Ariel Scharon

Weder Held noch Dämon

von Ralf Balke

»Ich höre, Sie sind der gefährlichste Mann im Nahen Osten.« Mit diesen Worten empfing einst in den siebziger Jahren Henry Kissinger bei einem Treffen Ariel Scharon. Scharon eilte offenbar schon damals der Ruf eines unberechenbaren Haudegens voraus – so die beiden Journalisten Gadi Blum und Nir Hefez in ihrer aktuellen Biografie des ehemaligen israelischen Mi-nisterpräsidenten, der wie David Ben Gurion oder Jitzhak Rabin zu den Israelis zählt, die dem Nahen Osten nachhaltig ihren Stempel aufgedrückt haben. Doch im Unterschied zu diesen Vorgängern polarisierte Scharon wie kaum eine andere politische Figur die Gemüter in Israel und in der übrigen Welt. Für seine Gegner war er die Skrupellosigkeit in Person, der Verantwortliche für die Massaker in den Beiruter Flüchtlingslagern Sabra und Schatila. Für seine Bewunderer galt er als der unermüdliche Kämpfer, der sich Zeit seines Lebens für die Sicherheit Israels eingesetzt hatte.
Detailliert skizzieren die beiden Autoren alle Stationen von Scharons militärischer und politischer Karriere, schildern prägende Ereignisse aus der Kindheit und familiäre Schicksalsschläge. Insbesondere die Atmosphäre im Moschav Kfar Malal, wo Scharon in den zwanziger und dreißiger Jahren aufwuchs, beinflusste ihn maßgeblich. Seine Eltern standen damals im Dauerclinch mit der Dorfgemeinschaft, zeigten sie doch wenig Bereitschaft, sich den kollektivistischen Regeln zu unterwerfen. »Für Arik waren die Fronten klar: Er und seine Familie gegen den Rest der Welt.« Irgendwie sollte dies wohl zum Motto für seine spätere Laufbahn werden.
Blum und Hefez arbeiten zahlreiche Grundzüge des Charakters und des politischen Handelns Ariel Scharons heraus, die sich wie ein roter Faden durch seine Vita ziehen. Da ist das hohe Maß an Rücksichtslosigkeit, die Schwierigkeit, Autoritäten anzuerkennen sowie ein recht flexibler Umgang mit der Wahrheit. »Wenn er nicht mehr gewohnheitsmäßig lügen würde, wäre er ein außerordentlicher militärischer Führer«, schrieb sein Mentor David Ben Gurion entnervt ins Tagebuch.
Schon als Kommandeur der legendären Zahal-Einheit 101 in den fünfziger Jahren fiel der junge Offizier seinen Vorgesetzten durch tollkühne und spektakuläre Einsätze auf, die Israels Feinde in Furcht und Schecken versetzten, aber auch unter den eigenen Leuten einen hohen Blutzoll forderten. Schon damals legte Scharon ein Verhalten an den Tag, das für ihn zum Grundmuster werden sollte: »Er tat so, als hätte er das militärische Rad neu erfunden, setzte sich über zahlreiche Instanzen der strengen militärischen Befehlskette hinweg und wandte sich direkt an den Generalstabschef und den Verteidigungsminister, um seine Methoden durchzusetzen.«
Auffällig an Ariel Scharons Karriere ist aber auch die gehörige Portion Pragmatismus, mit der er Freund und Feind gleichermaßen immer wieder zu überraschen vermochte. So war er einerseits zwar die trei- bende Kraft hinter dem israelischen Siedlungsprogramm in den besetzten Gebieten, betrieb mit dem gleichen Elan aber auch wieder ihre Auflösung, wenn er andere Prioritäten sah. Bereits 1982 sorgte Scharon dafür, dass die Siedlungen auf der Sinai-Halbinsel abgerissen wurden. Schließlich ging es um den Frieden mit Ägypten. 2005 setzte er den vollständigen Rückzug aus dem Gasastreifen durch, hoffte er doch, so eine neue Ausgangsposition in den Verhandlungen mit den Palästinensern zu schaffen. So manchen seiner Anhänger aus der Siedlerbewegung, die einst »Arik, König Israels« gesungen hatten, blieb angesichts solcher Schritte die Luft weg. Friedensbewegte Israelis wiederum, für die Scharon früher die Inkarnation des Bösen gewesen war, konnten sich plötzlich für ihn erwärmen.
Ariel Scharon liebte die Macht, ein Ideologe war er nicht, lautet das Fazit der Biografie. In seinen Zeiten als Oppositionspolitiker konnte er die extremsten Positionen vertreten, in dem Moment aber, in dem er politische Verantwortung trug, tat er dann oftmals das Gegenteil. Das macht das Rätsel Scharon aus. Deshalb ging von seiner Person immer eine große Faszination aus. Gadi Blum und Nir Hefez gelingt es, das Porträt eines Mannes mit geradezu Shakespeareschen Zügen zu zeichnen: hochtalentiert und voll visionärer Kraft, aber mit menschlichen Fehlern zuhauf, brutal und in Sachen Intrige ein wahrer Meister. All das zeigen die beiden Autoren, ohne dabei eine Dämonisierung oder Heroisierung zu betreiben. Zudem vermitteln sie ein hervorragendes Bild von den Spielregeln, nach denen Politik in Israel funktioniert. Etwas irritierend ist allerdings, dass Blum und Hefez es nicht für nötig hielten, mit Ariel Scharon selbst zu reden, bevor er 2006 ins Koma fiel. Offen bleibt zudem die Frage nach dem politischen Erbe Ariel Scharons: Wird man sich an ihn einmal an denjenigen erinnern, der Israel 1982 in das Desaster des Libanon-Krieges geführt hatte, oder an den Scharon, der Siedlungen im Gasastreifen aufgab und somit die Rahmenbedingungen für einen möglichen Frieden mit den Palästinensern schuf?

