Rosch Haschana

Blick auf die Realität

An den Feiertagen ziehen wir Bilanz. Und die fällt trotz allem gar nicht so schlecht aus

Aktualisiert am 09.09.2018, 08:16 – von Josef SchusterJosef Schuster

Auf facebook teilen Auf twitter teilen Auf google+ teilen per E-Mail schicken

An den Feiertagen im Herbst geht es mir in der Synagoge häufig so, dass ich an vergangene Jahre denken muss. An Feiertage, an denen ich selbst als Kind mit meinen Eltern in genau dieser Synagoge saß. An Feiertage, als unsere Kinder noch klein waren. Und jetzt kommen Jahre, in denen meine Enkel mehr und mehr bewusst diese Feiertage erleben werden.

Bei diesen Gedanken stellt sich ein tiefes Gefühl der Zufriedenheit ein. Würzburg ist mein Zuhause, nicht nur die Stadt, sondern vor allem die Gemeinde. Ich kann mir vorstellen, dass es vielen von uns so geht. Gerade an Rosch Haschana, wenn man beim Besuch der Eltern wieder den G’ttesdienst in der alten Heimatgemeinde erlebt.

unsicherheit In jüngster Zeit hat sich jedoch bei dem einen oder anderen ein weiteres Gefühl eingeschlichen. Es ist ein Gefühl, das wir versuchen, schnell wegzudrängen. Doch es schleicht sich immer wieder an: Es ist eine leise, nagende Unsicherheit. Eine Beunruhigung, die in uns die Frage auslöst: Ist Deutschland wirklich noch ein sicheres Zuhause?

Dieses nagende Gefühl sorgt dafür, die Halskette mit dem Davidstern unterm Pullover verschwinden zu lassen. Es sorgt dafür, unseren Kindern einzuschärfen, die Basecap über der Kippa zu tragen oder das Israel-T-Shirt nicht in der Schule anzuziehen. Nun sind Vorsichtsmaßnahmen dieser Art nicht neu. Auch den Polizeischutz an unseren Einrichtungen gibt es seit Jahrzehnten. Das Gefühl der Bedrohung ist dennoch ein anderes geworden. Es ist stärker als früher. Und beängstigender.

Das ist nicht verwunderlich. Das ganze Jahr 5778 über haben uns Nachrichten begleitet, die dieses Gefühl genährt haben: Mobbing und körperliche Übergriffe gegen jüdische Schüler, Angriffe gegen Juden auf der Straße und auf Gemeinden wie jüngst wieder in Gelsenkirchen, eine Bundestagswahl, die eine radikale Partei ins Parlament gebracht hat mit Politikern, die den Nationalsozialismus relativieren und Opfer der Schoa verhöhnen, ein massiver Antisemitismus in den sozialen Medien. Und jüngst Bilder aus Chemnitz von grölenden Neonazis auf der Straße, die die Polizei vorführen.

alltag Als Zentralratspräsident haben mich diese Themen dauernd beschäftigt. Sie erfüllen auch mich mit großer Sorge. Aber: Sie beherrschen nicht den Alltag! Es wäre wenig hilfreich, die Lage schönzureden. Ich plädiere jedoch für einen nüchternen und umfassenden Blick auf die Realität.

Zu dieser Realität gehören auch folgende Nachrichten: Zwar erhielt die AfD bei der Bundestagswahl 12,6 Prozent der Stimmen. Doch etwas mehr als 82 Prozent wählten die anderen im Bundestag vertretenen Parteien.

