Rabbiner David Kwirz

Zukunft in der Stadt der Verfolgung

Stolpersteine erinnern an Opfer der NS-Zeit. In der Niebuhrstraße 72 in Charlottenburg sind drei solcher Gedenktafeln aus Messing in den Gehweg eingelassen: In Erinnerung an Erna, Fritz und Ernestine Ester Cohn, die in Auschwitz und Riga er-
mordet wurden. Während Stolpersteine meist auf das endgültige Ende jüdischen Lebens am jeweiligen Ort verweisen, stehen diese drei jetzt auch für eine Art Neubeginn. Denn Erna und Fritz Cohn sel. A. sind die Urgroßeltern von Rabbiner David Kwirz. Seine Großmutter überlebte die Schoa, als Einzige ihrer Familie. Ihr Enkel ist nun vor drei Wochen nach Berlin gekommen, um, wie er sagt, »beim Aufbau von Jüdischkeit in der Stadt« zu helfen.
Am Montag hatte Kwirz seinen ersten Arbeitstag, als Rabbiner der Jüdischen Traditionsschule Or Avner. Dort leitet der
24-Jährige jetzt den Fachbereich Judaistik. Er wird sich jedoch nicht nur um den Unterricht kümmern, sondern auch die Aufgaben eines Schul-Rabbiners übernehmen. »In Israel ist es üblich, dass es einen Raw für jede Schule gibt, der Antworten auf Fragen gibt, Segen spricht und sich um alle anderen Belange kümmert.«
Kwirz ist 1984 in Kfar Gideon zur Welt gekommen und in dem Moschaw auch aufgewachsen. Später besuchte er Schule, Jeschiwa und Kollel in Israel und den USA, machte bei Chabad Lubawitsch einen vom Jerusalemer Erziehungsministerium anerkannten Bachelor-Abschluss. Seine Frau Chaia Muska ist ebenfalls ausgebildete Pädagogin. Sie wird als Judaistik-Lehrerin in der 3. und 4. Klasse beginnen und sich später auch dem Aufbau einer Sonntags-Hebrew-School widmen. Beide sind stolze Eltern des erst vor wenigen Wochen geborenen Sohnes Moshe Fishel.
Nach einem kurzen Berlin-Aufenthalt im Frühjahr und vielen Gesprächen hatten sich die beiden für die Zukunft in einer neuen Heimat entschieden. Inzwischen haben sie auch eine Wohnung gefunden, mitten in Charlottenburg, nur wenige hundert Meter Luftlinie von der Niebuhrstraße entfernt. Mit welchem Gefühl sie das Leben hier beginnen? Das sei schwer zu beschreiben, sagt David Kwirz. Außerdem sei er in seiner Familie auf sehr unterschiedliche Reaktionen gestoßen. Seine Großmutter väterlicherseits, die ebenfalls aus Deutschland stamme, stehe dem Land, in dem auch sie ihre ganze Familie verloren hat, noch sehr ablehnend gegenüber. Und als seine Großmutter mütterlicherseits von den Plänen erfuhr, fragte sie verwundert: »Gibt es dort überhaupt noch Juden?« Doch als sie erfuhren, welche Aufgabe ihr Enkel übernehmen werde, seien sie beruhigt und wohlwollend gewesen, erzählt er. Denn damit schließe sich auch irgendwie ein Kreis, meint der junge Rabbiner. »Es ist für uns ein Sieg, Nizachon schelanu. Das jüdische Volk hat überlebt. Und gerade hier wächst wieder jüdisches Leben, lernen jüdische Kinder wie-
der Tora in der Schule.« Diese Zukunft will er unterstützen. Wie lange er dafür in Berlin bleiben wird? »So lange, wie es hier Juden gibt.« Detlef David Kauschke

Siedlergewalt

Huldai: »Ich schäme mich und schweige nicht mehr«

Tel Avivs Bürgermeister verurteilt die Gewalt gegen palästinensische Olivenbauern und Journalisten scharf. Er warnt vor dem Zerfall rechtsstaatlicher und zionistischer Werte

von Sabine Brandes  22.10.2026

Schwerin

Schwesig wirbt für Bund-Länder-Gruppe zur Prüfung der AfD

Den verfassungsrechtlichen Umgang mit der AfD prüfen? Gut, findet Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin – und spricht sich für den Vorstoß eines CDU-Ministerpräsidenten aus

 22.10.2026

Nahost

Israels Armee erhöht Alarmbereitschaft vor den Wahlen

Vor der Wahl herrscht laut einem TV-Bericht die Sorge vor Anschlagsversuchen, mit denen Einfluss auf die Wahl genommen werden könnte. Der Militärchef ordnet umfassende Sicherheitsmaßnahmen an

 19.10.2026

Berlin

Zwei Parteien in Berlin entscheiden über Koalitionsgespräche

Nach teils zähen Sondierungen entscheiden Grüne und SPD in Berlin über Koalitionsgespräche mit der Linken. Aber aus den Reihen der Sozialdemokraten gibt es Zweifel und Kritik, auch aufgrund der Antisemitismus-Skandale bei der Linkspartei

 19.10.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Einmal Gastro, immer Gastro

von Margalit Edelstein  14.10.2026

7. Oktober

Steinmeier: Antisemitische Hetze unerträglich aufgeflammt

Der schlimmste Anschlag auf Jüdinnen und Juden seit der Schoa: Der Bundespräsident verurteilt den Hamas-Terror vom 7. Oktober 2023. Und blickt auch auf die Lage im Gazastreifen

 08.10.2026

Terror

US-Präsident Trump glaubt, dass Iran hinter Flydubai-Attentat steckt

Noch ist unklar, ob und zu welchen ausländischen Organisationen der Attentäter Verbindungen hatte

 06.10.2026

Ein strategischer Bomber der US Air Force vom Typ B-1B Lancer auf dem Stützüpunkt Fairford in England (Archivbild)

Washington

Nach Anschlagsdrohung: B1-Bomber in die USA zurückverlegt

Das US-Militär hatte einige seiner Bomber wegen des Iran-Krieges nach Großbritannien verlegt. Nun wurden diese nach einem Vorfall am Stützpunkt wieder in die USA zurückbeordert. Die Frage ist: Warum?

 05.10.2026

Studie

»Neue antisemitische Normalität«: 7. Oktober für Juden in Deutschland biografische Zäsur

Eine wissenschaftliche Untersuchung zeigt, wie der Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 das Leben von Jüdinnen und Juden in Deutschland verändert hat. Die Befragten berichten von einer »neuen antisemitischen Normalität«, wachsendem Misstrauen und Ausgrenzung

 05.10.2026