Berlin

Alles neu im zweiten Stock

Turmbau: Diese Mädchen üben sich beim Geschicklichkeitsspiel Jenga. Foto: Chris Hartung

Zwei Jahre hat Eyal Levinsky auf diesen Augenblick gewartet. Nun sind es nur noch wenige Minuten bis zur Eröffnungsparty an diesem Sonntagnachmittag. Dann sollen die neuen Räume des jüdischen Jugendzentrums Olam in der Joachimstaler Straße offiziell eröffnet werden – mit Bastelraum, Sofaecke, Kinosaal, Tanzbühne und jeder Menge Platz für Aktivitäten.

Der 22-Jährige ist aufgeregt. Und das, obwohl er eigentlich ein alter Hase ist. Eyal war schon als Kind im Jugendzentrum dabei, später als Gruppenleiter Madrich und seit ein paar Jahren als »Co-Rosch« – stellvertretender Leiter des Olam. Seit diesem Herbst steht er dem frisch gebackenen Olam-Leiter David Lat zur Seite.

schwung »David und ich sind alte Freunde und ein eingespieltes Team. Mit seinem Elan weht schon jetzt ein frischer Wind im Olam«, sagt Eyal über seinen neuen Chef. Denn für beide ist die Jugendarbeit Herzenssache. »Wir geben das zurück, was wir selbst bekommen haben«, beschreibt Eyal den Geist des Jugendzentrums, das er liebevoll nur »Juze« nennt.

»Das Juze prägt extrem«, erklärt der Co-Rosch, während er eine Gruppe 14-Jähriger mit Handschlag begrüßt. »Man wird mutiger und gewinnt mehr Selbstvertrauen.« Eine Präsentation in der Uni oder einem Saal mit 3000 Menschen? Für Eyal kein Problem mehr. Dabei wirkt der Olam-Stellvertreter eher bescheiden und zurückhaltend. Doch »Juze«-Erfahrung sei für ihn das beste Training fürs Leben. »Wenn du einmal eine Gruppe 16-Jähriger gebändigt hast oder bei der Jewrovision dabei warst – dann rockst du automatisch fast jede Bühne«, meint der 22-Jährige und lacht.

Währenddessen beginnt sich das Jugendzentrum langsam zu füllen. Immer mehr Jugendliche drängen sich am Kickertisch, Neuankömmlinge fallen kichernd ihren Freunden um den Hals, Fünfjährige haben längst die Hüpfburg erobert, eine Gruppe Mädchen tanzt ausgelassen im großen Saal zur letzten Jewrovision-Choreografie, und ältere Jugendliche bauen den Basartisch zum Mitzvah Day auf. »Es läuft«, sagt Eyal. »Und das auch ohne offizielle Ansprache.«

kinosaal In den Räumen des Jugendzentrums riecht es nach frischer Farbe, Bastelkleber, süßem Popcorn und Falafel mit Reis. An den Wänden baumeln bunte Luftballons. Die Graffiti an den Wänden zeigen jüdische Superhelden mit Davidstern, die Skyline von New York und ein Berlin-Panorama samt Fernsehturm, goldener Synagogenkuppel und einem Imbiss mit der Aufschrift »Kosher Curry 36«.

Im Kinosaal mit seinen 40 Plätzen bereiten sich gerade zwei Mannschaften auf ein Fifa-Turnier an der PlayStation vor. Demnächst ist hier jeden Donnerstag Kinotag – mit Komödien, Kinder- und Jugendfilmen sowie Disneystreifen.

Eyal reibt sich die Augen, so als könne er den Andrang zum Olam-Neustart noch immer nicht ganz fassen: »An manchen Sonntagen kommen gerade mal 30 Kinder. Heute sind es schon jetzt 100! Dabei eröffnen wir offiziell erst in zehn Minuten!«

Mischung Juliana, Lea und Roman sitzen schon seit einer Stunde auf dem Sofa und tauschen Erinnerungen vom jüdischen Sommerferienlager aus. Sie kommen fast jede Woche hierher. »Hier sind wir eine Gemeinschaft. Alle akzeptieren einander«, sagt Juliana. Die 14-Jährige besucht ein nichtjüdisches Gymnasium. Im Jugendzentrum ihre jüdischen Freunde zu treffen, tue ihr gut. Lea, 13, kommt vor allem wegen der »vielen kreativen Spiele, die sich die Madrichim ausdenken.« Dabei gehe es vor allem um Spaß, aber auch um Allgemeinwissen und jüdische Traditionen. Diese Mischung gefällt ihr besonders gut.

Inzwischen hat sich David Lat zu den Jugendlichen gesellt. Auch er war früher einmal Madrich. Die Beweggründe der Jugendlichen, ins Olam zu kommen, bestätigen ihn in seinen hochgesteckten Plänen. »Eine Zeitlang ging es nur noch darum, das Jugendzentrum überhaupt am Leben zu erhalten«, erinnert sich der Mittzwanziger.

Doch 30 bis 40 Kinder pro Sonntag, das sei auf Dauer zu wenig. »Wir wollen das Olam ab jetzt gezielt mit mehr Leben füllen«, so der Olam-Rosch. Sein Traum: 120 bis 150 Kinder und Jugendliche pro Sonntag. Zudem soll das Olam künftig jeden Tag geöffnet sein, »wie ein echtes Jugendzentrum eben«, sagt David.

Pläne Unterstützung bei seinen Plänen erhält Lat von Madrichim wie Arthur Poliakow. Der 19-jährige Chemiestudent ist mit dem Olam aufgewachsen und hilft nun selbst gerne im Jugendzentrum aus. An diesem Sonntag begrüßt er jeden Neuankömmling persönlich. »Jede Woche steht bei uns ein neues Thema im Fokus«, erzählt Arthur begeistert. »Mal geht es dabei um Zivilcourage, mal um Chanukka oder Freundschaft.«

Bei allen Plänen für das Olam freue er sich am meisten auf die nächste Jewrovision am 20. Februar in Köln. Das Casting für 2015 ist gerade abgeschlossen. In zwei Wochen sollen die Proben beginnen, kündigt er an. »Die Jewrovision-Truppe des Jugendzentrums Olam war immerhin Doppelsieger 2010 und 2011«, betont Arthur.

Olam-Leiter David freut sich über so viele Ideen seiner Madrichim. Er selbst will demnächst einen Hip-Hop-Kurs anbieten – zusammen mit einem muslimischen Kollegen. »Das Zusammenleben von Juden und Muslimen gehört nun mal zur Realität jüdischer Kinder und Jugendlicher in Berlin«, so David. Deshalb setzt er verstärkt auf interkulturelle Jugendarbeit – neben identitätsstärkenden Themenwochen, Kinonachmittagen und musikalischen Talentwettbewerben.

www.olam-berlin.de
www.facebook.com/olamberlin?fref=ts

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