Boykottaufrufe

»Wir sind kein Außenposten Israels«

Herr Rubinstein, der wegen seines Boykottaufrufs gegen israelische Waren unter Druck geratene Hermann Dierkes von der Linkspartei hat seine Kandidatur zur Oberbürgermeisterwahl in Duisburg zurückgezogen. Befriedigt Sie das?
rubinstein: Es ist sicherlich gut, dass er zurückgetreten ist. Allerdings ist der Grund dafür zweifelhaft, denn er sieht sich ja als Opfer einer Medienkampagne und zeigt weder Einsicht noch Reue. Und seine Parteigenossen zollen ihm dafür Respekt. Das ist daher keine wirkliche Lösung. Seine brisanteste Aussage ist übrigens gar nicht in der Presse zitiert worden. Dierkes schrieb nämlich: »Wir müssen mutig die Wahrheit verbreiten, wir dürfen es nicht länger zulassen, dass im Namen des Holocaust und mit Unterstützung der Bundesregierung derartig schwere Menschenrechtsverbrechen begangen und geduldet werden.« Er impliziert damit, dass die Israelis den Gasakrieg im Namen des Holocaust führen. Eine solche gedankliche Verbindung ist untragbar.

Gerade wenn es um den Nahostkonflikt geht, schlägt sich das auf antisemitische Anfeindungen nieder. Welche Erfahrung machen Sie in Duisburg?
rubinstein: Wir haben nicht einen bösen Brief bekommen. Im Gegenteil, eher haben wir ein hohes Maß an Solidarität gespürt. So wurde Herr Dierkes von einer Podiumsdiskussion der evangelischen Kirche sofort ausgeladen als die von seinem Boykottaufruf erfuhr. Auch bei unserer Planung zum Kindergarten haben alle großen Parteien signalisiert, dass sie uns unterstützen werden.

Wie erklären Sie sich die große Solidarität?
rubinstein: Wir sind als Duisburger Gemeinde sehr integriert und seit fünf Jahren federführend bei den Interkulturellen Wochen. Auf der Arbeitsbene haben wir keine Probleme. Wir führen einen intensiven interreligiösen Dialog zwischen Christen, Juden und Muslimen. Das funktioniert so lange gut, bis etwa muslimische Kreise oder auch jetzt Kräfte von der Linkspartei glauben, sie müssten sich mit internationaler Politik und dem Nahost-Konflikt profilieren. Dann tauchen all die einseitigen Argumente und Halbwahrheiten auf. Dennoch erfahren wir viel Solidarität.

Warum ist das in Duisburg anders als in vielen anderen jüdischen Gemeinden?
rubinstein: Das liegt möglicherweise an drei Dingen. Zum einen: Wir sind eher uninteressant, weil hier 40.000 Türken leben. Zum Zweiten: Wir haben keine Mauern und Zäune um uns herum. Das Gemeindeareal ist quasi frei begehbar. Wir haben ungefähr 200 Führungen im Jahr. Und drittens: Wir verstehen uns nicht als legitimierter Außenvertreter Israels. Wir haben in keiner Situation offiziell zum Nahostkonflikt Stellung genommen. Wir veranstalten zum Beispiel auch keine Podiumsdiskussionen zum Thema Israel. Der Vorstand will damit signalisieren: Wir sind nicht der Außenposten Israels. Dennoch hat Israel für uns einen hohen Stellenwert, ohne aber eine zentrale Rolle in unserer täglichen Gemeindearbeit einzunehmen. Wir sind eine deutsche jüdische Gemeinde. Wir sind Duisburger Jüdinnen und Juden.

Mit dem Geschäftsführer der Duisburger Gemeinde sprach Heide Sobotka.

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