Berichterstattung

»Wir fühlen uns verhöhnt«

von Christine Schmitt

Vor wenigen Wochen machte ihre Geschichte bundesweit Schlagzeilen: »Anne«, wie die 14jährige von den Medien genannt wurde, konnte wegen antisemitischer Anfeindungen nur noch unter Polizeischutz den Unterricht in der Kreuzberger Lina-Morgenstern-Oberschule besuchen.
Inzwischen besucht das Mädchen die Jüdische Oberschule in Berlin-Mitte. »Jeden Morgen erzählt sie mir, wie glücklich sie ist, daß sie nun dort ist«, sagt ihre Pflegemutter, Frau L. Auch sie ist erleichtert, daß S. und ein weiteres Pflegekind zum ersten Mal seit Monaten wieder ohne Angst zur Schule gehen können. »Es war unsere gemeinsame Entscheidung, daß beide Mädchen wechseln sollten«, betont Frau L. (vgl. Jüdische Allgemeine vom 30. November).
Viele Lehrer und Eltern der Lina-Morgenstern-Oberschule haben ihr Bedauern über den Vorgang ausgesprochen, sagt die Pflegemutter. Und einige Elternvertreter wollen ihren Worten Taten folgen lassen. Sie haben sich vor ein paar Tagen zusammengesetzt, um gemeinsam zu überlegen, wie man mit derartigen Vorfällen umgeht oder – noch besser – sie künftig vermeidet. »Eine Elternvertreterin stammt aus der Türkei, ist Muslimin«, erzählt Frau L., »und sie ist extra noch einmal zu mir gekommen, um zu sagen, wie betroffen sie die Vorkommnisse gemacht haben.« Ein runder Tisch mit Angehörigen aus allen Kulturen soll nun ins Leben gerufen werden, so daß sich »alle ein bißchen näher kommen können«. Die Schüler sollen zudem informiert werden, wie sie sich fortan wehren und Hilfe holen können. Aber Voraussetzung ist, meint die Pflegemutter, daß die Jugendlichen das Gefühl haben sollten, daß sie von den Erwachsenen ernst genommen und Vorkommnisse dieser Art nicht einfach abgetan werden.
Enttäuscht war die Pflegemutter daher, als der Vorfall in der »tageszeitung« (Ausgabe 5. Dezember) als »Zickenkrieg« bezeichnet wurde, der von den Medien als antisemitischer Übergriff hochgespielt worden sei. Konrektorin Mira Lammers hatte dabei im Interview von einer »Eifersuchtsgeschichte« gesprochen, von einem Konflikt, der »schon lange bearbeitet und befriedet« gewesen sei.
Im Gespräch mit der Jüdischen Allgemeinen bestätigte die Konrektorin, daß der Inhalt ihres Gespräches mit der »tageszeitung« korrekt wiedergegeben worden sein. Darüber hinaus bedauerte sie, daß S. ihrer Schule inzwischen »entzogen« worden sein.
Die Pflegemutter des Mädchens sagt inzwischen, sie sehe sich durch das Interview gezwungen, die Tatsachen deutlich darzustellen: »Denn wir fühlen uns alle, besonders aber S., durch die Bagatellisierung und falsche Darstellung verhöhnt.« Erst vor kurzem habe sich herausgestellt, daß S. schon in der Grundschule »wegen ihrer jüdischen Herkunft beleidigt, geschlagen und in Angst und Schrecken versetzt worden ist«. Lange habe S. darüber geschwiegen. An der Kreuzberger Gesamtschule habe es bereits in der siebten Klasse antisemitische Anfeindungen gegen S. seitens einer Mitschülerin gegeben, sagt Frau L. Das sei der Schulleitung gemeldet worden, und sie habe dieses Thema auch bei einem Elternabend aufgegriffen. Das Mädchen mußte sich bei S. entschuldigen. Nach den Sommerferien eskalierte die Situation jedoch. »Das lag auch mit am Krieg im Nahen Osten«, glaubt die Pflegemutter. Es habe immer wieder Beleidigungen gegeben: »Du hast mein Land bombardiert«, »hier stinkt es nach Juden« oder »schäm dich, eine Jüdin zu sein«.
Später hätten mehrmals schulfremde arabische Jugendliche vor dem Unterrichtsgebäude auf S. gewartet. Sie hätten andere gefragt, wer die Jüdin sei. Die 14jährige und ihre Freundin und Pflegeschwester seien getreten und geschlagen worden. Auch per E-Mail habe es Haßbekundungen gegeben. »Beschimpfungen wie, ‚häng dich lieber selbst auf’ trugen zu schlaflosen Nächten bei.« Die Angst, auf die Straße zu gehen, sei so groß gewesen, daß es zu Hause viele Tränen gegeben habe. »Wenn das als Zickenkrieg abgetan wird, dann fehlen mir die Worte«, so die Pflegemutter, bei der S. seit Mai dieses Jahres lebt.
Die Urgroßeltern sind in der Schoa umgekommen. Die in Israel geborene Mutter zog vor einigen Jahren mit S. nach Deutschland. Sie wurde psychisch krank, so daß die Tochter in Heimen und bei Pflegeeltern untergebracht werden mußte. Nun soll sich das Mädchen von den monatelangen Bedrohungen, Beschimpfungen, Beleidigungen und tätlichen Angriffen erholen. »Sie soll sich bei uns wohlfühlen und endlich zur Ruhe kommen«, hofft die Pflegemutter.

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

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