Robert Guttmann

»Wir haben keinen Einfluß«

Herr Guttmann, alle vier Jahre wählen Juden weltweit ihre Vertreter für den Zionistischen Weltkongreß. Wie wichtig ist die Wahl für die Juden in Deutschland?
guttmann: Wir Zionisten glauben, daß Israel ohne Zionismus nicht existieren kann. Und wir sehen auch, daß unsere Jugend erfreulicherweise von diesem Gedanken sehr angezogen ist. Das ist auch wichtig, weil wir der Überzeugung sind, daß die zionistische Grundidee in allen deutschen Gemeinden wachgehalten werden muß. Die Religion verliert leider immer mehr ihren Einfluß. Wir befürchten, daß ohne die Idee von Zion vom Judentum nichts übrigbleibt.

Welchen Einfluß hat die deutsche Delegation beim Zionistischen Kongreß in Jerusalem?
guttmann: Keinen. Wir kämpfen sehr mühsam in verschiedenen Gremien und Organisationen darum, überhaupt wahrgenommen zu werden. Vor einem Jahr mußte ich vor das Oberste Gericht in Israel gehen, um die vier Plätze, die uns zustanden, wieder zuerkannt zu bekommen. In Israel lehnen noch viele Menschen Juden ab, die in Deutschland leben. Wir sind weit davon entfernt, von Normalität sprechen zu können. Bei dem Kongreß in Jerusalem zu sagen, ich bin Präsident der Zionistischen Organisation von Deutschland (ZOD), kommt immer noch nicht gut an.
Wie können Sie sich dennoch Gehör verschaffen?
guttmann: Wenn man in Israel hören würde, daß die 120.000 Juden in Deutschland langsam verstehen, was Zionismus bedeutet, wie wichtig er ist, und wenn man in Israel spürt, daß es als Land in Deutschland ein wichtiges Thema ist, dann könnte ich mir vorstellen, daß man in zehn Jahren endlich diesen negativen Blick »Wie kannst du in Deutschland leben?« aufgibt.

Wie hoch schätzen Sie die Wahlbeteiligung in Deutschland ein?
guttmann: Sie wird nicht sehr hoch sein, trotzdem unternehmen wir alles, um für die Wahl zu werben. Amerika hat seine Wahlen bereits abgeschlossen. Dort haben von sechs Millionen Juden nur 86.000 gewählt. Es ist also schwer, Wahlbeteiligungstendenzen zu beurteilen.

In Ihrem Aufruf zur Wahl betonen Sie, es ginge um Angelegenheiten, die »uns alle am Herzen liegen«. Welche sind das?
guttmann: Jugend, Erziehung, im weitesten Sinne Religion, Zusammengehörigkeit und selbstverständlich die Liebe zu Israel sowie die Verbindung der Diaspora zu Israel.

Hat sich in den vergangenen Jahren auf Grund der Zuwanderung etwas für die ZOD verändert?
guttmann: Ja. Wir hatten befürchtet, daß die Zuwanderer aus den Ländern der GUS wenig Interesse am Zionismus zeigen würden, vor allem, da sie ja den Weg nach Deutschland und nicht nach Israel gewählt hatten. Das war falsch. Diese Leute sind sehr am Zionismus interessiert. Wir haben sehr viele Mitglieder aus der GUS.

Wie fühlt sich die Jugend, besonders die Zuwanderer-Jugend von der zionistischen Idee angesprochen?
guttmann: In zionistischen Organisationen und bei zionistischen Kongressen trifft man viele Jugendliche. Doch leider – das liegt mir als religiösem Menschen am Herzen – kommen wenige Jugendliche in die Synagogen. Das große Problem bei den zugewanderten Jugendlichen ist natürlich, daß sie sowohl vom Judentum als auch von Religion und selbstverständlich auch vom Zionismus abgeschnitten waren. Sie müssen erst lernen, Juden zu werden. Die meisten wissen nicht, was Liebe zu Zion bedeutet.

Das Gespräch mit dem Präsidenten der Zionistischen Organisation Deutschlands führte Heide Sobotka.

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