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Sandsack und Smicha

Nach einem seelischen Tief ließ sich Boxweltmeister Yuri Foreman zum Rabbiner ausbilden. Jetzt kehrt er in den Ring zurück

03.12.2015 – von Sebastian MollSebastian Moll

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Das Gleason’s Gym ist ein einziges Klischee. Die Sonne scheint trüb durch die milchigen Fenster der ehemaligen Lagerhalle direkt unterhalb der Brooklyn Bridge, der Putz bröckelt von der Wand, es riecht nach Schweiß. Einige bullige Gestalten mit abgeschnittenen Sweatshirts dreschen unermüdlich auf riesige Sandsäcke ein, die an rasselnden Ketten von der Decke hängen. Vor einem verschmierten Spiegel wärmen sich ein halbes Dutzend Boxer mit dem Sprungseil auf.

Es scheint so, als sei von Raging Bull bis Rocky so ziemlich jeder Boxfilm der Hollywood-Geschichte hier gedreht worden. Das Gleason’s ist die Art von Ort, der »Ghetto-Ratten« zu Champions formt, durch Tausende von Stunden harter, ehrlicher Arbeit, genauso, wie man das aus zahlreichen Leinwand-Boxepen kennt.

Tänzeln Durch einen Sparringsring in der hintersten Ecke des Gym tänzelt ein eher schmächtiger Kämpfer mit akkurat gestutztem blonden Haar, eine Art kleiner Bruder von Dolph Lundgren. Er ist tief in sich versunken, voll konzentriert auf die Schritt- und Schlagkombinationen, die er übt. Seine Stirn liegt in Falten, die Augen sind halb geschlossen, die Welt um ihn herum nimmt er bestenfalls in Schemen wahr. Bei jedem Jab, den er dem imaginierten Gegner verpasst, entfährt ihm ein lautes Grunzen.

Auf dem T-Shirt des Weltergewichts prangt ein großer Davidstern, darin eingelassen der Kopf eines Berglöwen. Es ist das Logo von Yuri Foreman, der sich der »Lion of Zion« oder auch »der boxende Rabbi« nennt.

Das Gleason’s ist so etwas wie Foremans Wohnzimmer, hier fühlt er sich zu Hause. Im Gleason’s hat er zu trainieren angefangen, als er 1999 aus Israel nach New York kam. Hier hat er sich auf den Kampf vorbereitet, der ihn 2009 zum ersten israelischen Boxweltmeister aller Zeiten und zum ersten jüdischen Box-Champion seit dem großen Benny Leonard Ende der 40er-Jahre machte. Hier hat er seine Frau Leyla, eine bildhübsche ungarische Boxerin, kennengelernt, und natürlich bereitet er sich hier auch auf sein Comeback vor.

Das Comeback soll ihn wieder ganz an die Spitze führen, daraus macht Foreman kein Hehl. »Ja, ich will den Titel zurück«, sagt er, als er nach dem Schattenboxen mit einem Handtuch um den Hals lässig in den Seilen hängt.

Fast noch wichtiger als der Weltmeistergürtel ist es ihm jedoch, einen Kampf gegen Manny Pacquiao zu bekommen, den derzeit größten Namen im Boxsport, der größere Börsen macht als Klitschko und dessentwegen die Menschen rund um den Globus nächtelang an den Fernsehbildschirmen kleben.

Burn-out Yuri Foreman hat wieder Feuer, er hat wieder das »Auge des Tigers«, um im Klischee zu bleiben. Das war vor vier Jahren nicht mehr so, »ich hatte genug vom Boxen«, sagt er. Eine Mischung aus »Ekel vor den korrupten Geschäftspraktiken des Sports« und »einem simplen Burn-out« hatten ihn mit erst 30 Jahren in den Ruhestand getrieben.

Der Anfang vom Ende war der Kampf, der eigentlich der Höhepunkt seiner Karriere werden sollte. Es war der 6. Juni 2010, und New York hatte seinem jüdischen Champion die ganz große Bühne bereitet. 20.000 Menschen waren ins frisch renovierte Yankee Stadium gekommen, um zu sehen, wie Foreman gegen den Puerto Ricaner Miguel Cotto seinen Titel verteidigt.

