Porträt

Am 9. Mai in Uniform

Der Senioren-Club »Nasch Dom« steht im Mittelpunkt ihrer ehrenamtlichen Arbeit: Olena Babenko (47) Foto: Jörn Neumann

In der Schule träumte ich davon, Journalistin oder Schauspielerin zu werden. Ich habe dann aber Wirtschaftslehre studiert und danach im Handel gearbeitet. Als es nach dem Zusammenbruch des Sozialismus in Osteuropa damit bergab ging, fing ich im Jahr 2000 in der jüdischen Gemeinde von Cherson an.

Es war eine der zahlreichen neuen Chabad‐Gemeinden in der ehemaligen Sowjetunion. Ich habe da in der Kulturabteilung gearbeitet. Am meisten gefiel mir, Lebensläufe zu studieren und Treffen mit interessanten Leuten zu organisieren. Cherson ist zwar eine Kleinstadt, da gibt es keine großen Stars, aber jeder Mensch ist auf seine Art spannend.

Intellektuelle In Köln, wo ich seit 2004 lebe, ist die Synagoge groß und die Mitarbeiterzahl riesig. Was es da für Persönlichkeiten gibt unter den Mitgliedern! Das sind Namen, die die ganze Sowjetunion kannte und verehrte, oder die Personen haben zumindest mit Stars zusammengearbeitet.

Wir haben hier berühmte ehemalige Journalisten, Musiker, Pädagogen, Naturwissenschaftler. Einige waren in ganz Europa oder sogar weltweit bekannt – beispielsweise der Schriftsteller und Literaturforscher Vladimir Porudominsky, der sich mit den russischen Klassikern beschäftigt hat.

Mir ist aufgefallen, dass diese Menschen ziemlich wenig in der Öffentlichkeit präsent sind – selbst in der russischsprachigen. Die Mitarbeiter der Gemeinde, auch diejenigen, die für Kultur zuständig sind, scheinen kein besonderes Interesse daran zu haben. Zwar organisiere ich ehrenamtlich Auftritte solcher Menschen.

Doch meine Möglichkeiten sind natürlich begrenzt. Es soll dann kein trockener Vortrag sein, sondern eine richtige Show mit Musik‐ und Schauspieleinlagen und Tombola. Ich schreibe selbst die Drehbücher dazu und lasse mich von Castingshows im Fernsehen inspirieren. Manchmal braucht es nur eine kleine finanzielle Unterstützung, 50 oder 100 Euro, um ein Fest noch schöner und bunter zu machen. Aber selbst die sind schwer zu bekommen.

partisanen Der Senioren‐Club »Nasch Dom« (Unser Haus) steht im Mittelpunkt der ehrenamtlichen Arbeit. Unser größter Stolz sind die Kriegsveteranen und Holocaust‐Überlebenden. In Deutschland werden Juden jedoch nur als Opfer des Holocausts wahrgenommen. Dabei gibt es unter den Einwanderern aus der ehemaligen Sowjetunion viele, die wirklich mit der Waffe gegen den Nazismus gekämpft und Deutschland befreit haben.

Wir feiern mit unseren Veteranen den 9. Mai, singen die Lieder der Kriegszeit, erzählen über die Taten unserer Helden. Ich ziehe dazu eine Militär‐Uniform an, wie sie die Soldatinnen im Zweiten Weltkrieg getragen haben. Diese Kleidung hat eine eigene Geschichte: Mein Schwiegervater war bis 1943 in einer bekannten Partisaneneinheit.

Später sind die Partisanen zu der Roten Armee gestoßen, und so hat mein Schwiegervater die Uniform bekommen. Sie wurde in der Familie aufbewahrt. Als ich erwähnte, dass ich ein passendes schönes Kostüm für die Feier des 9. Mai suche, hat meine Schwiegermutter sie für mich umgeschneidert.

Mit großem Interesse verfolge ich die ukrainische Politik. Ich bin Mitglied der Partei der Regionen, die jetzt regiert. In Cherson war ich Assistentin des Abgeordneten des Stadtrats und Mitarbeiterin des Bürgerbüros eines Parlamentsabgeordneten. Heute vertrete ich die Partei hier in Deutschland.

politik Auch die hiesige Politik interessiert mich. Wenn ich Hilfe für mich oder für ein Gemeindemitglied brauche, zögere ich nicht, mich an den zuständigen Abgeordneten zu wenden. Vor Kurzem erst wegen des Köln‐Passes, des günstigen Tickets für Bedürftige.

