Schabbat HaChodesch

Zeichen der Zeit

von Rabbiner Baruch Rabinowitz

Es geht um die Zeit. Mal haben wir zu wenig, mal zu viel. Mal vergeht sie zu langsam, mal zu schnell. Und es gibt Mo-
mente im Leben, in den wir alles tun würden, um die Uhren anhalten zu können. Nur wissen wir, dass wir das nicht können. Die Welt, in der wir leben, hat ihren eigenen Rhythmus. Und unser Leben auch. Die jüdische Tradition kann für uns eine enorme Hilfe sein, mit der Zeit in Einklang zu leben. Das ist etwas, was wir aus dem Toraabschnitt dieser Woche lernen können.
Schabbat HaChodesch – diesen Beinamen trägt dieser Schabbat, weil wir an ihm den Beginn des neuen Monats Nissan verkünden – ist eine Brücke, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander verbindet. Die Wochenabschnitte Wa-
jakhel und Pekude schließen das 2. Buch Moses ab. Die Stiftshütte (Mischkan) ist vollendet – ein tragbarer Tempel, den das Volk (und jeder von uns) immer und überall mitnehmen sollte. Egal wo auf dem Weg wir uns befinden, unser »kleines Heiligtum« ist ein Zeichen dafür, dass Gott uns überall und immer begleitet.
Das Stiftszelt ist auch die Schatzkammer der Seele, in der wir unsere persönlichen Lebenserfahrungen sammeln und aufbewahren (vgl. Jüdische Allgemeine 12/06). Die Tora warnt uns, dass das Stiftszelt zu einer Art Abstellkammer verkommt, wenn die im Mischkan befindlichen Objekte nicht genutzt würden. Wir sind aufgefordert, uns mit unseren Erfahrungen – ob Schmerz oder Freude – auseinanderzusetzen. »Bearbeite deine Vergangenheit in der Gegenwart, sodass sie nicht deine Zukunft bestimmt «, heißt es in einer fernöstlichen Weisheit.
Dieser Schabbat ist ebenfalls der letzte im Monat Adar. In diesem Monat haben wir Purim gefeiert. Und die Geschichte dieses Festes bereitet uns auf Pessach vor. Wir befinden uns auf einem Weg zwischen »das Leben als Geschenk bekommen zu haben« und »das Geschenk voll und frei leben zu können«.
Das menschliche Leben ist eine Reise der Suche und Sehnsucht, ein Pilgerweg zu uns selbst, auf dem wir uns mit Gott und seiner Schöpfung verbinden. Bewusst zu leben heißt, in der Gegenwart zu sein. Im ständigen Denken an die Zukunft und das, was wir noch nicht haben, verpassen wir den Segen des Moments. Wir übersehen das, was uns jetzt geschenkt ist. Die Vergangenheit kann man nicht zurückholen und die Zukunft nicht aufhalten. »Jetzt« ist unsere einzige Realität.
In zwei Wochen feiern wir Pessach. In Erinnerung an die Befreiung der Israeliten aus der ägyptischen Sklaverei. Zugleich ist damit der Aufruf zur Befreiung aus der persönlichen Sklaverei verbunden. Der Exodus ist jedoch ein lebenslanger Prozess und kein einmaliges Ereignis. Die Befreiung entsteht in dem Moment, in dem wir offen und bereit für Neues sind. In diesem Glauben packen wir unseren Koffer und folgen dem Ruf der Seele. Wir verlassen den vertrauten Ort, an dem wir geboren wurden, unsere Umgebung und Gewohnheiten, um ins »unbekannte Land« zu ge-
hen, das für uns alleine bestimmt ist und in dem wir unsere Persönlichkeit am bes-
ten entfalten können. Wir folgen dem Beispiel von Abraham, dem ersten Iwri (Ju-
den). Das Wort Iwri bedeutet auch »überqueren« und »Grenzgänger«. Zusammen mit ihm verlassen wir also unseren sicheren Hafen und gehen »in ein Land, das uns nicht bekannt ist«, um unsere Träume zu leben.
Wir gehen in Begleitung von Moses (Moses: »der im Wasser gefunden wurde«). Wasser bedeutet Beweglichkeit und Le-
ben. Wasser verändert alles, womit es in Berührung kommt. Moses ist die Vision, Inspiration und Sehnsucht. Mit den zwei ersten hebräischen Buchstaben seines Na-
mens beginnt auch das Wort Maschiach (Messias) – ein Symbol für ultimative Er-
lösung und Befreiung. Zwei weitere Buchstaben im Wort Maschiach bilden das Wort »Chai« (Leben). Denn nur wenn wir unsere Vision praktisch leben, bringen wir uns und die Welt näher an die messianischen Zeiten. Egal, wie stark Moses in seinem Glauben war, auch er hatte einen Stab, um sein Gleichgewicht nicht zu verlieren. Wir brauchen ebenfalls Unterstützung: Menschen, die uns lieben und be-
gleiten.
Das hebräische Wort Monat (Chodesch)
bedeutet auch »neu« (chadasch) und weist auf die neue Mondphase hin. Der babylonische Talmud (Traktat Sukkah) vergleicht das Volk Israel mit dem Mond, der sich immer in Bewegung befindet und sich ständig verändert. Es gibt Zeiten, in denen er in vollem Umfang zu sehen ist, und Zeiten, in denen er am Nachthimmel verschwindet und unsichtbar wird. Er re-
flektiert die Sonne: die Impulse und Anregungen, die von draußen kommen. Auch wir sind eingeladen, uns offen und reflektierend dem Leben gegenüberzustellen, die Erfahrungen zu sammeln und uns be-
einflussen zu lassen, ohne uns im Kern zu verändern.
Im Moment zu leben, bedeutet sich mit der Zeit zu versöhnen. Das Lernen aus der Vergangenheit, und das Leben in der Ge-
genwart schafft unsere Zukunft. Das Ju-
dentum bietet kein Wunderelixier, das uns von Schmerz, Leid und Krankheit befreit. Es zeigt uns eher einen Weg, das Leben bewusst zu erleben.
Dafür brauchen wir die Weisheit, das Jetzt zu erkennen und zwischen den Zeiten zu unterscheiden. Es verlangt Flexibilität statt Fixierung, Beweglichkeit statt Bequemlichkeit, Vertrauen statt Angst. Es ist eine Herausforderung, sich immer wieder umstellen zu können und durch ständig neue geöffnete Türen zu gehen. Wenn wir uns für das Leben öffnen, öffnet sich das Leben auch für uns. Auch die Israeliten in der Wüste mussten lernen, in der Gegenwart zu bleiben und zwischen den Zeiten zu unterscheiden. Sie hatten sich von Gott inspirieren lassen, wann sie zu gehen und wann sie zu bleiben hatten, wann sie kämpfen und wann sie ruhen sollten.
Im Takt der Zeit zu leben ist keine einfache Aufgabe. Manchmal müssen wir bleiben, wo wir sind und uns gedulden – wie Abraham, der auf das ihm von Gott versprochene Kind warten musste. Manchmal müssen wir blitzschnell handeln, so wie Israeliten, die alles hinter sich lassen mussten, um ihrer Sklaverei in der Nacht zu entfliehen. Die Vorväter haben uns viele wertvolle Beispiele hinterlassen, die uns immer wieder motivieren können. Sie alle lebten ihre Träume der Gegenwart. Schabbat HaChodesch sollte uns inspirieren, ihren Spuren zu folgen.

