Hamburg

50 Jahre am Grindelhof

Ausgedient? Das Dach ist undicht, die Fenster sind zu dünn und außerdem ist die Synagoge zu klein. Foto: Gesche Cordes

Ruben Herzberg hat eine Vision: Eine neue prächtige Synagoge für Hamburg am Ort der ehemaligen Bornplatz‐Synagoge im Herzen jüdischen Lebens – am Hamburger Grindel. Bei der Feierstunde zum 50‐jährigen Bestehen der Hamburger Synagoge Hohe Weide am 5. September mit dem neuen Bürgermeister der Hansestadt, Christoph Ahlhaus, und ehemaligen Bürgermeistern wie Peter Schulz und Henning Voscherau verrät der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde seinen Traum, den er mit vielen Hamburger Juden teilt.

»Die Einweihung der Synagoge Hohe Weide war ein weithin sichtbares klares Zeichen, dass jüdisches Leben nicht vernichtet werden konnte. Das Herz des jüdischen Hamburg aber schlägt im Grindelviertel, dort neben der Talmud‐Tora‐Schule, unserem heutigen Gemeindezentrum mit der Joseph‐Carlebach‐Schule«, sagt Herzberg. »Daneben liegt ein großer leerer Platz, der bis 1988 als Parkplatz benutzt wurde. Dort stand die prächtigste Synagoge Norddeutschlands, die Bornplatz‐Synagoge«, erklärt der Schulleiter des staatlichen Gymnasiums »Klosterschule«.

Und dort, auf dem heutigen Joseph‐Carlebach‐Platz soll sich der Traum verwirklichen: Eine neue prächtige Synagoge mit Gemeindezentrum, mit einem Saal für Veranstaltungen und einem Ort der Erinnerung. Das jetzige Gemeindezentrum würde wieder ganz zur Schule werden. »Wir wünschen uns die Rückkehr an unseren alten Ort, denn der leere Platz ist eine Wunde in unserem Leben«, fährt der 58‐jährige Herzberg fort.

Die Bornplatz‐Synagoge wurde 1906 errichtet. Am 9. November 1938 wurde sie geschändet, 1939 abgerissen – auf Kosten der damaligen jüdischen Gemeinde. »Wir wollen keine weiteren 50 Jahre auf eine neue Synagoge am alten Standort warten«, sagt Herzberg und erhält dafür viel Beifall.

Chuppa Mit dieser Nachricht toppt der Gemeindevorsitzende die romantische Note der Veranstaltung: In der ersten Reihe sitzt neben Hamburger Juden, die nach der Schoa den Aufbau im ehemaligen Nazi‐Deutschland erneut wagten, das Ehepaar Hanna und Chaim Bade, das erste Paar, das in der neuen Synagoge Hohe Weide am 17. Januar 1961 heiratete. Rabbiner war Hans Isaac Grünwald. »Alle Synagogen waren zerstört, und wir haben in einer der ersten, die gebaut wurde, geheiratet. Das war sehr bewegend«, sagt Chaim Bade.

Kennengelernt hat sich das Paar in Israel. »Bei Veranstaltungen in der Gemeinde haben wir uns wiedergetroffen«, erzählt Hanna Bade. Sie sind hier aktiv, unter anderem in den Seniorenkreisen. Mit David Geballe, heute Rabbiner in München, besuchte ein echter Hamburger Jung das Geburtstagsfest der Synagoge Hohe Weide. »Die Zukunft der jüdischen Gemeinde hängt entscheidend davon ab, ob wir uns wieder verwurzeln können«, sagt Geballe. Für diese Verwurzelung sorgen vor allem der Ronald‐Lauder‐Kindergarten und die Joseph‐Carlebach‐Schule im Gemeindezentrum am Grindel. Seit 1. August ist Gerd Gerhard neuer Schulleiter der Joseph‐Carlebach‐Schule, in der inzwischen 90 Kinder unterrichtet werden von der Vorschule bis zur vierten Klasse. 70 Prozent der Schüler haben einen jüdischen, 30 Prozent einen nichtjüdischen Hintergrund.

Schon im September 1945 gab es wieder eine jüdische Gemeinde in Hamburg. Die wenigen Mitglieder trafen sich damals in der wiedereingerichteten Synagoge im Oppenheim‐Wohnstift in der Kielortallee und im jüdischen Altenheim in der Sedanstraße. Mitte der 50er‐Jahre planten die Hamburger Juden den Neubau einer Synagoge an der Hohen Weide. Kosten damals: 1,8 Millionen D‐Mark.

Aufbau Für die zerstörte Bornplatz‐Synagoge erhielten sie knapp 1,6 Millionen D‐Mark. Am 9. November 1958 war Grundsteinlegung, am 16. Juni 1959 Richtfest, und am 4. September 1960 wurde die Synagoge Hohe Weide eröffnet. Damals hatte die Gemeinde 1.300 Mitglieder, heute sind es 3.000, vor der Schoa waren es 26.000 Mitglieder. »Das Gotteshaus wurde von Anbeginn als Ausdruck des Selbstbehauptungswillen jüdischen Lebens in Hamburg nach dem Naziterror empfunden«, erinnert Karin Feingold vom Vorstand. Daher waren die Worte des damaligen Hamburger Bürgermeisters Max Brauer bei der Grundsteinlegung Balsam für die Gemeindemitglieder. »Es freut uns sehr, dass mit dieser Synagoge die schmerzlichste aller Wunden unter den Gotteshäusern in Hamburg geschlossen ist, und dass wir die Gewissheit haben, dass Sie unter uns leben wollen«, sagte Brauer.

Herausforderung Auch die Jüdische Gemeinde Hamburg wurde von Stürmen, von Vorstandsrangeleien geschüttelt. Die Zuwanderung der Juden aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion stellt die Hamburger Gemeinde vor große Herausforderungen. Doch derzeit scheinen alle Signale auf Zukunft gestellt zu sein. »Dieses Haus ist jetzt 50 Jahre alt, durchs Dach leckt es, die Fenster sind hauchdünn, es ist zu klein. Eine neue, große Synagoge auf dem Platz der Bornplatz‐Synagoge muss kein Traum bleiben«, sagt Ruben Herzberg und zitiert Theodor Herzl: »Wenn ihr es wollt, ist es kein Märchen.«

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