Stuttgart

Abrahams Enkel

Können Juden, Christen und Muslime miteinander singen? Ja, und wie! Bewegend, an die Seele rührend, die Herzen öffnend war der Trimum Chor der Bach-Akademie Stuttgart, der sich der Begegnung der drei Religionen verschrieben hat. Der Gesang in Türkisch, Arabisch und Hebräisch in Harmonie mit dem christlichen Kirchenlied war beim Sommerfest des Stuttgarter Lehrhauses die schönste musikalische Entsprechung für ein solches Anliegen und Ziel.

Alljährlich wird im Stuttgarter Lehrhaus, der Stiftung für interreligiösen Dialog, ein Fest ausgerichtet. 2010 gegründet, knüpft es an die Tradition des Stuttgarter Lehrhauses (1926 bis 1938) an. Doch in diesem Jahr stand am Sonntag vor allem ein Mann im Mittelpunkt: Meinhard Mordechai Tenné, der am 26. Mai seinen 90. Geburtstag gefeiert hatte und nun auch hier die Würdigung erfuhr, die ihm in hohem Maße gebührt.

Denn Tenné, lange Jahre Vorstandssprecher der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs (IRGW) in Stuttgart und heute ihr Ehrenvorsitzender, gehört mit Lisbeth und Karl-Hermann Blickle zu den Gründern der Stiftung, deren Signet mit Davidstern, Kreuz und Halbmond Sinn und Zweck auf einen Blick deutlich macht.

Haus Abraham Die Frage, warum sich Angehörige verschiedener Religionen bekämpfen und »wir Juden nicht genommen werden, wie wir sind«, treibt Tenné um, seit er selbst nur dank rechtzeitiger Flucht aus Berlin überlebte und Mutter und Schwester im Holocaust verlor. Seine Antwort: »Wir müssen uns kennenlernen und offen und ehrlich miteinander reden, nicht übereinander«, wurde zu seinem Credo, das er als Mitbegründer des Vereins »Haus Abraham« in die Tat umsetzte.

Ein Ort, an dem sich Mitglieder der drei abrahamitischen Religionen, Christen, Juden und Moslems, auf Augenhöhe begegnen und den offenen Dialog, der genau genommen ein Trialog sein muss, pflegen können. »Wir haben alle den einen Gott«, sagt Tenné. »Die Wege zu Gott mögen verschieden sein, aber sie müssen als gleichberechtigt und gleichwertig akzeptiert werden.«

Partner Das Haus Abraham ist mittlerweile mit unter das Dach des Lehrhauses gezogen, das seine Heimat wiederum im Gemeindezentrum der evangelischen Paul-Gerhardt-Kirche gefunden hat. Seine Partner, das Forum jüdischer Bildung und Kultur, 2007 von IRGW-Vorstandssprecherin Barbara Traub ins Leben gerufen, die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, die Christlich-Islamische Gesellschaft, der Verein Süddialog und die Arbeitsgruppe »Wege zum Verständnis des Judentums« der Evangelischen Landeskirche und Michael Volkmann von der Evangelischen Akademie Bad Boll machen das Lehrhaus zur Plattform für den interreligiösen Dialog.

Immer wieder fällt an diesem Tag das Wort vom Brückenbauer, wie nicht nur Karl-Hermann Blickle den Freund und Mitstreiter Tenné in seiner Laudatio nennt. Sind die Brücken erfolgreich geschlagen und tragfähig? »Das Lehrhaus hat sich sehr positiv entwickelt, es ist in der Stuttgarter Gesellschaft so akzeptiert, wie wir und die jüdische Gemeinde ja auch ein Teil der Gesellschaft sind«, stimmt Tenné zu. Anfangs hätten sich manchmal nur ein Dutzend Besucher zu den Veranstaltungen eingefunden, jetzt kämen nicht selten bis zu 150 Gäste.

Vortrag Wie an diesem Nachmittag, der die Aussage von Tenné eindrucksvoll belegt. Denn noch vor dem heiteren Fest fand hier Karl-Josef Kuschel, Professor an der katholisch-theologischen Fakultät der Universität Tübingen, ein hochinteressiertes und auch sachkundiges Publikum für seinen Vortrag über Abraham Joshua Heschel (1907–1972). Ein Brückenbauer auch diese Persönlichkeit aus einer Familie chassidischer Rabbiner, der, so Kuschel, »Rassismus als Satanskult, Blasphemie und Leugnung Gottes« geißelte, sich in Amerika mit der Bürgerrechtsbewegung von Martin Luther King solidarisierte, Einfluss nahm auf das von Papst Johannes XXIII. 1962 einberufene Konzil und den Satz prägte: »Keine Religion ist eine Insel.« Eine Lehrstunde in interreligiösem Dialog.

Der Blick in die nahe Zukunft beweist ebenfalls die große Vielfalt geistiger Bereicherung: Im Juli findet eine Tora-Woche statt, zählt Volkmann auf, im Oktober werde Generalstaatsanwalt Klaus Pflieger die Beschneidung juristisch beleuchten, Martin Luther und sein schändlich extremer Judenhass werde anlässlich der 500. Wiederkehr des Reformationstages 2017 schon im November zum Thema. Denn der Kampf gegen Vorurteile und Intoleranz sei, so Volkmann, »eine Sisyphusarbeit«, man müsse immer wieder von vorne anfangen.

Projekte Mehr Erfolg als dem gesprochenen Wort misst Blickle Taten zu: Projekten wie dem Schulwettbewerb »Ich, Du, Wir – Verantwortung«, für den sich Schüler mit den Unterschieden und Gemeinsamkeiten der drei Religionen und Kulturen befassten und Ideen für ein harmonisches Miteinander entwickelten. Oder die Ausstellung über sefardische Juden in Istanbul, die aus dem dortigen Jüdischen Museum ins Stuttgarter Rathaus geholt wurde und nun auch in anderen deutschen Städten gezeigt wird. Oder die Kooperation mit dem Trimum-Chor.

Doch hat diese engagierte Arbeit auch wirklich etwas verändert im Bewusstsein der Menschen und der Stadt? »Ein Erfolg ist hier schwer messbar«, meint dazu Meinhard Tenné, dem Kuschel Energie, Humor und Leidenschaft für diese Aufgabe bescheinigte und für das »Vertrauen in eine ungebrochene Lernfähigkeit der Menschen« dankte.

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