Amsterdam

Zimmer mit Einsicht

von Kerstin Schweighöfer

Gebannt starren die drei Wissenschaftler auf die Innenseite einer alten Schranktür. »Leuchte mal da oben in die Ecke!«, ordnet Historiker Rob van der Laarse an. Im Lichtkegel der Taschenlampe, die sein Kollege Alexander Westra auf die gewünschte Stelle richtet, erscheint eine Signatur: A. L. »A. Legrand! Den kenne ich, das ist ein Amsterdamer Schreiner!«, freut sich Barbara Laan, die Dritte im Bunde. Über diesen Schreiner, da ist sich die Spezialistin für Möbel und Interieur ganz sicher, muss sich auch der Entwerfer des Schrankes aufspüren lassen: »Dann hat dieser Raum ein weiteres Stückchen seiner Geschichte preisgegeben!«
Ja, das Wohnzimmer der jüdischen Bankiersfamilie Korijn in der J.J. Viottastraat 36 ist eine spektakuläre Entdeckung. Es befindet sich in Amsterdam-Süd, wo bis zum Zweiten Weltkrieg viele Juden lebten. Auch Anne Frank wohnte mit ihrer Familie in diesem Bezirk, bevor sie untertauchen musste. »Allein in der Viottastraat hat die deutsche Besatzungsmacht die Bewohner von zehn Häusern abführen lassen«, sagt Rob van der Laarse, Leiter des Lehrstuhls für Europäische Kulturgeschichte an der Universität von Amsterdam. Von den Wohnungseinrichtungen der Juden jedoch ist kaum etwas erhalten geblieben. Das Wohnzimmer in der Viottastraat hingegen mit seinen maßgeschreinerten Einbaumöbeln sieht fast noch genau so aus, wie es die Familie Korijn 1943 hinterlassen hat, als sie deportiert wurde und in verschiedenen Lagern ums Leben kam. Das mache dieses Zimmer zu einem einzigartigen Dokument jüdischen Alltagslebens in Amsterdam, sagt van der Laarse: »Wir haben ansonsten nur das Anne-Frank-Haus im Zentrum. Aber da geht es um ein Versteck, da haben keine Juden gewohnt!« Er kann die Bedeutung dieses Fundes nicht genug betonen: »Hier in der Viottastraat kann erstmals nachvollzogen werden, wie eine assimilierte jüdische Familie in Amsterdam lebte.«
Entdeckt wurde die Wohnung im Rahmen eines interdisziplinären Forschungsprojektes, für das historische Interieurs in Amsterdam aufgespürt und inventarisiert werden. Langfristiges Ziel ist es, sie zu restaurieren und für die Nachwelt zu bewahren. Die Viottastraat 36 wurde bis vor Kurzem von Studenten bewohnt. Ein Bau- unternehmer, der das Gebäude neu einteilen wollte, um darin drei moderne Apartments unterzubringen, konnte gerade noch davon abgehalten werden, alles herauszureißen. »Es ist wie ein Wunder«, sagt die Initiatorin des Forschungsprojekts, Barbara Laan. »Wir sind schon auf viele außergewöhnliche Wohnungen gestoßen, auch von jüdischen Familien. Aber ein solches Ensemble, nahezu vollständig und unversehrt, das ist doch ziemlich einzigartig!«
Fest steht schon, dass die Korijns einen guten und sehr teuren Geschmack hatten: Vater Lodewijk stammte aus einer großen Bankiersfamilie, die unter dem Namen »Louis Korijn & Co.« verschiedene Filialen hatte, nicht nur in Amsterdam, auch in Den Haag, Rotterdam und Middelburg. Mit seiner Frau Debora und den Töchtern Theodora Helena, Anna Céline und Elise war Lodewijk Korijn 1923 in das Haus in der Viot- tastraat umgezogen, ein für Amsterdam typisches rotes Backsteinreihenhaus.
