Kulturtage

Zwei Wochen im November

Die Arbeit der Gesellschaft zur Förderung jüdischer Kultur und Tradition ist Ilse Ruth Snopkowski ein Anliegen. Nach dem Tod ihres Mannes Simon, der die Gesellschaft Anfang der 80er-Jahre als Präsident des Landesverbandes Israelitischer Kultusgemeinden in Bayern gründete, übernahm sie 2001 die Aufgabe. Man könne ihr nichts abschlagen, das weiß Oberbürgermeister Christian Ude schon lange. Auch Horst Seehofer hielt sich nach seinemAmtsantritt als bayerischer Ministerpräsident daran. Mit dem Programm der 22. Jüdischen Kulturtage 2008 beweist Ilse Ruth Snopkowski, dass sie das Vermächtnis ihres Mannes erfolgreich weiterpflegt.
»Ein bis zwei Wochen halte ich mir Mitte November jedes Jahr frei«, sagt eine Besucherin und studiert in der Glashalle im Gasteig das siebenteilige Leporello. Da könne man binnen Tagen eine Reise durch die ganze jüdische Kulturgeschichte unternehmen. Kleinkunst und Klesmer, Expertengespräch und Dokumentarfilm würden in ihrer unterschiedlichen Vortragsform diese Vielfalt widerspiegeln.
Ob das Eröffnungs-Konzert von Kol Simcha, die ihrem Namen »Stimme der Freude« alle Ehre machten oder die One-Woman-Revue »Heute Abend: Lola Blau«, die Barry Goldman nach den Emigrationserfahrungen Georg Kreislers inszenierte, der Publikumszuspruch war groß. Selbst ein Thema wie frühe »Zeugnisse 1944-1948« von Kindern, die unmittelbar nach der Befreiung von Vertretern der Jüdischen Historischen Kommission in Polen befragt worden waren, fand sein Publikum. Ilse Ruth Snopkowski brachte dafür die besten Gesprächspartner zusammen: die beiden Historiker Alfons Kenkmann aus Leipzig und Feliks Tych aus Warschau.
Selbst Jahrgang 1929 gehörte Feliks Tych jener gejagten Generation an. Gab es im Vorkriegspolen fast eine Million jüdische Kinder im Alter bis 14 Jahren, so waren es bei Kriegsende nur noch 5.000. 500 von ihnen wurden befragt und ihre Aussagen gelten, so Tych, als besonders glaubwürdig, weil sie eine Wirklichkeit beschreiben, wie Kinder sie sehen – ohne erwachsenen-typische Stereotype und Wertungen. Gleichzeitig gälten sie als »stumme Zeugen«. Die Neigung zum Tagebuchschreiben trete erst mit der Pubertät auf. Der Verein Gegen Vergessen – Für Demokratie, der die Erstveröffentlichung in Deutschland unterstützte, war durch Hans-Jochen Vogel vertreten.
Ilse Ruth Snopkowski setzt auf Kooperation. So zog sie bei ihrer Planung das Kulturzentrum der Israelitischen Kultusgemeinde und das Kulturzentrum des Polnischen Generalkonsulats hinzu. Dank der Beteiligung der Landeszentrale für politische Bildung Bayern konnte am Ende des eindrucksvollen Abends jeder Gast einen Quellenband Kinder über den Holocaust als Geschenk mit nach Hause nehmen.
Wie sehr Selbstbild und historische Würdigung auseinanderklaffen können, wagte Snopkowski am Vortragsabend über »Judentum in Marokko und in der Türkei gestern und heute« zu zeigen. In Marokko gibt es keine nennenswert große jüdische Gemeinde mehr. Das öffentliche Interesse und die Präsenz in den Medien seien deutlich größer, erklärte Sophie Wagenhofer vom Zentrum Moderner Orient der Humboldt-Universität. Michael Studemund-Halévy von der Universität Leipzig konstatierte für die Türkei, es gebe eine jüdische Gemeinschaft, und die türkische Gesellschaft zehre von dem Faktum, Juden in den 30er und 40er-Jahren Asyl gewährt zu haben. Dass daran viel Mythos sei, erregte die türkische Zuhörerschaft. »Streitbare Lebendigkeit, Information und Unterhaltung – das zeugt doch davon, dass Beschäftigung mit jüdischer Kultur in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist«, resümierte ein Besucher. Nora Niemann

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