Chabad Lubawitsch

»Wir investieren in Wissen«

Herr Rabbiner, Chabad Lubawitsch hat am Freitag – pünktlich zu Rosch Haschana – in der Münsterschen Straße in Wilmersdorf eine neue Synagoge eröffnet. Welche Bedeutung hat das für Sie?
teichtal: Es ist für uns eine große Freude. Es könnte keinen besseren Zeitpunkt geben, um eine neue Synagoge in Dienst zu nehmen. Aufgrund der großen Zahl von Menschen, die regelmäßig unsere Gottesdienste besuchen, gab es schon längere Zeit Bedarf an mehr Platz. Jetzt haben wir endlich eine wunderschöne Synagoge, entworfen vom Architekten Sergei Tchoban, für rund 230 Beter. Diejenigen, die bereits zu Rosch Haschana hier waren, haben sich gefreut und waren stolz. Und das ist genau das, was wir erreichen wollen. Wenn jemand zum Beten kommt, soll er sich freuen, und er soll stolz sein, ein Jude zu sein.

Die Synagoge ist Teil des noch im Auf- und Umbau befindlichen Bildungs- und Familienzentrums. Was ist dort geplant, und wann soll es eröffnet werden?
teichtal: Wir hoffen, das Zentrum mit Gottes Hilfe im kommenden Frühjahr eröffnen zu können. Neben der großen Synagoge soll alles, was mit jüdischer Bildung zu tun hat, unter einem Dach vereint sein: Unterrichtsräume, Bibliothek, Mediothek und Computerraum. Auch ein Judaica-Laden ist geplant, in dem man Tefillin, Mesusot, Bücher und vieles mehr kaufen kann. Es soll eine eigene kleine Synagoge für Kinder geben, eine Lounge, eine Information für Berlin-Besucher, einen Veranstaltungssaal, ein Familienrestaurant und einen Kinderspielplatz. Zudem pla-
nen wir, auch eine Mikwe einzurichten.

Das klingt nach einem eigenständigen Gemeindezentrum.
teichtal: Nein, das soll es eben nicht sein. Es wird kein Gemeinde-, sondern ein Bildungszentrum. Ein Ort, an dem jeder Mensch etwas über jüdische Philosophie oder jüdische Tradition, über Talmud oder Tora lernen kann. Wir glauben, daß man für die Zukunft investieren muß – in Lernen und Wissen. Wir haben die Verantwortung, die positive Seite des Judentums zu zeigen. Jeder kann dann wählen, was er möchte. Wir akzeptieren jeden, so wie er ist. Wir haben dasselbe Motto wie das Hard Rock Cafe: »Love All Serve All«.

Das gesamte Projekt kostet vier Millionen Euro. Hätte es eine Nummer kleiner nicht auch getan?
teichtal: Es stimmt, es ist viel Geld. Das Zentrum wird durch private Spenden finanziert. Und ganz nebenbei: Uns fehlen noch 1,3 Millionen. Natürlich hätten wir etwas ganz Einfaches machen können, das hätte weniger gekostet. Aber uns ist wichtig, die Menschen zu erreichen, insbesondere auch junge Menschen. Dazu muß das Angebot modern, transparent, offen und attraktiv sein. Auch wenn der Inhalt immer gleich ist, kommt es doch auch auf die Präsentation an. Wie bei einem Restaurant: Wenn es schön ist, geht man gerne hinein. Warum sollte das nicht auch bei einer Einrichtung jüdischen Lernens so sein?
Aber könnten Sie diese Angebote nicht auch in der bestehenden Struktur der Gemeinde unterbreiten?
teichtal: Selbstverständlich arbeiten wir mit der Jüdischen Gemeinde zu Berlin Hand in Hand. Wir machen in Gemeinderäumen, zum Beispiel zu Purim in der Fasanenstraße, auch große Veranstaltungen. Wir erkennen die Funktion der Einheitsgemeinde als sehr wichtig für jüdisches Leben in Berlin an. Aber jeder, der die Vielzahl unserer Klassen, Programme, Seminare und Aktivitäten kennt, weiß, daß dafür das Raumangebot des Gemeindezentrums nicht ausreicht.

Dennoch wird Ihnen von Kritikern vorgehalten, Sie würden sich von der Berliner Einheitsgemeinde mit Traditionsschule, Synagoge und Bildungszentrum auch örtlich entfernen!
teichtal: Auf gar keinen Fall. Aber Einheitsgemeinde bedeutet doch nicht, daß man nur einen Ort für jüdisches Leben geben sollte. Von unserer Seite aus tun wir alles, um im Rahmen der Einheitsgemeinde tätig zu sein. Es gibt ein klares Bedürfnis und Interesse vieler Familien für eine traditionelle Erziehung. Der Fakt, daß die Zahl der Kinder in der Schule und im Kindergarten innerhalb von zwei Jahren von 8 auf mehr als 80 angewachsen ist, belegt das eindrucksvoll. Die Initiative für die Traditionsschule kam von den Eltern, und wir haben vor der Gründung sichergestellt, daß die Einrichtung unter der Schirmherrschaft der Gemeinde steht. Eines darf man nicht vergessen: Wir müssen heute etwas tun, damit wir morgen eine Zukunft haben. Man kann immer sagen, man sollte es so oder so machen. Es gibt etwa 11.000 Mitglieder in der Gemeinde. Aber es gibt mindestens doppelt so viele Menschen in Berlin, die jüdischen Glaubens, aber nicht Mitglied der Gemeinde sind. Wir haben ein paar Tausend jüdische Kinder in der Stadt. Und es liegt in unserer gemeinsamen Verantwortung, etwas für deren Zukunft zu tun.

Chabad Lubawitsch ist seit 10 Jahren in Berlin. Wo sehen Sie ihre Organisation in noch einmal 10 Jahren. Wie wird das jüdische Berlin im Jahr 2016 aussehen?
teichtal: Wir wollen, daß Berlin wieder zum Zentrum jüdischen Lebens in Europa wird. Die Stadt war einmal ein Mittelpunkt jüdischen Lernens und Denkens. Und das ist die Inspiration des Lubawitscher Rebben, der in Berlin gelebt und gelernt hat. Er hat gesagt: Die beste Antwort auf die dunkle Geschichte dieser Stadt und dieses Landes ist, hier wieder für ein starkes und stolzes jüdisches Leben zu sorgen.

Mit dem Leiter von Chabad Lubawitsch Berlin sprach Detlef David Kauschke.

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