Die KZ-Gedenkstätten und jüdischen Museen vermelden seit Jahren und auch für 2017 steigende Besucherzahlen. Tausende nichtjüdische Bürger setzten sich aus Solidarität eine Kippa auf. Nach dem Scheibeneinwurf in der Gelsenkirchener Synagoge erhielt die Gemeinde zahlreiche Solidaritätsbekundungen aus der Bevölkerung. Zum Konzert gegen rechts in Chemnitz kamen mehr als 60.000 Menschen.

schlagzeilen Solche Beispiele ließen sich beliebig fortsetzen. Sie gelangen nicht immer in die Schlagzeilen. Doch erst mit ihnen ergibt sich das vollständige Bild. Und ich könnte zahlreiche Beispiele aus der jüdischen Welt hinzufügen: eine Jewrovision im Februar in Dresden mit Teilnehmerrekord, der Spatenstich für einen Jewish Campus in Berlin, ein erweitertes Jüdisches Museum in Fürth oder eine neue jüdische Grundschule in Berlin.

Sehen wir das vielleicht viel zu wenig? Das jüdische Leben entwickelt sich weiter, und die deutliche Mehrheit unserer Gesellschaft ist demokratisch und lebt die Werte des Grundgesetzes. Es ist nur eine Minderheit, die an diesen Grundfesten rüttelt.

Es liegt auch in unserer Hand, diesen Minderheiten den Boden zu entziehen. Toleranz darf es weder für Rechtspopulisten geben, die bewusst Unsicherheit schüren, um ihre Politik der Ausgrenzung und Spaltung umsetzen zu können, noch für Muslime, die unsere Werte ablehnen und Spielregeln nicht einhalten.

integration Daher werden wir uns weiterhin aktiv für die Integration von Zuwanderern und Flüchtlingen einsetzen, sei es in den Schulen oder in Integrationskursen.Daher gibt es für uns keine Kompromisse mit der AfD. Das alle Demokraten einigende Ziel muss es bleiben, dass die AfD wieder von der Bildfläche verschwindet.Komfortabel ist die Lage derzeit wahrlich nicht. Sie ist aber auch nicht so schlecht, wie manche es uns einreden wollen oder wie sie auf den ersten Blick scheint.

Traditionell ziehen wir an den Feiertagen Bilanz. Wir hinterfragen selbstkritisch unser Handeln. Ganz unterschiedliche Gefühle werden dabei wach. Angst sollte nicht das beherrschende Gefühl sein. Sondern Vertrauen in ein Land mit einer gefestigten demokratischen Gesellschaft.
Ich wünsche Ihnen allen, dass sich an den Feiertagen im Kreis Ihrer Familien, Ihrer Freunde und Ihrer Gemeinde ein Gefühl der Zufriedenheit und Zuversicht einstellt, sodass Sie gestärkt ins neue Jahr 5779 aufbrechen können! Schana towa u-metuka!

Der Autor ist Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland.

Auf facebook teilen Auf twitter teilen Auf google+ teilen per E-Mail schicken
Jüdische Allgemeine ePaper
Die Wochenzeitung als ePaper
Cover der Jüdische Allgemeinen vom 15.11.2018

Ausgabe Nr. 46
vom 15.11.2018

Zum Angebot

Fotostrecken

70 Jahre Israel

In diesem Jahr feiert Israel seinen 70. Geburtstag. Am 5. Ijar 5708, dem 14. Mai 1948, wurde der jüdische Staat gegründet.

5. Ijar 5708/14. Mai 1948

Zum Dossier

Wieso Weshalb Warum

Religiöse Bräuche und Begriffe

mehr…

Sprachgeschichte(n)

Über die Herkunft gängiger Wörter wie Pleite, Knast und Polente

mehr…

Anzeige

Gottesdienste

Gottesdienste in den Jüdischen Gemeinden

Glossar

Glossar

Gemeinden

Juedische Gemeinden

Service

Service

Wetter

Wetter - Herbst
Berlin
2°C
schneeregen
Frankfurt
5°C
wolkig
Tel Aviv
24°C
heiter
New York
8°C
wolkig
Zitat der Woche
»Mal sind es die Flüchtlinge, dann die
Islamisten, dann die Juden.«
Der Psychologe Klaus Weber in seinem Buch »Resonanzverhältnisse.
Zur Faschisierung Deutschlands« (Hamburg 2018)