Doch der Abend wurde zum Desaster. Foreman hatte sich schon im Training das Knie lädiert, er musste mit einer Manschette antreten. In der siebten Runde gab nach einem Haken von Cotto das Gelenk nach, Foreman knickte einfach weg. Vier Runden quälte er sich durch den Kampf, humpelte im Ring umher, verlor immer wieder das Gleichgewicht und musste harte Prügel einstecken. Sogar nachdem sein Trainer das Handtuch geworfen hatte, machte er noch weiter, doch schließlich brachen die Ringrichter das grausame Spektakel ab.

Foreman ließ sich operieren, neun Monate später stand er wieder im Ring. Doch er war gebrochen, er merkte, dass ihm die Leidenschaft abhandengekommen war. Der Löwe von Zion war müde. Nach einer Niederlage gegen den polnischen Mittelgewichtskämpfer Pawel Wolak im Januar 2011 schmiss er endgültig das Handtuch.

In den folgenden Monaten kam Foreman weiterhin täglich ins Gleason’s, um sich fit zu halten, um Jugendliche und Amateure zu trainieren – »Boxen ist schließlich mein Leben, seit ich ein kleiner Junge bin«. Schon mit sieben Jahren, als spindeldürrer Junge in der weißrussischen Kleinstadt Gomel, begann der kleine Yuri, in einem sowjetischen Sportverein Sandsäcke zu bearbeiten.

Doch der Lebensmittelpunkt verlagerte sich für Foreman nach dem Rücktritt auf Dinge außerhalb der Boxhalle. Da waren seine zwei kleinen Kinder, für die er jetzt mehr da sein konnte als bisher, als er sich immer auf irgendeinen Titelkampf vorbereiten musste. Und da waren seine Rabbinatsstudien.

Als Yuri Foreman in Weißrussland aufwuchs, spielte sein Glauben für ihn keine Rolle, »es war die Sowjetzeit, wir waren Atheisten«. Erst nachdem seine Familie nach Israel ausgewandert war und sein Vater in Haifa als Hafenarbeiter eine Anstellung fand, begann Yuri, sich langsam immer mehr als Jude zu verstehen – aber eher im ethnischen als im theologischen Sinn.

Dazu gezwungen hat ihn sein Sport. »Es gab für Israelis praktisch keine Möglichkeiten zu boxen«, erzählt er. »Ich musste immer in arabischen Gyms trainieren.« Für seine arabischen Box-Kollegen war er aber immer der Jude. »Ich war der Außenseiter, ich musste mich beweisen.«

Sich wirklich mit dem Judentum auseinandergesetzt hat er aber erst, als er schon lange in New York lebte. 1999, mit 19, war Foreman allein nach Amerika gekommen, weil seine Profi-Karriere in Israel stockte. Es gab keine hochklassigen Kämpfe, keine Trainingsmöglichkeiten, keine guten Gegner, kein Geld. Im Gleason’s boxte er sich dann nach oben. Doch nach Jahren begann dieser einsame Kampf in der harten Welt des amerikanischen Profiboxens an ihm zu zehren.

»Ich habe eine innere Leere verspürt«, sagt er heute. »Ich habe nach etwas gesucht, das größer ist als nur zu trainieren und zu kämpfen.« So begann er gemeinsam mit seiner Frau, am IYYUN, einem »Zentrum für jüdische Spiritualität« in Brooklyn, kabbalistische Kurse zu besuchen. »Ich glaube, meine Frau und ich, wir haben beide hier in der Fremde nach unserer Identität gesucht.«

Doch bald schon betrieb Yuri Foreman seine Torastudien mit der Intensität und Besessenheit des Leistungssportlers. Die Abendkurse waren ihm zu wenig, er wollte mehr. Und so begann er, unter Anleitung von Rabbi DovBer Pinson auf das Rabbinat hinzuarbeiten. Im vergangenen Jahr wurde Yuri Foreman dann ordiniert.

