Bühne

Wie im richtigen Leben

von Manuela Pfohl

Stell dir vor, du gewinnst im Lotto ein paar Millionen und deine Frau sagt dir im selben Augenblick, daß sie einen anderen hat. Ist der Jackpot dann noch ein Jackpot?
Vor dieser Frage steht Shenja, ein russisch-jüdischer Einwanderer, der als arbeitsloser Historiker irgendwo in Deutschland lebt, zusammen mit seiner Frau Lilja, die unglücklicherweise ihre große Liebe zu einem deutschen Zahnarzt entdeckt hat. Oma Anna und der Freund des Hauses, Fima Finkelstein, versorgen die beiden mit guten Ratschlägen, bis es nicht mehr zum Aushalten ist.
»Jackpot – Eine Emigrantenromanze« nennt das Rostocker Jüdische Theater Mechaje die Geschichte um Frust und Leidenschaft, Lottoglück und Alltagssorgen. Bei der Tournee, die das Ensemble von Michail Beitman-Kortchagin zur Zeit durch ein Dutzend deutsche Städte führt, können die Zuschauer auf amüsante Weise miterleben, daß es nicht leicht ist, sich als Neubürger in Deutschland zurechtzufinden. Schon gar nicht, wenn man es mit lauter Leuten zu tun hat, bei denen man nicht weiß, ob sie nun meschuggene Loser sind oder philosophierende Lebenskünstler.
Nehmen wir nur mal Shenja. Statt etwas Sinnvolles zu unternehmen, sitzt er seit Monaten am Computer und schreibt ein Buch, das sicher kein Verlag je drucken wird. Er sagt Sätze wie: Deutschland ist ein fremdes Land, und wir sind alle Geiseln der Deutschen, ihrer Abrechnung mit der Vergangenheit und ihrer Toleranz.» Woraufhin seine Mutter Anna, die in Israel lebt und nur mal zu Besuch gekommen ist, erklärt: «Daß du von der Stütze lebst, ist der beste Beweis dafür, daß wir Juden in Deutschland nichts verloren haben.» Auf die Frage, warum sich die Familie nicht intensiver in der jüdischen Gemeinde engagiert, sagtt Lilja: «Weil man mit den ganzen Leuten, die von Beruf Jude sind, sowieso nicht mithalten kann.»
Darf man so was öffentlich sagen? Auf einer Theaterbühne in Deutschland? «Man muß sogar», ist Juri Rozov, Autor des Stücks und Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Rostock, überzeugt. Theater habe immer auch die Funktion einer Mittlerrolle. Der Narr darf aussprechen, was der König sonst von keinem hören will. Und hören muß er, daß nicht alles gut und romantisch ist im Emigrantenleben des Jahres 2006.
Rund 700 Mitglieder hat die Jüdische Gemeinde in Rostock zur Zeit. Nahezu alle kommen aus der ehemaligen Sowjetunion. Jeder könnte Stücke schreiben über das Leben in Deutschland und die ewige Suche nach dem Jackpot.
Mit dem 1997 gegründeten Theater Mechaje hat die Gemeinde eine Chance, auch Außenstehenden zu erzählen, wie groß der Konflikt zwischen Erwartungen und Realität auf beiden Seiten ist. «Sie haben gewollt, daß wir kommen, um die Gemeinden aufzufüllen. Und nun, wo wir da sind, ist es ihnen auch wieder nicht recht», sagt Shenja in dem Stück. Seit der Gründung haben rund 40.000 Theaterbesucher in 50 Städten der Bundesrepublik die Aufführungen des Ensembles um Margita Vichniakova, Marina Beitman, Juri Rozov, Michail Beitman-Kortchagin und Alexander Lembersky gesehen. Daß alle Vorstellungen nach wie vor in russischer Sprache gezeigt werden, ist gewöhnungsbedürftig, wird aber von einer perfekten Simultanübersetzung durch Ilona Jerjomin bestens ausgeglichen.

Das Rostocker Theater Mechaje tritt derzeit mit einem anderen Stück auf: «Dreck mit Pfeffer?». Am Samstag, 1. Juli, ist es in der Musikschule Yamaha in Cottbus zu sehen, Telefon 0355/ 28 91 61 62, und am Sonntag, 2. Juli, in der Israelitischen Kultusgemeinde Hof/Saale, Telefon 09281/ 517 41.

Die Universität Pennsylvania will nicht auf die Forderung eingehen, Daten jüdischer Mitarbeitenden zu veröffentlichen.

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