Warschau

Wolkenkratzer

von Katarzyna und Jan Opielka

Die jüdische Gemeinde in Warschau plant den Bau eines rund 50-stöckigen Gebäudes – direkt neben der letzten Vorkriegssynagoge, die noch steht und täglich für Gebete genutzt wird. Durch den gläsernen Bau auf dem Gebiet des ehemaligen Warschauer Ghettos soll vor allem den Bedürfnissen einer stetig wachsenden jüdischen Gemeinde Rechnung tragen. Eine Konzeption liegt dem zuständigen Stadtamt bereits zur Bewilligung vor, die Verantwortlichen hoffen auf einen positiven Bescheid, womöglich noch in diesem Jahr.
Das futuristische Gebäude von angepeilten 204 Metern Höhe wäre eine riesige Investition, über deren Höhe die Gemeinde jedoch keine Angaben macht. Durch ein Gesetz von 1997 werden jüdischen Gemeinden Grundstücke überlassen und somit finanzielle Spielräume eröffnet, die derartige Investitionen grundsätzlich möglich machen. Die Gemeinde hofft, dass das Gebäude in spätestens vier Jahren fertig ist. Es wäre dann das dritthöchste Bauwerk der polnischen Hauptstadt – neben dem Kulturpalast und dem Warsaw Trade Center.
Der geplante Neubau solle den steigenden Bedürfnissen einer sich erweiternden jüdischen Gemeinschaft nachkommen, sagt Gemeindevorstandsmitglied Andrzej Zozula. Denn immer mehr Polen entdecken ihre jüdischen Wurzeln oder bekennen sich neuerdings zu ihnen: »Sie hören auf, Angst zu haben«, sagt Zozula. Ein großer Gebetsraum und ein Restaurant mit koscherer Küche sollen in dem hochmodernen, energieautarken Gebäude untergebracht sein, zudem ein jüdisches Hotel sowie Vereinsräume der jüdischen Gemeinde – all das dürfte rund ein Drittel der Fläche einnehmen. Der Rest soll an Geschäfte und Büros vermietet werden.
Doch noch ist unklar, ob das Projekt überhaupt verwirklicht wird. Denn die Stadt Warschau hat nach Angaben des Vereinsvorsitzenden Piotr Kadlcik nach mittlerweile zweieinhalb Jahre langen Verhandlungen immer noch keine Baugenehmigung erteilt. »Wir kämpfen mit der Stadt«, sagt er auf Anfrage – und man könne dieses durchaus wörtlich nehmen. Zwischen den Zeilen lässt Kadlcik, der zugleich Vorsitzender des polnischen Lan- desverbandes der Konfessionsgemeinden ist, durchblicken, dass er die lange Bearbeitungszeit durch die Stadt für sehr bedenklich hält. Dennoch rechnet er mit einer Entscheidung bis Ende des Jahres, ansonsten wolle die Gemeinde weitere Verfahrensschritte einleiten, um die Entscheidung zu beschleunigen. Das zuständige Büro für Architektur und Raumplanung sowie die Pressestelle der Stadtverwaltung haben auf eine Anfrage dieser Zeitung keine Stellungnahme zur Frage nach dem Entscheidungstermin und der langen Verfahrensdauer abgegeben.
In jedem Fall müssen noch Partner gefunden werden, die neben der Gemeinde, die Ideengeber und Co-Investor ist, mit ins Boot steigen sollen. Konkretes nennt Kadlcik nicht, es würden Verhandlungen geführt, möglich sei auch eine Finanzierung über Bankkredite. Mit uneigennützigen Sponsoren, Stiftungen oder jüdischen Philanthropen rechnet die Gemeinde offenbar nicht. Aber: »Wenn so jemand kommen sollte, werden wir ihn nicht vor die Tür setzen«, meint Kadlcik augenzwinkernd. Die Einrichtung müsse sich selbst finanzieren – eben durch die Vermietung des kommerziellen Teils des Gebäudes.
Mehrere jüdische Organisationen sollen mit in den Neubau ziehen, etwa die Gesellschaft der Kinder des Holocaust, die Gesellschaft jüdischer Kombattanten sowie auch die Redaktion der jüdischen Zeitschrift Midrasz. Mit der Sozialkulturellen Gesellschaft der Juden (TSKZ) in Polen gibt es hingegen keine Zusammenarbeit bei dem geplanten Projekt. »Ganz im Gegenteil«, wie Vorstandsmitglied Zozula sagt. Es habe hier Differenzen bezüglich eines anderen geplanten Großbaus auf einem Nachbargrundstück gegeben. So hat die Stiftung Shalom, die über einzelne Mitglieder mit der TSKZ verbunden ist, ein Grundstück gleich nebenan an einen Privatinvestor verkauft, der einen 160 Meter hohen Appartement-Bau errichten will. Die Architektenbüros beider Projekte müssen ihre Arbeiten miteinander abstimmen, denn nur 17 Meter werden die beiden geplanten Großbauten voneinander trennen – wenn das Jüdische Gemeindezentrum eines Tages tatsächlich Wirklichkeit werden sollte.

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