vorbild

Zentrum des Geistes

Religiöse Dynamik und gesellschaftlicher Einfluss sind undenkbar ohne theologisch‐wissenschaftliche Ausbildungsstät‐ ten. Das US‐amerikanische Judentum hätte sich ohne seine Hochschulen nie zu dem entwickeln können, was es heute ist: Man denke an die Yeshiva University und das konservative Jewish Theological Seminary in New York sowie an das Hebrew Union College in Cincinnati.
Im Gegensatz zu traditionellen, in der Regel orthodoxen Jeschiwot vermitteln diese Institutionen jüdisches Wissen und jüdische Theologie so, dass sie dem Anspruch moderner, kritischer Geistes‐ und Kulturwissenschaft genügen. Doch das Judentum ist nicht »nur« eine Religion oder Konfession, sondern immer auch eine ethnisch gebundene Zivilisation. Deshalb entstanden in den USA an vielen Universitäten Institute für Jewish Studies. Und in Massachusetts wurde 1948 gar eine säkulare jüdische Universität errichtet: die Brandeis University. Sie präsentiert sich heute selbstbewusst als »Jewish Sponsored University« mit universellem Anspruch.
Aber Deutschland ist nicht Amerika. Die Heidelberger Hochschule für Jüdische Studien, die in diesen Tagen den 30. Jahrestag ihrer Gründung feiert, stand und steht unter völlig anderen Bedingungen. Sie tritt in die Fußstapfen jener beiden Zentren jüdischer Geistigkeit, die bis 1933 den intellektuellen Vorrang des deutschen Judentums markierten.
Dies ist zum einen das 1854 unter der Ägide von Zacharias Fränkel gegründete Breslauer Rabbinerseminar, das einem nicht orthodoxen, sondern konservativen Kurs folgte. Zum anderen ist es die Berliner »Hochschule für die Wissenschaft des Judentums«, die 1872 auf Anregung von Abraham Geiger und Ludwig Philipson ins Leben gerufen wurde. Berühmte Lehrer und Absolventen des Breslauer Seminars wurden später zu Lehrkräften und Professoren in Berlin: Man denke an Hermann Cohen, Leo Baeck und Ismar Elbogen. Und man vergesse nicht Abraham Jehoschua Heschel, Emil Fackenheim, Herbert Strauss und Ernst Ludwig Ehrlich oder die erste Rabbinerin der Moderne, Regina Jonas.

zufall der geschichte Beide Einrichtungen wurden von den Nazis geschlossen. Das Breslauer Seminar musste nach 84 Jahren seinen Betrieb einstellen, das Berliner Seminar nach 66 Jahren. Gemessen daran sind die 30 Jahre, auf die die Heidelberger Hochschule jetzt zurückblickt, keine lange Zeit. Doch in der mehr als 60 Jahre zählenden Geschichte der Juden im Nachkriegsdeutschland ist es viel.
Der 1921 geborene Nathan Peter Levinson – er wirkte nach dem Zweiten Weltkrieg lange Zeit als Landesrabbiner in Baden‐Württemberg und später in Hamburg – war ein Absolvent der Berliner Hochschule. Seit Beginn der 70er‐Jahre warb er unermüdlich für die Errichtung einer Nachfolgeinstitution. Mit der dem bundesdeut‐ schen Kulturföderalismus eigenen (Un)logik wurde sie nach vielen Jahren schließlich in Heidelberg ins Leben gerufen. Die Gründung erfolgte zehn Jahre vor dem Beginn der russisch‐jüdischen Zuwanderung – in einer Zeit, da das demografische Ende der stark überalterten jüdischen Gemeinschaft in Deutschalnd absehbar war. Im Rücklick kann die Gründung als ein Wechsel zur Zukunft angesehen werden, der durch einen unwahrscheinlichen Zufall der Geschichte gedeckt wurde.
Nach vielen Kinderkrankheiten ist die Heidelberger Hochschule heute eines von mehreren geistigen Zentren des neuen deutschen Judentums. Sie verbindet akademische Exzellenz mit starker Konzentration auf die Arbeit in den Gemeinden. Nach jahrelangen Verzögerungen ist es dem Zentralrat der Juden in Deutschland als wesentlicher Trägerinstitution gelungen, eine Rabbinerausbildung anzubieten. Damit hat sie praktisch den Rang einer jüdisch‐theologischen Fakultät erhalten.

juden und nichtjuden Tatsächlich studieren an dieser Hochschule jedoch deutlich weniger Juden als Nichtjuden – ein Umstand, der angesichts der trotz Zuwachs noch immer relativ kleinen jüdischen Gemeinschaft in Deutschland zur Kenntnis genommen und begrüßt werden muss. Man darf getrost davon ausgehen, dass christliche Theologen und säkulare Kulturwissenschaftler, die in Heidelberg studieren, über die Hochschule exzellente Kenntnisse des Judentums erwerben. Die Forschungen des Talmudgelehrten Ronen Reichman, des Religionsphilosophen Daniel Krochmalnik, der Bibelwissenschaftlerin Hannah Liss, der Kunsthistorikerin Annette Weber und etlicher anderer repräsentieren einen professionellen Standard jüdischer Gelehrsamkeit, der einen Vergleich mit dem Breslauer Seminar und der Berliner Hochschule nicht scheuen muss.
Jeder Vergleich mit US‐amerikanischen Hochschulen indes muss die unterschiedlichen Größenverhältnisse von mindestens fünf Millionen amerikanischer und rund 200.000 deutscher Juden zur Kenntnis nehmen. Bedeutung und Gewicht einer geistigen Institution erschließen sich oft erst im Rückblick. Für die nächste Zukunft sind der Heidelberger Hochschule mehr jüdische Studierende zu wünschen – Frauen und Männer, die von der Leidenschaft besessen sind, dem jüdischen Leben in Deutschland seinen alten Rang zurückzugeben. Den Lehrenden sei – bei aller exzellenten Arbeit, die sie bereits leisten –mehr Mut gewünscht zu fair ausgetragener Kontroverse und Konflikt, zu jener Arbeit der Zuspitzung, die das Leben des Geistes charakterisiert.
Die jüdische Gemeinschaft in Deutschland wird – ob sie will oder nicht – im europäischen Judentum der Zukunft eine wesentliche, wenn nicht gar führende Rolle spielen. Die wissenschaftlichen und intellektuellen Ressourcen dafür muss nicht zuletzt auch die Heidelberger Hochschule bereitstellen.

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