berufsausbildung

»Wir können manches von den Israelis lernen«

Herr Rachel, vor 40 Jahren haben die Bundesrepublik Deutschland und Israel einen Vertrag über die Zusammenarbeit in der Berufsausbildung geschlossen. Was war damit beabsichtigt?
Die deutschen Gründungsmütter und -väter wollten Israel konkret beim Aufbau eines eigenen effizienten und übergreifenden Berufsausbildungssystems helfen. Die Grundidee war, israelische Fachkräfte aus dem Bereich der beruflichen Bildung in Deutschland zu qualifizieren. Wir haben deshalb israelische Fachkräfte eingeladen, unser Ausbildungssystem kennenzulernen. Berufsschullehrer, Betriebsausbilder, aber auch Vertreter von Institutionen und Ministerien aus diesem Bereich sind von uns geschult worden, haben in deutschen Fachbetrieben Praktika gemacht und erlebt, wie das Zusammenwirken in den Betrieben und den Schulen zwischen Auszubildenden und Meistern funktioniert.

In welchen Berufsfeldern begann diese Zusammenarbeit?
In den ersten Jahren standen gewerblich‐technische Berufe im Vordergrund, also die Baubranche, die Kraftfahrzeugsindustrie und die Gastronomie. Heute konzentrieren wir uns vorwiegend auf technologieorientierte Bereiche. Ein ganz wichtiges Feld sind dabei Berufe, die mit der Nutzung erneuerbarer Energien zu tun haben.
Deutschland leistet also für Israel Entwicklungshilfe in Sachen Berufsausbildung?
Am Anfang stand tatsächlich die deutsche Hilfe für Israel. Über die Jahrzehnte hat sich das Ganze aber zu einem Projekt entwickelt, das auf Gegenseitigkeit beruht. Deutsche Fachkräfte wollen jetzt auch immer häufiger wissen, wie die berufliche Bildung in Israel strukturiert ist. Unsere Ausbilder interessiert, wie sie Gelerntes verwenden und in die deutsche Praxis integrieren können.

Kann denn auch Deutschland, was die Berufsausbildung angeht, von Israel etwas lernen?
Für uns ist ausgesprochen interessant, wie ein sehr kleines Land mit einer hohen Bevölkerungsdichte es schafft, die hohe Zahl von Neuzuwanderern in die Gesellschaft, ins Bildungssystem und in die Berufsausbildung zu integrieren. Da können wir hier in Deutschland manches lernen, auch wenn die Verhältnisse nicht eins zu eins übertragbar sind. Aber Israels Integrationsleistung ist sehr beachtlich.

Was können deutsche Berufsausbilder von ihren Kollegen im jüdischen Staat lernen?
Wissenschaft und Forschung haben in Israel einen sehr hohen Anteil am Bruttoinlandsprodukt. Er liegt sogar höher als in Deutschland. Der High‐Tech‐Bereich zum Beispiel ist weiter fortgeschritten als bei uns.

Dennoch haben bislang fünfmal mehr Israelis als Deutsche an dem Programm teilgenommen. Woran liegt dies?
Erst seit gut einem Jahrzehnt gibt es eine wirkliche Kooperation, die auf Gegenseitigkeit beruht. Multiplikatoren aus beiden Länden nehmen jetzt an dem Programm teil. Inzwischen befinden wir uns in einer Phase, in der wir sogar über gemeinsame Projekte in der beruflichen Ausbildung nachdenken.

Zum Beispiel?
An eine Berufsausbildung für Solar‐ und Windenergie hat in den 70er‐Jahren noch niemand gedacht. Um Elektro‐Fahrzeuge zu bauen, brauchen wir Fachkräfte, die über eine andere Ausbildung verfügen als ein »normaler« Kfz‐Mechaniker. Gemeinsam mit den israelischen Kollegen sind wir dabei, Lehrmaterialien zu entwickeln, die dieser technologischen Entwicklung Rechnung tragen. Wir stehen zudem vor einer weiteren Herausforderung: Wie können wir Jugendlichen mit schlechten Startvoraussetzungen optimale Möglichkeiten einer Berufsausbildung bieten? In diesem Bereich können Deutschland und Israel vonein‐ ander sehr viel lernen.

Mit dem Parlamentarischen Staatssekretär des Bundesministeriums für Bildung und Forschung Thomas Rachel (MdB) sprach Hans‐Ulrich Dillmann.

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