zu ziehen. Wir müssen verstehen, dass es eine Illusion war, zu glauben, der Zivilisationsprozess sei eine Einbahnstraße. Verstehen, in welche Katastrophe der Mensch selbst seinesgleichen stürzen kann. Diese Erkenntnis ist nur zu ertragen, wenn sie uns zu motivieren vermag, Verantwortung zu übernehmen. Es geht nicht um Schuld, nicht um Schande, nicht um Scham.

Es geht einzig und allein um Verantwortung – wie sie uns allen auferlegt ist. Wir tragen Verantwortung für ein friedliches Miteinander aller Menschen in unserer Gesellschaft. Für unsere Demokratie und für die in unserem Grundgesetz verankerten Werte und Freiheitsrechte. Diese Botschaft müssen wir den jungen Generationen in unseren Ländern mit auf ihren Lebensweg geben. Ihr Anteil an der Geschichte besteht in ihrem Anteil an der Verantwortung für Gegenwart und Zukunft.

solidarität Zu Gegenwart und Zukunft gehört auch Erez Israel. Wir sind glücklich und dankbar, dass es den jüdischen Staat als Heimat für uns alle gibt. Das bedeutet aber auch Verantwortung. Wir freuen uns über Zeichen der Solidarität, wie sie in der vergangenen Woche beim Gespräch zwischen den Regierungschefs Israels und Deutschlands in Berlin sichtbar wurden.

Die Eröffnung des israelischen Generalkonsulats in München unterstreicht die positiv gewachsenen Beziehungen. Doch verantwortlich sind wir gegenüber Erez Israel noch auf anderen Ebenen – mit der Unterstützung der Menschen, Organisationen und Einrichtungen. Wenn wir am Ende der Haggada sagen »Nächstes Jahr in Jerusalem« , denken wir besonders an Gilad Shalit, Guy Hever und Jonathan Pollard und bitten, dass dieser Wunsch für sie in Erfüllung gehen möge.

Pessach sameach vekascher! Die besten Grüße und Wünsche für ein frohes und koscheres Pessach.

Münster

Jüdische Gemeinde wehrt sich gegen israelfeindliche Kundgebung

Gemeindechef Fehr: »Die Antizionisten wollen israelfeindliche Stereotype im öffentlichen Bewusstsein festigen«

 24.07.2020

Gespräch

Bedrohung und Staatsversagen

Der zweite »Jüdische Salon« des Zentralrats der Juden widmet sich Ronen Steinke und seinem neuen Buch

 02.07.2020

Würzburg

Gepäckstücke erinnern

Auf dem Bahnhofsvorplatz wurde der »DenkOrt Deportationen 1941–1944« eingeweiht

von Stefan W. Römmelt  18.06.2020

Gemeinden

Aktiv und engagiert

Die Zentralwohlfahrtsstelle veröffentlicht ihre Statistik für 2019 – die Zahlen geben wichtige Hinweise

von Heide Sobotka  18.06.2020

Nachruf

Zeitzeuge, Wissenschaftler, Gabbai

Der Medizinhistoriker Gerhard Baader starb im Alter von 91 Jahren in Berlin

von Christine Schmitt  16.06.2020

Hannover

Tausende spenden für Familie

Im Internet wird für Witwe und Kinder von Rabbiner Wolff sel. A. gesammelt – über eine Million Euro sind schon eingegangen

von Michael Thaidigsmann  30.04.2020 Aktualisiert

Jahrestag

In kleinem Rahmen

Zum 75. Jubiläum sollte es große Feiern geben, doch wegen Corona wurde es ein stilles Gedenken

von Eugen El  23.04.2020

Fraenkelufer

Mufleta mit Schwarzwälder Kirsch

Zum Mimounafest treffen sich die Beter virtuell statt in der Synagoge – und backen zusammen

von Ralf Balke  23.04.2020

München

Alle Hände voll zu tun

Steven Guttmann tritt sein Amt als IKG-Geschäftsführer in schwieriger Zeit an. Ein Porträt

von Helmut Reister  23.04.2020