Otto-Benecke-Stiftung

Zurück auf die Schulbank

von Matilda Jardonova-Duda

Roman Arshavskiy zieht für 13 Monate nach Trier. An der dortigen Fachhochschule will der 37-jährige Ingenieur Informatik studieren. Die FH hat den Studiengang eigens für arbeitslose Akademiker mit bereits vorhandenen Programmierkenntnissen konzipiert. Unterstützt wird sie von der Otto-Benecke-Stiftung aus Bonn, die bisher Zuwanderer mit Hochschulabschluss förderte, deren Ankunft weniger als ein Jahr zurücklag. Mit dem Projekt AQUA (Akademiker/innen qualifizieren sich für den Arbeitsmarkt) öffnet die Benecke-Stiftung zum ersten Mal ihr Programm für hochqualifizierte Arbeitslose unabhängig von Aufenthaltsdauer, Herkunft und Alter, auch für Deutsche.
Gerade haben 13 Weiterbildungslehrgänge an Universitäten und Fachhochschulen in ganz Deutschland begonnen. Die Studierenden erwerben aktuelles Wissen in naturwissenschaftlichen und technischen Fächern, dort, wo der Fachkräftemangel bereits am deutlichsten zu spüren ist. Aber auch Außenhandel, PR oder Tourismusmanagement werden angeboten.
Roman Arshavskiy ist vor knapp drei Jahren als jüdischer Kontingentflüchtling aus Taschkent, der usbekischen Hauptstadt, nach Deutschland gekommen. In der Heimat hatte er Elektrotechnik studiert und zehn Jahre bei einer Firma Software für Bankanwendungen erstellt. Diese Qualifikation kann er jedoch nur durch sein Werkbuch nachweisen, eine einschlägige Ausbildung hat er dafür nicht – wie viele andere Programmierer auch. Das hat sich bei der Arbeitssuche in Deutschland als ein Handikap erwiesen.
Dabei hieß es doch, dass in Deutschland Informatiker gesucht werden. Er habe sich schließlich nicht blind in das Abenteuer Auswanderung gestürzt, sondern vorher informiert, sagt der 37-Jährige. Das Beispiel eines Verwandten hatte ihm Hoffnung gemacht: Trotz seiner 47 Jahre habe dieser nach einer Weiterbildung Arbeit als Systemadministrator gefunden. Auch andere Berichte auf dem Infoportal für Migranten aus der ehemaligen Sowjetunion, www.vorota.de, lasen sich sehr positiv. Vorausgesetzt, man sei bereit, dazuzulernen.
Doch seine ersten Erfahrungen waren schlecht. Lag es an seinem holprigen Deutsch, den nur passiven Englischkenntnissen oder an der in Deutschland nur wenig bekannten Programmiersprache Delphi? Seine Bewerbungen liefen ins Leere. »Irgendwann habe ich begriffen: Einen stummen Programmierer will keiner haben. Man muss sich den Anforderungen des Arbeitsmarktes anpassen.« Dafür hat er bereits einiges getan: Nach einem Bewerbungstraining absolvierte er den Kurs »Deutsch als Fachsprache« an der Uni Magdeburg. Wegen des Sprachkurses musste er für drei Monate Frau und Sohn am Wohnort Heppenheim bei Frankfurt zurücklassen. Die Trennung nimmt er hin, denn mit jedem Tag Arbeitslosigkeit mehr verliere er den Anschluss. »Als ich 2004 noch in Taschkent war, haben wir gerade angefangen, mit Oracle 8 zu arbeiten. Jetzt gibt es bereits die elfte Version.« Zu Hause auf dem privaten PC sei es schwierig, sich stets auf dem Laufenden zu halten.
Einmal schien der Job sogar zum Greifen nah. Da machte Arshavskiy ein Praktikum bei einer Softwareschmiede aus Mannheim. Die Tätigkeit gefiel ihm gut, die Kollegen auch, und der Chef war an-geblich mit ihm zufrieden. Schließlich hakte es daran, dass das Jobcenter zu wenig zu seinem Lohn zuschießen wollte.
Das Programmieren wollte er dennoch nicht aufgeben. Als er darüber nachdachte, ein Fernstudium zu beginnen, erfuhr er vom Projekt AQUA. Lieber vor Ort kürzer, als zu Hause länger studieren, dachte sich der Familienvater. Im Hörsaal und in der Gruppe fiele es ihm leichter, sich zu konzentrieren. Wichtig sei es für ihn auch, dass es unter den Studienkollegen Deutsche gebe: Dadurch werde er seine Sprachkenntnisse festigen. Auch sein Anspruch auf Arbeitslosengeld bleibt für die Dauer der Fortbildung bestehen.
Das Auswahlverfahren hat Roman Arshavskiy erfolgreich durchlaufen und wird nun zehn Monate lang die Programmiersprachen pauken, Datenbanken zusammenstellen, Rechnernetze gegen Hacker und Trojaner sichern und Projektpräsentationen einüben. Danach folgt ein obligatorisches dreimonatiges Betriebspraktikum. Mit diesem Mix aus Theorie und Praxis erreicht die OBS seit über 20 Jahren üblicherweise hohe Vermittlungsquoten für ihre Stipendiaten. Arshavskiy ist ebenfalls zuversichtlich: »Frankfurt, Darmstadt und Mannheim liegen bei mir in der Nähe. Irgendetwas wird sich schon finden.«

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