Friedhöfe

Wem gehört der Gute Ort?

von Harald Neuber

Am Ende kamen sie doch noch alle: Neben Vertretern der jüdischen Gemeinde von Barcelona waren der Bürgermeister von Tárrega und ein Vertreter der Landesregierung zugegen, als die Reste von 158 Skeletten aus dem kleinen Ort im Westen Kataloniens auf den jüdischen Teil des Ge-
meindefriedhofs »Collserola« in der katalanischen Hauptstadt überführt wurden. Dem feierlichen Akt im örtlichen archäologischen Museum Anfang vergangener Woche war eine hitzige Debatte vorausgegangen. Im Mittelpunkt stand die Frage, wer das Verfügungsrecht über die alten sefardischen Friedhöfe hat: die jüdischen Gemeinden oder der spanische Staat.
In Spanien wurden in den vergangenen Jahren viele alte jüdische Begräbnisstätten gefunden. »Nach der Vertreibung der Juden (unter dem Königspaar Isabella und Ferdinand im Jahr 1492, Anm. d. Red.) verfielen sie, weil niemand mehr da war, um sie zu pflegen«, sagt Dominique Tomasov Blinder. Die US-amerikanische Architektin lebt seit 1991 in Barcelona. Sie gehört zur liberalen Gemeinde der Stadt und ist Mitglied der »Kommission für das Erbe der jüdischen Gemeinden in Barcelona und Katalonien«. Der jüngste Fund nahe der Ortschaft Lérida kam für sie keineswegs überraschend: »Mit dem Wachstum der Städte kommen immer wieder alte Friedhöfe zum Vorschein.«
Aber die archäologische Arbeit auf dem Friedhof von Tárrega aus dem 14. und 15. Jahrhundert sorgte für Diskussionen. Noch wenige Tage vor der Umbettung hatten Vertreter der jüdischen Gemeinde von Barcelona gegen die Arbeiten protestiert. Sie bedeuteten eine Entweihung der Grabstätten, hieß es aus Barcelona. Die Gemeinden kommen mit dieser Position immer wieder in Konflikt mit den staatlichen Archäologen, die ein Interesse an der wissenschaftlichen Erfassung der Friedhöfe haben. Für religiöse Befindlichkeiten ist dabei aber wenig Platz.
Allein in Katalonien waren bei Ausgrabungen in den vergangene Monaten mehrere alte jüdische Gräberfelder entdeckt worden, weitere in der südlichen Provinz Córdoba. Neben dem Friedhof in Tárrega wurden Grabplätze auch in Montjuic nahe Barcelona offen gelegt. In Tárrega hatten Archäologen die Fundstelle seit Jahresbeginn systematisch erfasst und ausgewertet – bis der Protest der Gemeinden sie stoppte. Dass die katalanische Landesregierung im Streit zwischen ihren Forschern und den Gemeinden trotzdem eingelenkt hatte, ist auch dem Engagement von Jacobo Israel Garzón geschuldet. Der Präsident des Verbandes der jüdischen Gemeinden Spaniens hatte Ende Juli in einem Brief an Justizminister Mariano Fernández Bermejo auf die häufigen Probleme bei Grabungen hingewiesen. Das Justizministerium stehe in der Pflicht, so Garzón, eine einheitliche Regelung für solche Situationen zu erlassen, die dem Interesse beider Seiten gerecht werde.
Es wäre nicht das erste Abkommen dieser Art. Zum 500. Jahrestag der Vertreibung der sefardischen Juden hatte der spanische Staat mit dem jüdischen Gemeindeverband 1992 ein Kooperations-
abkommen geschlossen. Der Vertrag regelte zunächst zwar nur allgemeine Fragen, hatte aber eine große symbolische Bedeutung. Fünf Jahrhunderte nach der gewaltsamen Vertreibung der Sefardim und dem Terror der spanischen Inquisition erkannte Madrid »seine« Juden als vitale Religionsgruppe an. Die Regierung des Sozialdemokraten Felipe González setzte da-
mit eine Politik fort, die in der letzten Phase des Franco-Faschismus begonnen wurde. 1968, sieben Jahre vor dem Tod des Diktators, wurde in Madrid das erste Gesetz für Religionsfreiheit seit der Machtübernahme 1936 beschlossen. Es gründete sich daraufhin ein jüdischer Gemeinderat, aus dem später der heute bestehende Dachverband hervorging.
Nach Jahren des Aufbaus gibt es heute wieder rund 50.000 Gemeindemitglieder, im ganzen Land sind 30 Synagogen geöffnet. Wichtig bei der Revitalisierung des Gemeindelebens war der Zuzug von Juden aus dem einstigen spanischen Protektorat Marokko in den 60er-Jahren und aus Argentinien in den 70ern. So zeigt die Debatte über das jüdische Erbe heute vor allem eines: Spaniens Juden gehören nicht der Geschichte an. »Sie sind aber auch keine Touristenattraktion«, sagt Tomasov. Eine Sache sei das jüdische Erbe, eine andere die Friedhöfe.

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