Man verlangte bei den Fahrscheinkontrollen, zusätzlich den Personalausweis mit sich zu führen. Geht aber der Personalausweis verloren, ist es für unsere Landsleute unglaublich kompliziert, teuer und zeitaufwendig, ihn wieder zu beschaffen. Nach der Intervention der Abgeordneten hat der Stadtrat diese Regelung geändert. Eine Kleinigkeit, würde man sagen, aber für Einwanderer ist sie von größter Bedeutung.

Mich selbst in die Politik zu begeben, reizt mich zwar, aber dafür wären perfekte Deutschkenntnisse erforderlich. Die habe ich leider nicht. Deshalb habe ich auch nicht versucht, hier in meinem erlernten Beruf zu arbeiten. Ich dachte, da ich einigermaßen Englisch kann, wird es leichter, Deutsch zu lernen. Das war leider ein Irrtum. Ich hoffe, ich kann auch so der Gesellschaft und der Gemeinde nützlich sein.

Von meinen drei Kindern sind zwei in der Oberstufe, und eines ist schon mit der Schule fertig. Im Haushalt helfen sie nicht besonders viel. Sie haben aber auch eine Menge zu lernen, dazu noch Sport und Ehrenamt. Und mein Mann ist behindert. Seine Beine sind krank, er hat Schwierigkeiten beim Gehen und schafft nicht mehr alles alleine. Ich betreue ihn, und die Hausarbeit bleibt an mir hängen.

ballett Dennoch finde ich praktisch jeden Tag etwas Zeit fürs Ehrenamt. So schreibe ich beispielsweise Drehbücher oder Artikel fürs Gemeindeblatt. Früher habe ich Ballett gemacht, und wenn ich einen freien Augenblick habe, lege ich zu Hause Musik auf und tanze. Aber ich schäme mich schon fast dafür – in meinem Alter.

Mein Mann ist gelernter Bibliothekar und Buchbinder. Wir beide haben uns zur Aufgabe gemacht, ehrenamtlich die Bücher in den drei Gemeindebibliotheken auszubessern. Bisher haben wir fast 200 Bände geschafft, einige davon sind echte Raritäten: Sie werden nicht mehr neu aufgelegt oder haben einen historischen Wert. Brächte man sie zu einem Profi‐Buchbinder, würde das eine wahnsinnige Stange Geld kosten. Wir sind stolz darauf, ihnen zu einem neuen Leben zu verhelfen. Und es ist natürlich schön, ein Wort des Dankes zu hören.

Ich würde auch gern für einen Posten in der Gemeindeleitung kandidieren. Aber es gibt eine Hürde: aus meiner Sicht eine geradezu schändliche. Wenn ein Gemeindemitglied mit einem nichtjüdischen Ehepartner verheiratet ist – mein Mann ist kein Jude –, so darf es sich nicht um einen Platz in der Leitung bewerben. Ich finde, das ist eine Regel von vorgestern. Warum wird gerade das gefordert und nicht beispielsweise die Einhaltung religiöser Vorschriften? Das wäre ehrlicher.

Dabei ist mein Mann eigentlich jüdischer als ich. Er hat seit der Kindheit viele jüdische Freunde, er kannte die jüdischen Feste besser als ich, weil die Eltern seiner Freunde sich an die religiösen Bräuche hielten. Bei uns in der Familie fühlen wir nicht, dass der eine Jude ist und der andere nicht.

Tradition Mein Mann geht gern in die Synagoge. Er hat eine gute Stimme und singt immer mit, wenn der Kantor das Gebet anstimmt. Zu Hause zünden wir fast jeden Freitag die Schabbatkerzen an und versuchen, ein leckeres Fischgericht auf den Tisch zu bringen.

Ich würde so gern die Welt sehen. Mein größter Traum ist es, Israel zu besuchen. Noch habe ich es nicht geschafft, obwohl ich dort Freunde und Verwandte habe. Momentan reicht mir weder das Geld noch die Zeit dafür.

Vor einigen Jahren habe ich versucht, in einem Reisebüro zu arbeiten und war einige Male als Reiseleiterin unterwegs. Der Beruf war aber leider mit meinen familiären Verpflichtungen nur schwer zu vereinbaren. Doch ich bin ein Mensch, der seine Träume bisher immer verwirklicht hat.

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