Wajakhel-Pekude, 2. Buch Moses 35,1 – 40,38

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

Netflix

Wenn Fiktion auf Realität trifft

Die israelische Erfolgsserie »Fauda« meldet sich mit einer eindrucksvollen neuen Staffel zurück

von Sarah Cohen-Fantl  03.10.2026

Eisenach/Karlsruhe/Unna/Hagen

Mutmaßliches IS-Mitglied in Thüringen festgenommen

Der Verdächtige soll laut Bundesanwaltschaft für den IS als bewaffneter Militärpolizist tätig gewesen sein. Auch bei drei anderen Männern besteht der Verdacht auf Nähe zu der Terrororganisation

 02.10.2026

Düsseldorf

»Sei ein Mensch«: Gedenkort für verfolgte Abgeordnete im NRW-Landtag

Entlassen, drangsaliert, gefoltert: Viele frühere Abgeordnete des nordrhein-westfälischen Landtags wurden in der NS-Diktatur verfolgt. Ein neuer Gedenkort im Parlamentsgebäude erinnert an sie

von Ingo Lehnick  02.10.2026

Tel Aviv/Abu Dhabi

»Fly Dubai«-Vorfall: Hintergründe weiter unklar

Was geschah im Cockpit des Fluges nach Israel? Emiratische Behörden haben Ermittlungen eingeleitet. Jerusalem geht von einem Terroranschlag aus. Gesicherte Erkenntnisse zum Motiv gibt es bislang nicht

 02.10.2026

Bettina König (SPD), Nina Stahr (Bündnis 90/Die Grünen) und Kerstin Wolter (Die Linke, v.l.) während einer Pause

Berlin

Parteien-Treffen zu Antisemitismus mit »konstruktivem« Austausch

Linke, Grüne und SPD ringen in Berlin um eine gemeinsame Haltung zu Judenhass und organisierter Kriminalität. Was beim ersten Treffen dazu herauskam

 01.10.2026

UN-Kongress

Experten diskutieren strafrechtliche Verfolgung sexueller Gewalt in Konflikten

Bei einer Veranstaltung im Rahmen des UN-Kongresses zur Verbrechensverhütung in Abu Dhabi diskutierten jüdische Organisationen über Strafverfolgung, digitale Beweismittel und den Schutz von Betroffenen

 01.10.2026

Extremistische Siedler in dem palästinensischen Dorf Dschalud (Archivbild vom 25.8.26)

Westjordanland

Neue Gewalt radikaler Siedler

Mehr als 100 Extremisten waren an den Ausschreitungen im Bereich der Ortschaft Dschalud südlich von Nablus beteiligt. Regierungsmitglieder verurteilen die Angriffe, die Opposition kritisiert sie als Folge »einer gefährlichen Politik«

 29.09.2026

Nach der Wahl

Grüne und SPD in Berlin stellen Bedingung für Sondierungen

Linke, Grüne und SPD in der Hauptstadt wollen an diesem Donnerstag erstmals über eine Regierungsbildung sprechen. Es soll sich aber noch nicht um formelle Sondierungsgespräche handeln

 28.09.2026

New York

Trump ruft Staaten zu Austritt aus Strafgerichtshof auf

Die USA erkennen den IStGH nicht an, der unter anderem gegen Israels Ministerpräsidenten Netanjahu einen Haftbefehl erlassen hat. Jetzt legt der amerikanische Präsident nach

 23.09.2026