Shabbos Project

25 Stunden Pause

Speeddating stand am späten Freitagabend auf dem Programm. 20 Singles unter den 80 Teilnehmern des besonderen Schabbatons des Bundes traditioneller Juden (BtJ) in Osnabrück wollten das einmal ausprobieren. Frauen und Männer saßen sich dabei in zwei Stuhlreihen gegenüber, stellten sich kurz vor, befragten sich gegenseitig einige Minuten, um dann das nächste Gegenüber kennenzulernen.

Die Idee dazu hatte vor 18 Jahren Rabbiner Yaacov Deyo von der orthodoxen Organisation Aish HaTorah. Er wollte damit eine Plattform für jüdische Organisationen bereitstellen, mit der alleinstehende Juden jüdische Partner finden können. Deyos »Erfindung« hat außerhalb der jüdischen Gemeinschaft viele Nachahmer gefunden, die damit vor allem kommerzielle Interessen verfolgen. In Osnabrück war diese Variante einer ersten Begegnung dagegen eingebunden in ein größeres Projekt, das an diesem Wochenende rund 1000 traditionelle jüdische Gemeinden weltweit verbindet: das »Shabbos Project«.

Gemeinsamkeit Grundgedanke dieses internationalen Ereignisses ist, erläuterte Michael Grünberg, BtJ-Vorsitzender und Osnabrücker Gemeindechef, dass junge Juden, die in ihrer Familie oder ihrem Umfeld wenig Möglichkeiten finden, einen traditionellen, vollständigen Schabbat zu feiern, ihn mit einem solchen Seminar erleben können: angefangen vom Kerzenzünden vor Schabbatbeginn bis hin zur Hawdala, der feierlichen Verabschiedung des Ruhetages.

Dazu gehören darüber hinaus das gemeinsame festliche Essen, die Gottesdienste, Vorträge und das gesellige Miteinander. Von Freitagabend an sollen Smartphone, Computer und Fernseher ausgeschaltet bleiben, die Arbeit soll aussetzen, das Auto für 25 Stunden stehen bleiben – Ruhe einkehren und das rund um den Globus.

Genau das hatte Roman aus Frankfurt am Main im Sinn, als er auf Facebook die Einladung zu diesem Wochenende entdeckte. Chaim aus Nürnberg lebt im Alltag nicht religiös observant, trotzdem fühlt er sich dem traditionell orthodoxen Judentum verbunden. Auch er will einmal wieder einen koscheren Schabbat erleben, hofft nebenbei aber auch darauf, dass er hier jüdische Mädchen kennenlernen kann.

Religiosität Daniela aus Hannover versucht, religiös zu leben und vor allem koscher zu kochen. Sie hat sich mit David aus Nürnberg verabredet. Sie kennen sich schon von einer anderen Veranstaltung. Katja kommt ebenfalls aus Hannover, aber aus einem gänzlich säkularen Elternhaus. Sie selbst empfindet sich hingegen eher als religiös und will das an diesem Wochenende auch ausleben. Und vielleicht findet sich in diesem Kreis ja jemand, den sie näher kennenlernen möchte und der einen gemeinsamen Versuch wert ist.

Seine Anfänge hatte das Shabbos Project 2013 in Südafrika, erzählt der Amberger Rabbiner Elias Dray. Er war für die Organisation des Wochenendes in der Osnabrücker Gemeinde verantwortlich. Von Südafrika aus habe dieses Modell sofort andere jüdische Gemeinden inspiriert und eine Welle in Gang gesetzt, die so niemand erwartet habe. Nun seien erstmals deutsche Gemeinden dabei.

Auch im oberpfälzischen Weiden beteiligte sich die Gemeinde mit einem minutiös geplanten Schabbatablaufplan. Bereits am Donnerstag begann es mit »Kochen und Backen für Schabbat« mit Dina Konrad. Mütter und Kinder waren zum Basteln und Malen mit Olena Volodarski eingeladen. Kantor Zakharenko erklärte die verschiedenen Gottesdienste, je nachdem, ob sie morgens, nachmittags oder abends stattfinden. Höhepunkt war die gemeinsame Hawdala-Zeremonie pünktlich um 17.30 Uhr.

Religiosität In Deutschland sind die Bedingungen jedoch andere als in den großen Gemeinden in Übersee. Bei vielen der aus der ehemaligen Sowjetunion zugewanderten Gemeindemitgliedern ist die Religion noch nicht angekommen. Es wäre deshalb sicher schwierig geworden, das Shabbos Project allein aus der Gemeinde heraus zu stemmen. Unter jungen Juden gibt es bundesweit jedoch einige, die das Judentum auf die eine oder andere Weise in ihren Alltag integrieren möchten, in ihren Gemeinden dafür aber nicht immer günstige Bedingungen vorfinden.

Das Speeddating gehörte in Osnabrück zum Auftakt dieses Wochenendes. Chana Silver, Psychologin und Erwachsenenbildnerin in den Diensten von Aish HaTorah in Jerusalem, hatte es angeleitet und später im Programm Kriterien für eine erfolgversprechende Partnerwahl vorgestellt.

Dem BtJ liegt daran, eine möglichst kostenfreie Partnervermittlung zu organisieren. Das Projekt dafür, BtJ Match, war daher auch Mitveranstalter dieses Wochenendtreffens. Interessierte Juden können sich bei ihrer Partnersuche an diese Organisation wenden (www.btjmatch.de), egal ob sie einen jüdischen Lebenspartner suchen oder »nur« gemeinsam ihr jüdisches Wissen vertiefen möchten.

Aus Jerusalem kam auch Mark Halawa, ein Jude, der als Palästinenser in Kuwait aufgewachsen ist, dann in Jordanien gelebt hat und später entdeckte, dass seine mütterlichen Vorfahren jüdisch waren. Er kehrte als junger Mann zum Judentum zurück und versucht heute, in der Welt ein realistisches Bild des Nahost-Konflikts zu vermitteln, während er zugleich auf Arabisch über Israel erzählt.

YStuds Star des Wochenendes war die Gruppe YStuds, sieben Studenten der New Yorker Yeshiva University, die am Samstagabend mit ihrer A-cappella-Formation nicht nur ein großartiges Konzert gaben, sondern zuvor während der Gottesdienste alle gesungenen Gebete musikalisch begleiteten und zum Erlebnis werden ließen.

Das gemeinsame Wochenende in Osnabrück endete mit einer guten Tat. Denn auch die Niedersachsen beteiligten sich an der Initiative des Zentralrats, dem Mitzvah Day, und luden alle Teilnehmer dazu ein, sich zur Bekämpfung von Blutkrebs in das Knochenmarkspender-Register Deutschlands einzutragen.

21 Teilnehmer ließen sich testen. Außerdem spendeten sie 420 Euro für die Verarbeitung der Abstriche. Der Vorschlag für diese Aktion kam von einem Gemeindemitglied. Die Frau hatte das Glück, nach einer Stammzellenspende den Empfänger kennenzulernen, dem sie das Leben gerettet hatte.

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