Emigration

»Wir nannten ihn ‚Waldgeist’«

Frau Krüger, Ende 1934 zogen Sie von Barcelona nach Paris, um bei Florence Henri die Kunst der Porträtphotographie zu erlernen. Wie kamen Sie in das Haus Rue Dombasle Nr. 10 ?
krüger: Zuerst hatte ich in einem kleinen Hotel gewohnt. Dann habe ich meine Schwester Gisela nachgeholt, die noch auf Mallorca war. Sie wollte Schneiderin werden. Angeblich haben wir studiert, sonst hätten wir ja keine Aufenthaltserlaubnis bekommen. Und irgendwann sind wir eben in die Rue Dombasle Nr. 10 gezogen. Da war eine Wohnung zu vermieten, in der hatte vorher der Otto Katz gewohnt.

Otto Katz, der Mitarbeiter Willy Münzenbergs im Propagandaapparat der Kommunistischen Internationale?
krüger: Ja, und der danach umgebracht wurde, in den Prager Prozessen 1948. Aber daß Katz dort gewohnt hatte, das war reiner Zufall. Wir hatten nur ein Schild mit der Aufschrift »Wohnung frei« gesehen. Und dann haben wir festgestellt, daß in diesem Haus außerordentlich viele Emigranten lebten.

Wer zum Beispiel?
krüger: Im 7. Stock, das war das oberste Stockwerk, wohnten in der Mitte Arthur Koestler und seine Freundin Daphne Hardy, eine nette englische Bildhauerin. Und links von ihnen wohnte Walter Benjamin. Der war auch so ein Eigenbrötler. Ich wußte damals noch nicht, was für ein großer Schriftsteller und Philosoph er war. Ich war ja noch jung, und mein Wissen war begrenzt. Benjamin hatte die Gewohnheit, nachts zu arbeiten und dann hinterher zu baden. Das Haus war so gebaut, daß die Abflußrohre seines Badezimmers durch mein Schlafzimmer gingen, so wußten wir immer, wann er badete. Und morgens schlief er immer sehr lange. Wenn man ir-gendetwas von ihm wollte, erschien er an der Tür in einem rostroten Bademantel, mit wirrem Haar und wirrem Blick, ziemlich geistesabwesend und wußte nichts mit uns anzufangen. Wir nannten ihn den »Waldgeist«.

Hatten Sie auch mit Koestler und seiner Freundin Daphne Hardy Kontakt?
krüger: Wir haben eigentlich mit Daphne ein engeres Verhältnis gehabt. Sie war ein sehr lieber Mensch, mit der haben wir einen sehr guten Kontakt gehabt, vor allen Dingen auch meine Schwester. Wir haben uns auch oft gesehen, wir waren oft oben. Sie hatten eine schöne Wohnung, eigentlich die schönste, die ich da im Haus gesehen habe.

Und Koestler?
krüger: Koestler war ein sehr schwieriger Mensch. Das heißt, ein sehr empfindlicher Mensch, der seine Empfindlichkeit durch eine gewisse Zurückhaltung zu verbergen suchte. Ich fand damals Anschluß an deutsche Antifaschisten aller möglichen Couleurs, vor allem auch an deutsche Kommunisten. Und alle, die ihn vorher gekannt hatten, sagten mir – ich lernte Koestler ja erst kennen, als er zurückkam aus der spanischen Gefangenschaft –, er habe sich völlig verändert. Koestler wurde dann sehr antikommunistisch. Aber trotzdem: Wir hielten alle irgendwie zusammen.

Wer wohnte sonst noch im Haus?
krüger: Rechts von Koestler wohnte der Spanienkämpfer Rudolf Neumann. Als wir einzogen, war er noch in Spanien. Er war ein Arzt, ein Kinderarzt. Neumann hatte TBC und war gerade zur Behandlung in Davos, als der Bürgerkrieg ausbrach. Und da hat er alles stehen und liegen lassen und ist trotz seiner punktierten Lunge nach Spanien. Eine ganze Zeitlang war er der Chefarzt der Kliniken der Internationalen Brigaden in Benicassim. Doch als seine TBC schlimmer wurde, kam er wieder zurück in die Rue Dombasle.

Unter Ihnen, im 5. Stock, wohnte auch ein Arzt. Unter seiner Aufsicht hatte Walter Benjamin in Berlin Haschisch-Experimente durchgeführt.
krüger: Das war Fritz Fränkel, ein Berliner Nervenarzt. Er lebte dort mit der Frau von Rudolf Neumann aus dem 7. Stock, die diesemweggelaufen war. Dr. Fränkel hat sie später geheiratet, und sie sind nach Mexiko gegangen. Und im 3. Stock wohnte ein jüngeres Ehepaar, das waren auch Emigranten, Ekstein hießen die.

