Jüdische Allgemeine | 07.03.2018 | Adi Farjon | https://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/31032

Internationaler Frauentag

Auf dem harten Boden der Tatsachen

Die Situation von Frauen mag nie besser gewesen sein als heute – doch Ungerechtigkeiten finden sich überall

Wir leben im Jahr 2018, doch noch immer ist es eine Herausforderung, eine Frau zu sein. Jedenfalls in vielen Bereichen der Öffentlichkeit, am Arbeitsplatz und für viele Frauen nicht weniger, wenn sie zu Hause sind. Weltweit gesehen mag die Situation von Frauen nie besser gewesen sein als heute – und doch sind Ungerechtigkeiten überall zu finden.

Klar, wenn wir unser Leben in Deutschland und Israel mit der Situation in anderen Ländern vergleichen, in denen Frauen nicht Auto fahren oder nicht einmal alleine über die Straße laufen dürfen, dann können wir uns als glücklich bezeichnen. Aber wir müssen ehrlich mit uns selbst bleiben und laut aussprechen, mit welchen Herausforderungen wir konfrontiert werden. Es ist immer leicht, mit dem Finger auf andere zu zeigen, während in unserem eigenen Land Frauen unterdrückt werden. Es geht nur voran, wenn wir unsere eigenen Mängel erkennen.

#metoo Im vergangenen Jahr haben wir eine Bewegung vieler mutiger Frauen erlebt, die sich entschlossen haben, laut auszusprechen, was sie erleben mussten: die #MeToo-Bewegung, die auch in Israel sehr stark war. Diese Frauen haben eine starke Botschaft gesendet, vor allem für die junge Generation, für unsere Töchter und Söhne. Dass der Körper einer Frau nur ihr gehört. Dass Worte beeinflussen und verletzen können. Aber vor allem: dass Gewalt von der Gesellschaft nicht akzeptiert wird.

Aber Belästigung und Gewalt bilden nur eine Kampfzone, leider gibt es noch mehr. Männer und Frauen müssen gemeinsam für eine bessere Welt eintreten. Mich hat es sehr ermutigt, dass die SPD kürzlich bekannt gab, gleich viele Frauen und Männer als Minister der künftigen Bundesregierung zu benennen. Es beeindruckt mich auch sehr, dass Deutschland seit mehr als einem Jahrzehnt von einer Frau regiert wird.

Dennoch, im Deutschen Bundestag sind nur 31 Prozent der Abgeordneten Frauen. Das ist sogar noch besser als in der israelischen Knesset: dort sind nur 28 Prozent Frauen – und dieser Wert ist immerhin der beste in Israel seit der Staatsgründung. Allerdings treten die meisten dieser Frauen in der Knesset couragiert und hörbar für neue Gesetze zur Gleichheit der Geschlechter ein. Und Israel hat eine starke Zivilgesellschaft, die für die Umsetzung dieser Gesetze kämpft.

herausforderungen Aber wir dürfen die Herausforderungen nicht nur im Großen suchen und benennen, welt- oder landesweit, sondern auch ganz nah bei uns, zum Beispiel am Arbeitsplatz. Der Unterschied beim Einkommen zwischen Männer und Frauen liegt in Israel bei 35 Prozent. Das heißt, für jede 100 Schekel, die ein Mann verdient, erhält eine Frau lediglich 65 Schekel. Weltweit sieht es noch schlimmer aus: Frauen verdienen durchschnittlich 59 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen. In Deutschland dürfen sich Frauen vergleichsweise »glücklich schätzen«, sie verdienen schließlich nur 21 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen.

Andererseits fasziniert es mich immer wieder, Geschichten über Frauen in führenden Positionen in der israelischen Gesellschaft zu hören: CEOs großer Firmen, Kämpferinnen und Pilotinnen in der Armee, Richterinnen und die Präsidentin unseres Obersten Gerichtshofes. Die Liste jener Frauen, die jene gläserne Decke durchbrochen haben, als Künstlerinnen, Athletinnen und sogar eine Trägerin des Chemie-Nobelpreises, diese Liste ist lang. Und doch ist es noch immer eine kleine Minderheit.

Denken wir also an die Frauen, die nicht in den diese hohen Sphären tätig sind, sondern an jene, die noch weiter unten stehen. Auf dem harten Boden der Tatsachen.

Die Autorin ist Diplomatin und Sprecherin der israelischen Botschaft in Berlin.