Lemon Tree

Zitronen mit Zucker

»Ich bin sehr beeinflusst vom italienischen Kino«, bekennt der israelische Regisseur Eran Riklis, dessen neuer Film »Lemon Tree« jetzt in den deutschen Kinos anläuft. »Im italienischen Film bewegt man sich ganz mühelos zwischen Tragödie und Komödie. Und so ist es ja auch im richtigen Leben.« Wie schon in den Filmen »Cup Final« (1991) und »Die syrische Braut« (2004) beweist Riklis auch in »Lemon Tree«, dass er sich auf die italienische Kunst versteht, tiefernste Geschichten sehr unterhaltsam zu erzählen. Auch der neue Streifen ist kein verfilmtes politisches Pamphlet, sondern eine sehr geradlinig erzählte Geschichte über ganz gewöhnliche Menschen, die sich plötzlich in einer höchst ungewöhnlichen und gefährlichen Situation wiederfinden.
Die Palästinenserin Salma (Hiam Abbas) lebt in der Westbank, direkt an der Grenze zu Israel. Ein Zitronenhain ist die Existenzgrundlage der Witwe. Als der israelische Verteidigungsminister (Doron Tavory) und dessen Frau Mira (Rona Lipaz-Michael) direkt auf der anderen Seite der grünen Linie ein Haus beziehen, das unmittelbar an Salmas Zitronenhain grenzt, ist der Konflikt vorprogrammiert. Der Sicherheitsdienst besteht darauf, dass die Zitronenbäume gerodet werden, um es arabischen Terroristen unmöglich zu machen, sich dem Haus des Ministers zu nähern. Salma engagiert deswegen den palästinensischen Anwalt Ziad (Ali Suliman), um vor dem Obersten Gerichtshof für den Erhalt der Zitronenbäume zu kämpfen. Während sich der politische Konflikt um den Zitronenhain zuspitzt, verlieben sich der Anwalt und die zehn Jahre ältere Salma ineinander, und Mira, die Frau des Ministers, entfernt sich immer mehr von ihrem Mann. Sie entwi-ckelt zunehmend Verständnis für die Nachbarin, doch eine Annäherung zwischen den beiden Frauen findet nur in Blickkontakten statt. Die Feinde bleiben sich letztlich fremd.
Man kann Riklis’ Film sowohl als politisches Drama wie auch als eine Geschichte über eine unmögliche Freundschaft oder hoffnungslose Liebesbeziehung sehen. Dass man den Kinosaal dann doch nicht bedrückt verlässt, liegt daran, dass der Regisseur dem Zuschauer mit einem Blick, Bild oder Satz immer wieder ein befreiendes Lächeln aufs Gesicht zaubert. »Humor ist der beste Weg, um Widerstand zu neutralisieren«, sagt Riklis. »Bittere Medizin muss man mit Zucker einnehmen.«
Die Botschaft ist in der Tat bitter: Auch wenn der durchschnittliche deutsche Kinobesucher sofort mit der palästinensischen Witwe sympathisieren und davon träumen mag, dass die Lösung des Nahostkonflikts nahe sei, wenn man es nur den Frauen überließe, sich darum zu kümmern, so lässt Riklis doch keinen Zweifel daran, dass die Realität im Nahen Osten schwieriger ist, als man es in Europa wahrhaben will. Salmas Interesse ist völlig legitim und verständlich. Doch ebenso legitim und verständlich ist das Bedürfnis des israelischen Sicherheitsdienstes, den Minister und seine Frau zu schützen. »Lemon Tree« zeigt einmal mehr, dass es im israelisch-palästinensischen Konflikt nicht um Recht und Unrecht geht, sondern um Recht und Recht.
Riklis’ Film wurde auf der letzten Berlinale mit dem Publikumspreis ausgezeichnet. Denselben Preis erhielt vor drei Jahren auch Hany Abu-Assads Propagandaschnulze »Paradise Now«. Ist das Berlinale-Publikum klüger geworden oder hat es »Lemon Tree« falsch verstanden?
Fest steht: Wenn es ein, zwei arabische Regisseure mit dem differenzierten Blick eines Eran Riklis gäbe, wäre das ein großer Schritt für das arabische Kino. Und wenn es mehr deutsche Regisseure gäbe, die mit dem Schweren so leicht und elegant umgehen könnten wie Riklis es vermag, dann wäre auch das Kino hierzulande wesentlich besser. Christian Buckard

Zeitgeschichte

Georges-Arthur Goldschmidt sieht Guillotine am Beginn der Schoa

Der französisch-deutsche Schriftsteller sagte in einem Interview »Diese Normalisierung der Todesstrafe hat Europa zerstört.«

 09.06.2026

Holocaust-Gedenken

Wagner und Mendel kritisieren Yad-Vashem-Entscheid

In Deutschland sollen zwei Niederlassungen der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem entstehen. Der jüdische Wissenschaftler Meron Mendel und der Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, Jens-Christian Wagner, sehen das in Teilen kritisch

 29.05.2026

Reisen

Kein Parkplatz am Ben-Gurion-Flughafen

US-Militärjets blockieren 70 Prozent des Flughafens. Flüge fallen aus, Airlines bleiben weg und kurz vor dem Sommer herrscht große Unsicherheit

von Sabine Brandes  29.05.2026

Diplomatie

Israels Präsident begrüßt ersten Botschafter Somalilands

Als weltweit erstes Land hatte Israel vor einem halben Jahr die muslimisch geprägte Region im Norden Somalias als unabhängigen Staat anerkannt. Jetzt kommt der erste Botschafter nach Israel

 18.05.2026

Internationaler Strafgerichtshof

Bericht: Geheime internationale Haftbefehle gegen Ben-Gvir und andere

»Haaretz« berichtet über mögliche neue Schritte gegen mehrere israelische Minister und Militärvertreter

von Sabine Brandes  17.05.2026

Stuttgart

Die Vorfreude steigt

Die Jüdische Allgemeine berichtet weiterhin live von der Jewrovision. Die Jugendzentren sind inzwischen nach und nach angekommen, das Madrichim-Team empfängt die Teilnehmerinnen und Teilnehmer vor Ort. Die Vorfreude auf die Show steigt!

 15.05.2026

Genf

Döpfner fordert beim World Jewish Congress entschlossenen Kampf gegen Antisemitismus

Mit Blick auf die Hamas-Massaker vom 7. Oktober kritisiert der Springer-Chef die Reaktion: »Unmittelbar nachdem die Bilder der Opfer zu sehen waren, begann die Verharmlosung.«

 12.05.2026

In eigener Sache

Wir suchen Verstärkung

Wir suchen zum 1. Juli 2026 einen Politik-Redakteur (m/w/d) in Vollzeit

 07.05.2026

Jerusalem

Israel fordert von Großbritannien mehr Einsatz gegen Antisemitismus

Nach einem weiteren Terrorangriff auf Juden wirft Jerusalem London vor, die Lage nicht mehr unter Kontrolle zu haben. Präsident Herzog: »Es ist an der Zeit, dass die Welt aufwacht.«

 30.04.2026