Dresden

Altern in der Fremde

Lebensqualität genießen: Gerade ältere Menschen müssen unterstützt werden. Foto: Thinkstock

Dresden

Altern in der Fremde

Gemeinde lud zur Fachmesse über »kultursensible Seniorenarbeit und Altenhilfe«

von Karin Vogelsberg  25.02.2013 18:47 Uhr

Der alte Herr leidet unter beginnender Demenz und muss ins Pflegeheim. Dort holen ihn die Schrecken der Vergangenheit ein: In der fremden Umgebung fühlt sich der Holocaust-Überlebende ins Lager zurückversetzt – und reißt aus.

Was kürzlich einem Mitglied der Jüdischen Gemeinde zu Dresden widerfuhr, ist kein Einzelfall. Bei vielen alten Menschen kommen Gedanken an früher hoch. Für betagte Juden, die den Holocaust und Pogrome in der Sowjetunion erlitten haben, sind diese Erinnerungen furchtbar. Oft haben sie nicht einmal ihren eigenen Kindern von dem Leid berichtet, das sie am Ende ihres Lebens wieder heimsucht.

Traumata Auf solche traumatisierten Menschen ist die professionelle Altenpflege zu wenig eingestellt. Genau wie auch auf die Tatsache, dass immer mehr Migranten in Deutschland alt werden. Menschen, die Betreuung benötigen, aber kaum Deutsch sprechen oder es in ihrer Demenz wieder vergessen haben, deren Kultur und Religion dem Pflegepersonal fremd sind. Heute ist jeder zehnte Migrant in Deutschland 65 Jahre alt oder älter. Und diese Gruppe wird in den kommenden Jahrzehnten deutlich größer werden.

»Kultursensible Seniorenarbeit und Altenhilfe« ist also gefragt. Unter diesem Motto veranstaltete die Sozialabteilung der Jüdischen Gemeinde zu Dresden in ihrem Gemeindehaus eine Fachmesse. Pflegeheime und Pflegedienste, die Stadt Dresden, die Akademie für Palliativmedizin und Hospizarbeit, das Deutsche Rote Kreuz, die Diakonie und interkulturelle Vereine stellten ihre Arbeit und Angebote für Menschen aus fremden Ländern vor, die in Dresden ihren Lebensabend verbringen. »Das Ziel ist, ein lokales Netzwerk zum Thema Altern in der Fremde zu gründen«, erläutert Johanna Stoll, Verwaltungsleiterin der Jüdischen Gemeinde zu Dresden.

Das Thema brennt vielen jüdischen Gemeinden unter den Nägeln. Ihnen geht es ähnlich wie den Dresdnern: Die Hälfte der Gemeindemitglieder hat ihren 60. Geburtstag schon hinter sich. 90 Prozent sind Zuwanderer aus den ehemaligen Sowjetstaaten. Viele waren schon nicht mehr die Jüngsten, als sie vor wenigen Jahren nach Deutschland zogen und beherrschen die Sprache ihrer neuen Heimat nur schlecht.

Sprachbarrieren Diese Ausgangslage zieht viele Probleme nach sich: Sprachbarrieren verhindern, dass Zuwanderer Kontakte zu ihren deutschen Nachbarn knüpfen. Die meist schlechte finanzielle Situation erlaubt keine großen Unternehmungen. Zwar sind viele der sogenannten Kontingentflüchtlinge mit ihrer Familie ausgereist. Aber das ist keine Versicherung gegen Einsamkeit im Alter, denn manchmal ziehen die Kinder innerhalb Deutschlands um, während die alten Eltern in Dresden bleiben müssen.

Wer Grundsicherung bezieht, kann nicht ohne Weiteres seinen Wohnort wechseln. Das erzeugt Bitterkeit, zumal viele Ältere nicht aus eigenem Antrieb nach Deutschland aufgebrochen sind, sondern um ihren Kindern eine bessere Zukunft zu ermöglichen. »Es gibt eine ganze Menge Gemeindemitglieder, die sehr isoliert sind und viel Unterstützung brauchen«, sagt Johanna Stoll.

Unterstützung brauchen sie, um ein bisschen Lebensqualität genießen zu können, aber auch, wenn es um die nötigste soziale und medizinische Versorgung geht. Anträge müssen bei Ämtern und Krankenkassen gestellt, Pflegeplätze gesucht werden. Die Dresdner Gemeinde unterhält gute Kontakte zu Pflegediensten mit russischsprachigem Personal, sodass es wenigstens keine Sprachhürden zwischen Patient und Pfleger zu überwinden gilt. »Aber suchen Sie mal für einen Schlaganfallpatienten einen Logopäden, der Russisch spricht«, seufzt die Sozialmedizinerin Inessa Lukach.

kraftakt Für die jüdische Gemeinde ist die Seniorenarbeit ein Kraftakt, zu dem es aber offenbar keine Alternative gibt, denn alle Angebote werden dankbar und eifrig angenommen. Allein der Treffpunkt »Amcha« für Holocaust-Überlebende absolvierte im vergangenen Jahr fast 2000 Beratungen, Betreuungen und Besuche. Mehr als 200 zum Teil hochbetagte Holocaust-Überlebende gehören der jüdischen Gemeinde an. Die Hälfte von ihnen ist pflegebedürftig. »Diese Leute sind oft sehr verschlossen, aber in der Gemeinde sprechen sie offen über ihre Probleme. Hier ist ihr Zuhause«, berichtet Amcha-Leiterin Inessa Lukach.

Da die Sozialabteilung der jüdischen Gemeinde die Altenarbeit schon längst nicht mehr allein stemmen kann, ist die ehrenamtliche Arbeit von Amcha und dem Verein »Bikkur Cholim« eine wichtige Ergänzung. Die ehrenamtlichen Helfer besuchen alte Menschen zu Hause oder im Krankenhaus, erledigen Einkäufe, lesen ihnen vor oder gehen ein paar Schritte mit ihnen spazieren.

Mizwa Sich um Hilfsbedürftige zu kümmern, sei schließlich eine Mizwa, ein religiöses Gebot, erinnert Inessa Lukach. Die Medizinerin organisiert auch Fachvorträge zu Gesundheitsthemen und will die psychosoziale Versorgung von Überlebenden der Schoa verbessern. Wer fit genug ist, kann an Projekten mit Schülern teilnehmen, tanzen, basteln oder auch Ausflüge machen.

Ein Rundgang über die Fachmesse zur kultursensiblen Seniorenarbeit zeigte, dass es aber auch außerhalb der jüdischen Gemeinde Freizeitangebote für ältere Zuwanderer gibt, die nichts oder kaum etwas kosten: vom Deutschsprachkurs über Kulturveranstaltungen bis hin zu Erzählcafés. Dort haben die Senioren Gelegenheit, Bekanntschaft mit Menschen nicht nur aus der ehemaligen Sowjetunion, sondern auch aus Vietnam und Indien, Pakistan, der Türkei und dem arabischen Raum zu knüpfen. Kaum vorstellbar, dass bei so viel Lebenserfahrung aus so vielen Ländern jemals der Gesprächsstoff ausgeht.

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