Die Korijns wohnten darin standesgemäß mit zwei Dienstboten und einem Chauffeur, die vermutlich oben im Dachgeschoss schliefen. Gleich neben dem Eingang lag ein Sprechzimmer, wo Bankier Lodewijk, wie es damals üblich war, auch abends noch Kunden empfangen konnte. Zum Garten hin befand sich ein Saal, der für Diners genutzt werden konnte. Der ovale Erker mit den prächtigen Bleiglasfenstern zeugt heute noch davon, wie elegant er einst gewesen sein muss.
Vollständig erhalten geblieben jedoch ist nur der angrenzende, zur Straße hin gelegene Salon – das Wohnzimmer: Mit einer Schiebetür aus ebenfalls schön gestalteten Bleiglasscheiben in Lila, Blau und Gelb ist es mit dem Saal verbunden. »Dieses Wohnzimmer haben die Korijns gleich nach ihrem Einzug 1923 nach eigenen Wünschen neu gestalten lassen«, erzählt Alexander Westra, Dozent für Kulturerbestudien an der Universität von Amsterdam. Herausgekommen ist eine Einrichtung im Stil der Amsterdamer Schule mit vielen Holzvertäfelungen aus edlen Holzsorten wie Mahagoni, Nussbaum und Palisander, aber auch mit vielen Art-déco-Elementen wie den beiden verspielten Lampenschirmchen rechts und links vom Kamin. Die ursprüngliche Tapete wurde mit braunrotem Samt überklebt, Schränke und Heizkörperverkleidungen mit Intarsien aufwendig verziert. Selbst die Original-Lichtschalter hängen noch an den Wänden, gleich über dem Klingelknopf, mit dem das Dienstmädchen herbeigeholt wurde. Und der liebevoll gestaltete Einbauschrank, in dem Schreiner Legrand seine Signatur hinterlassen hat, kann neben vielen Schubladen sogar mit einem Geheimfach aufwarten: »Sehen Sie, hier hinten ist es«, sagt Alexander Westra und geht in die Knie. »Leider war es vollkommen leer!«, seufzt er.
Aber dafür wurde in den Deckenbalken ein Brief des niederländischen Zionistenbundes entdeckt: »Dabei galt die Familie als sehr liberal!«, wirft Westras Vorgesetzter van der Laarse ein, als er sich in die ehemalige Küche begibt, um dort in die sogenannte »Kruipruimte« zu klettern, wörtlich übersetzt: »Kriechraum«. In diesem 60 oder 70 Zentimeter tiefen Hohlraum unter dem Erdgeschoss verlaufen in niederländischen Häusern Wasser- und Elektrizitätsleitungen. Viele Juden haben den Zweiten Weltkrieg überlebt, indem sie sich in solchen Kruipruimtes versteckten. »Wir haben gehört, dass über diese Kruipruimte hier ein Tunnel in den Garten führen soll«, sagt van der Laarse, als er wieder auftaucht. »Dieser Sache müssen wir noch nachgehen«, betont er und klopft sich den Staub von der Hose. »Möglicherweise haben die Korijns andere Juden versteckt! Wir wissen einfach noch viel zu wenig.« Um das zu ändern, will er mit Menschen reden, die die Familie Korijn noch kannten: »Die sind zwar alle weit über 90, aber wir müssen der Geschichte dieses Hauses in jeder Hinsicht auf die Spur kommen!«
Bekannt ist bereits, dass Vater Lodewijk Korijn im Dezember 1942 eines natürlichen Todes gestorben war. Kurz darauf wurden seine Frau und Kinder in das niederländische Durchgangslager Westerbork abgeführt. Mutter Debora überlebte ihre Töchter noch um zwei Jahre: Sie wurde 53 Jahre alt und starb so wie Anne Frank im März 1945 in Bergen-Belsen. Ihre Töchter Theodora Helena und Anna Céline hingegen kamen schon 1943 im Alter von 27 und 24 Jahren in Auschwitz ums Leben, zuvor hatten beide noch im Lager geheiratet. Elise, die Jüngste, starb ebenfalls 1943, in Sobibor. Sie wurde 19.