Hans und Eva Ekstein. Lisa Fittko, die Schwester von Hans Ekstein, hat Walter Benjamin über die Pyrenäen geführt. Hatten Sie mit Eksteins Kontakt?
krüger: Nein, die hielten sich völlig von uns fern. Aber wir hatten irgendwie doch ein Zusammenhaltsgefühl in diesem Haus. Die Frau Neumann hat mir immer Fotos gebracht, abends, die sie am Morgen abliefern sollte. Als ich eine Gehirnerschütterung hatte – ich hatte ja wenig Geld –, haben mich der Rudolf Neumann und der Fritz Fränkel zusammen behandelt. Das war selbstverständlich. Wir haben uns immer gegenseitig geholfen. Ich habe beispielsweise Fotos gemacht von allen, die wollten, und meine Schwester hat genäht.

Sogar mit der Concierge hatten Sie Glück. Koestler erzählt, daß sie ihn 1939 vor der Polizei gewarnt hat.
krüger: Ja, das war Madame Fontaine. Sie war links, ihr Mann war Italiener und las die kommunistische Humanité. Und sie tat alles, was sie nur konnte, für uns. Dabei waren die Concierges zu dieser Zeit alle verpflichtet, für die Polizei zu spionieren. Sie hat auch uns vor der Polizei gewarnt. In der Emigration spielte diese Solidarität untereinander eine große Rolle. Und das haben nicht alle gehabt. Aber wir hatten da, Gott sei Dank, Glück.

Das Gespräch führte Christian Buckard.

Stuttgart

Die Vorfreude steigt

Die Jüdische Allgemeine berichtet weiterhin live von der Jewrovision. Die Jugendzentren sind inzwischen nach und nach angekommen, das Madrichim-Team empfängt die Teilnehmerinnen und Teilnehmer vor Ort. Die Vorfreude auf die Show steigt!

 15.05.2026

Genf

Döpfner fordert beim World Jewish Congress entschlossenen Kampf gegen Antisemitismus

Mit Blick auf die Hamas-Massaker vom 7. Oktober kritisiert der Springer-Chef die Reaktion: »Unmittelbar nachdem die Bilder der Opfer zu sehen waren, begann die Verharmlosung.«

 12.05.2026

In eigener Sache

Wir suchen Verstärkung

Wir suchen zum 1. Juli 2026 einen Politik-Redakteur (m/w/d) in Vollzeit

 07.05.2026

Jerusalem

Israel fordert von Großbritannien mehr Einsatz gegen Antisemitismus

Nach einem weiteren Terrorangriff auf Juden wirft Jerusalem London vor, die Lage nicht mehr unter Kontrolle zu haben. Präsident Herzog: »Es ist an der Zeit, dass die Welt aufwacht.«

 30.04.2026

Polen

Israel fordert Konsequenzen nach Eklat mit Hakenkreuz-Flagge

Im Parlament hatte ein rechtsradikaler Abgeordneter eine israelische Flagge mit einem Hakenkreuz an Stelle des Magen David gezeigt

 22.04.2026

Brüssel

Deutschland und Italien bremsen EU-Vorstoß gegen Israels Assoziierungsabkommen

Spanien, Slowenien und Irland fordern eine Debatte über das Abkommen. Außenminister Wadephul bezeichnet den Vorstoß als »unangemessen«

 22.04.2026

Berlin

Urteil zu Angriff auf Lahav Shapira erwartet

Nach einem antisemitischen Angriff auf einen jüdischen Studenten in Berlin ist der Fall neu vor Gericht verhandelt worden. Im Mittelpunkt des Berufungsverfahrens steht die Höhe der Strafe. Ein Urteil wird am Montag erwartet

 13.04.2026 Aktualisiert

Fussball

Kopfball mit Kippa

Die Halle war voll, der Spaß groß: Zum ersten Mal trafen zwölf jüdische Teams beim Berlin Jewish Football Cup in Spandau aufeinander

von Jan Feldmann  01.04.2026

Podcast

»Arbeiten im Krieg ist eine große Herausforderung«

Zwischen Bomben und Bunker: Wie unsere Korrespondentin in Tel Aviv ihren Alltag erlebt

von Jan Feldmann, Sabine Brandes  01.04.2026