Zionsberg

Zank um den Zionsberg

von Sabine Brandes

Hier ein Schild »Kein Zutritt!«, da eine verborgene Tür und dort eine steile Steintreppe, die scheinbar ins Nichts führt. Durch die verwinkelten Gässchen und dämmrigen Tunnel huschen Gestalten in wehenden Gewändern. Zugegeben, der Gebäudekomplex auf dem Zionsberg könnte nicht passender für eine Verschwörungstheorie sein. Seit Jahren schon wird gemunkelt, ein Teil des Gebäudes, der sogenannte »Raum des letzten Abendmahles«, solle an den Vatikan übergeben werden. Der Be-
such von Papst Benedikt XVI. vom 11. bis 15. Mai scheint dafür eine angemessene Gelegenheit. Und die Gerüchteküche brodelt.
Der als Coenaculum (Abendmahlssaal) bezeichnete Ort ist ein kleiner, zweistöckiger Bau. Das Obergeschoss ist im 14. Jahrhundert von den Franziskanern zur Erinnerung an das Letzte Abendmahl Jesu gebaut worden. Die Lage ist – wie so viele Orte in Jerusalem – äußerst brisant. Unmittelbar neben der Dormitionskirche an der Stadtmauer zur Altstadt, hoch oben auf dem Zionsberg liegt die kleine, schmucklose Kammer. Doch damit nicht genug: Das Gebäudewirrwarr beherbergt neben dem christlichen Heiligtum das Grab des legendären König David, für die Juden von größter Bedeutung, sowie die sefardische Jeschiwa »Diaspora – Berg Zion«. Bislang steht das gesamte Areal mitsamt seinen religiösen Stätten unter der Verwaltung der israelischen Regierung.
Der Vatikan jedoch wünscht die Kontrolle über den Raum des letzten Abendmahles, Verhandlungen liefen bereits seit zehn Jahren, gibt die Pressestelle des Tourismusministeriums an. Immer wieder wird in zahlreichen Blogs und Artikeln von mehr oder minder verlässlichen Quellen im Internet berichtet, dass eine Übergabe kurz bevorstehe oder sogar schon längst geschehen sei. Gänzlich verschwörerisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Israelische Offizielle aus dem Tourismus- und Außenministerium demen-
tierten auf Nachfrage jedoch, dass dies tatsächlich so sei.
Dass der Vatikan Israel schon seit Langem um die Übertragung der Verwaltung von sechs bedeutenden christlichen Stätten bittet, bestreitet indes niemand mehr. Darunter befindet sich die Verkündigungskirche in Nazareth, der Garten Gethsemane am Fuße des Ölbergs, die Brotvermehrungskirche am See Genezareth und eben jenes Coenaculum. Der neue Tourismusminister Stas Misezhnikov, von Anfang an nicht zimperlich mit seinen Aussagen bezüglich des Papstbesuches, äußerte sich am Sonntag im Armeeradio: »Wenn wir sicher sein könnten, dass dieses großzügige Geschenk an die Christenheit Millionen von christlichen Pilgern herbringen würde, dann hätten wir einen guten Grund darüber nachzudenken. Da wir aber nicht sicher sind, warum sollen wir Geschenke machen?« Ebenfalls gegen eine Änderung des Status quo ist der orthodoxe Innenminister Eli Yishai von der Schas-Partei.
Staatspräsident Schimon Peres jedoch sprach sich noch am selben Tag für eine Übergabe der sechs heiligen Stätten an den Vatikan aus und drängte die Regierung, dem Begehren des Heiligen Stuhls nachzugeben. Der Disput wirft einen Schatten auf den Besuch des Pontifex, den dieser persönlich als einen der wichtigsten und am längsten erwarteten bezeichnete. Offizielle aus den Reihen des Papstes haben bereits erklärt, sie würden ihre Forderungen während des Besuches erneut verkünden. Ein Treffen zwischen Vertretern des Vatikans und des israelischen Außenministeriums verlief Angaben aus dem Außenministerium zufolge ohne ein konkretes Ergebnis in dieser Angelegenheit.
Im Gebäudekomplex selbst herrscht rege Betriebsamkeit. Hier wird gepinselt, dort ausgebessert, an jeder Ecke gefegt und gewischt. Das Coenaculum selbst ist bereits fein herausgeputzt, im Foyer sitzt ein freundlicher Herr und gibt den Besuchern Auskunft, im Raum selbst sind die Wände strahlend weiß getüncht, die Holzbänke frisch lackiert, Pilgergruppen aus Polen und den USA lauschen den Erklärungen ihrer Reiseführer.
Auch in der Diaspora-Jeschiwa die Treppe hinunter ist der Papstbesuch dieser Tage Thema Nummer eins. Durch die offenen Fenster dringt das Gemurmel von Ge-
beten. »Wir lassen uns hier nicht vertreiben«, sagt ein junger Mann im Anzug mit dunkler Samtkippa auf dem Kopf, während er seinen türkischen Kaffee im Hof der jüdischen Religionsschule schlürft. Dass die katholische Kirche ein internationales Zentrum für Pilger einrichten wolle, durch das dann Tausende von Christen strömen, habe er gehört. »Wo bleibt dann unsere Ruhe zum Studieren?«
Jeder Pinselstrich, jede Ausbesserung am Gebäude wird von den Studenten argwöhnisch beäugt. »Das machen sie doch nicht alles nur, weil der Papst zu einem kurzen Besuch kommt«, munkelt ein anderer Student, der sich Arieh, der Löwe, nennt. »Ich bin mir sicher, die Arbeiten werden ge-
macht, weil die Sache mit der Übergabe schon klar ist.« Dass dieser Tage überall an den christlichen Stätten in der Stadt fieberhaft gearbeitet wird, haben sie entweder übersehen oder verschweigen es geflissentlich. Vertrauen in die Regierung hat keiner der beiden. »Wenn das Geld stimmt, geben sie es weg«, meinen sie übereinstimmend, »König David liegt hier begraben. Aber denen ist offenbar egal, welche Bedeutung dieser Ort für uns Juden hat. Wir beten dafür, dass es so weit nicht kommt.« Das gesagt drehen sie sich um und eilen grimmigen Gesichtes und schnellen Schrittes zurück in ihre Studierstube.

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