Hannover

Wer baut, braucht Geld

Wer baut, braucht Geld

Hannovers Liberale planen neues Gemeindezentrum

von Heide Sobotka

Manchmal weiß Ingrid Wettberg nicht, wo sie arbeiten soll. Die vier Büros sowie Synagoge und Veranstaltungsraum in der Hannoveraner Freundallee 27 teilen sich jüdische Gemeinde, Jugendzentrum, liberaler Landesverband und die Geschäftsstelle der Union progressiver Juden in Deutschland. »Da bleibt für mich nur noch die Besenkammer«, sagt die Vorsitzende der liberalen jüdischen Gemeinde Hannover.
Das war früher anders. Als Ingrid Wettberg vor acht Jahren die Büroetage im Stadtteil Bult anmietete, hatte sie regelrecht Angst, daß sie zu groß sein könnte. Die 1995 mit 79 Mitgliedern gegründete liberale Gemeinde schien zu klein, als daß sie alles nutzen könnte. Jetzt hat sie 600 Mitglieder und platzt aus allen Räumen.
Seit einem Jahr sucht die ehemalige Ausbildungsleiterin bei Burda-Moden das Gespräch mit der niedersächsischen Staatskanzlei. Sie bittet um Geld. Ein schwieriges Unterfangen. Dabei seien naive Tips von Mitarbeitern der Staatskanzlei wie »Haben Sie denn nicht ein paar reiche Wohltäter in ihren Reihen« noch die harmloseste Variante von Absage. Regelrecht aufgebracht ist die aparte Gemeindevorsitzende, wenn sie sich an den Vorschlag eines Sachbearbeiters erinnert, doch mal zu schauen, ob man nicht mit Hilfe »jüdischer Vermächtnisse« auf die fehlenden 2 Millionen Euro käme.
»Es war doch politischer Wille, Juden ins Land zu holen. Jetzt hat man aber kein Geld, ihnen eine würdige Religionsstätte zu bieten und bekommt so eine Antwort«, sagt Wettberg. Da helfen auch die Entwürfe zum Umbau der Gustav-Adolf-Kirche zu einer Synagoge nichts, die Wettberg von einem Staatskanzleibüro ins nächste schleppt. Doch sie muß erkennen, die niedersächsische Landesregierung finanziert keine Synagogenneubauten. Auch Braunschweig und Osnabrück haben nichts bekommen.
Wie die jüdische Gemeinde Bielefeld möchte auch die liberale Gemeinde Hannover ein aufgegebenes evangelisches Kirchengebäude kaufen. Das ortsansässige Architekturbüro Ahrens Grabenhorst hat den Umbauentwurf zum jüdischen Gemeindezentrum geliefert. Für Ingrid Wettberg wäre das die Ideallösung. Das Gebäude mit der geschwungenen weißen Fassade, die wie ein Schiffsbug aussieht, läßt keinen christlichen Bau vermuten. »Und wir könnten alle Projekte darin unterbringen.« Die Gemeindevorsitzende zählt auf: Synagoge, Kinder- und Jugendzentrum, jüdische Kindertagesstätte, Kultur- und Bildungszentrum, eine zentrale jüdische Bibliothek für die Landeshauptstadt, Sozial- und Migrationsberatungsstelle sowie jüdisches Musikzentrum.
Ein ehrgeiziges Vorhaben, gibt Ingrid Wettberg zu, doch man habe mit den angesetzten 3,5 Millionen Euro sehr genau kalkuliert. »Schon jetzt müssen wir monatlich 4.000 Euro Miete zahlen, die könnten wir auch in unser eigenes Projekt stecken.« Ihre Beharrlichkeit hat sich offenbar gelohnt. Ende November gab es »sehr positive Signale aus der Staatskanzlei«, es werde sogar darüber nachgedacht, mit den liberalen Gemeinden im Land einen eigenen Staatsver- trag abzuschließen. Ingrid Wettberg glaubt fest daran, daß sie bald nicht mehr nach einem Platz zum Arbeiten suchen muß.

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

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