Gebet Seltsamerweise waren es auch die Rabbinatsstudien, die ihn zurück in den Boxring führten. Auch wenn die orthodoxe Lehre den Kampfsport eigentlich nicht goutiert, sieht Foreman überall Parallelen zwischen der körperlichen Disziplin des Sports und der geistigen Disziplin des Lebens nach der Tora. »Das Judentum zu praktizieren, ist eine Form des Trainierens«, sagt er. Und genau wie das tägliche Gebet sieht er heute das Training und den Kampf als eine spirituelle Übung.

»Wenn ich ein schlechtes Sparring oder einen schlechten Kampf habe«, erklärt er, »dann muss ich genau analysieren, welche Fehler ich gemacht habe und wie ich mich verbessern kann.« So ist der Leistungssport eine nie endende Arbeit an sich selbst, immer von dem Bemühen getrieben, noch perfekter zu werden. Das Gleiche empfindet Foreman für seine spirituelle Praxis, sein religiöses Training: »Ich frage mich ständig, wie ich mein Verhältnis zu Haschem verbessern kann.«

Das Boxen als spirituelle Praxis zu begreifen, als Teil seines »Auftrags im Leben«, hat Yuri Foreman die Freude an seinem Sport zurückgegeben. »Das Boxen macht mich zu einem besseren Juden, und mein Judentum macht mich zu einem besseren Boxer.«

Yuri Foreman hat Pathos in der Stimme, wenn er so von seinen beiden Berufen und Berufungen spricht. Er richtet sich am Rand des Rings auf und schlägt einen Tonfall an, als stehe er vor einer Gemeinde. Und wenn er davon redet, dass er das Boxen dazu benutzen möchte, die Welt zu verbessern, dann klingt das ein wenig zu dick aufgetragen.

Dabei wäre das gar nicht nötig. Foreman tut schon genug. Allein durch seine Person baut er Klischees ab, etwa, dass Boxen ein Sport hirnloser Gewalt ist, ein dumpfes Aufeinandereindreschen. Und das Klischee des verkopften Juden, der körperlich ungelenk ist und dem Sport Unbehagen bereitet.

Einwanderer Foreman möchte stolz an die große Zeit der jüdischen Boxer anknüpfen, welche die goldene Zeit des Boxsports in den 20er- und 30er-Jahren dominierten. Jüdische Einwanderer bestimmten damals das Boxen in Amerika – Kämpfer wie Barney Ross, Ted Lewis oder Maxie Rosenbloom, die in das Pantheon des Sports gehören, deren Namen aber heute vergessen sind. Allein wegen Yuri Foreman erinnert man sich heute wieder an sie, wann immer er in den Ring steigt, denkt man auch an sie.

Foreman hat jetzt genug geredet, er hat hier noch einen Job zu erledigen. Sein erster Kampf im Barclays Center in Brooklyn, direkt vor seiner Haustür, ist am Wochenende. Er wirft das Handtuch zur Seite, lässt sich von seinem Trainer die Handschuhe schnüren und tänzelt mit der Leichtigkeit des Topathleten an den Punchingball.

Innerhalb von Sekunden ist er wieder in jener Zone, in die sich Elite-Athleten im Handumdrehen zu versetzen wissen, jener kompletten Einheit von Körper und Geist, in der das ganze Wesen Konzentration ist und alle Energien in die gleiche Richtung fließen. Foremans Schritte und Schlagkombinationen, seine Ausweich- und Angriffsbewegungen fließen elegant ineinander wie ein perfekt choreografierter Tanz.

Viele Kollegen halten in ihrem Training inne und schauen ihm zu. Rund um Foreman verwandelt sich das Gleason’s in all seiner Heruntergekommenheit in einen Tempel. Es wird andächtig still im Saal, zu hören sind nur die dumpfen Schläge auf den kleinen Lederball und das Grunzen des Rabbiners.

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