Nach Kriegsende fiel das Haus in die Hände eines berüchtigten Amsterdamer Kaufmannes, der sich auf das An- und Verkaufen verlassener jüdischer Immobilien spezialisiert hatte. Über Umwege gelangte es dann in den Besitz des Bistums Haarlem, das es in ein Studentenwohnhaus für angehende Theologen umwandelte. Mehr als 40 Jahre lang wohnten dort Studenten – ohne dabei ihrem Ruf groß Ehre zu machen. Aus allen anderen Räumen wurde im Laufe der Jahrzehnte alles herausgerissen und die Einrichtung immer wieder verändert. Im Saal an der Gartenseite, an dessen Wänden Graffitis prangen, fanden wilde Partys statt. Doch vorne im Salon blieb die Zeit stehen. Um dieses Zimmer machten die Studenten einen Bogen. »Sie behandelten es mit Respekt und hielten dort allerhöchstens Sitzungen ab«, berichtet van der Laarse. Einige begannen sogar, auf der Suche nach den ehemaligen Bewohnern in alten Telefonbüchern zu stöbern und entdeckten, dass hier einst Juden gewohnt hatten. »Das haben sie an Neuzugänge weitergegeben«, so van der Laarse. »Finger weg, lautete das Motto. Dieser Raum hat eine jüdische Vergangenheit.«
Viele der einstigen Studenten haben inzwischen reagiert und wollen den Wissenschaftlern bei der Rekonstruktion des Wohnzimmers und seiner Vergangenheit helfen. Van der Laarse weiß das zu schätzen. Noch mehr allerdings würde es ihn freuen, wenn die Stadt Amsterdam oder Institute wie das Anne-Frank-Haus und das Jüdisch-Historische Museum helfen würden, vor allem finanziell: »Es muss ja nicht gleich ein Museum werden, aber zumindest ein Ort der Erinnerung, der auf Absprache besichtigt werden kann.«
Das Jüdisch-Historische Museum verfolgt die Entwicklung zwar interessiert, hat aber keinerlei Pläne, die Viottastraat 36 zu einer Dependance zu machen: »Wir helfen gerne bei der Rekonstruktion der jüdischen Vergangenheit, aber wir sind ein Museum, und wie jedes Museum haben wir kein Geld«, stellt Sprecher Moncef Beekhof klar. Auch die Anne Frank Stiftung will außen vor bleiben: »Schön, dass es entdeckt wurde«, sagt Sprecherin Annemarie Bekker. »Aber wir beschränken uns auf Anne Frank.« Die Stadt Amsterdam sucht nach Möglichkeiten, das Haus oder zumindest das Zimmer zu erwerben. »Alles ist noch offen«, teilt Sprecher Chris van der Kroon mit. Es müsse aber auf jeden Fall unter Denkmalschutz gestellt werden. »Das ist das Mindeste!«, sagt van der Laarse. Immerhin ist dieses Haus auch Zeugnis der Schattenseiten niederländischer Vergangenheit. Von den ursprünglich 81.000 niederländischen Juden überlebten nur 15.000 die deutsche Besatzung zwischen 1940 und 1945. Dabei konnten die Nazis auf den Übereifer vieler Amsterdamer Beamten bauen, die sogar Überstunden einlegten, um alle Juden zu erfassen und abtransportieren zu lassen. In keinem anderen Land, mit Ausnahme Polens, haben so wenige Juden überlebt.
»Es geht hier um einen einzigartigen Ort jüdischer Vergangenheit in Amsterdam«, betont van der Laarse. »Eigentlich ist es die Pflicht der Stadt, ihn zu bewahren und für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen!«

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