gadi blum und nir hefez:
ariel scharon – die biografie
Übersetzt von Helmut Dierlamm und
Hans Freundl. Hoffmann und Campe, Hamburg 2006, 592 S., 25 €

Nahost

Israels Kriegsstrategie gegenüber Iran und der Hisbollah

Israels Armee greift Irans Führung unerbittlich an. Es gibt jedoch warnende Stimmen: Die gezielten Tötungen von Anführern könnten das System noch radikaler machen. Welche Ziele verfolgt Israel?

von Sara Lemel  19.03.2026

Forschung

Ukraine öffnet Archiv über KZ-Häftlinge

Mitten im Krieg mit Russland öffnet die Ukraine historische Geheimarchive. Für Forschende über die NS-Zeit und die Sowjetische Besatzungszone soll der Zugang erleichtert werden

 11.03.2026

Jerusalem

Wadephul: Iranische Waffen gefährden »nicht nur Israel, sondern auch uns in Europa«

Bei seinem Besuch bei seinem Amtskollegen Gideon Sa’ar sei es auch um diese Frage gegangen: Wie kann dieser Konflikt irgendwann beendet werden, wenn man dem Iran die entscheidenden Waffen aus der Hand geschlagen hat?»

 11.03.2026

Reisen

Lufthansa setzt weiterhin viele Nahost-Flüge aus

Flüge nach Tel Aviv, Teheran und in andere Städte bleiben ausgesetzt. Lufthansa reagiert weiter auf die Lage im Nahen Osten – Charterflüge für Rückholaktionen laufen jedoch weiter.

 09.03.2026

Südlibanon

Zwei israelische Soldaten bei Hisbollah-Angriff getötet

Nach einer vorläufigen Untersuchung der israelischen Armee begann der Vorfall, als ein Panzer während eines Einsatzes stecken blieb

 08.03.2026

Washington

USA intervenieren gegen mögliche Russland-Hilfe für den Iran

Sondergesandter Steve Witkoff kritisiert Moskau dafür, dass es Teheran im Krieg zu unterstützen scheint

 08.03.2026

Iraner in Deutschland

»Einfach leben«

Der Exil-Iraner und Musikmanager Babak Shafian war bisher skeptisch, wenn es um den möglichen Fall des Mullah-Regimes ging. Diesmal ist er hoffnungsvoll. Der Grund dafür ist Israel

 04.03.2026

Demonstrierende schwenkten am Montag israelische und iranische Flaggen vor der israelischen Botschaft in Berlin und riefen „Danke, IDF!“.

Berlin

Zeichen gegen Teheran

Exil-Iraner demonstrierten vor Israels Botschaft in Berlin und drücken ihre Hoffnung auf einen Neuanfang aus

 03.03.2026

Botschafter Ron Prosor: Das Regime in Teheran steht mit dem Rücken zur Wand

Interview

»Ich bin für die klare Haltung Deutschlands dankbar«

Israels Botschafter Ron Prosor zu deutschen Reaktionen nach den Angriffen auf den Iran, zur Sicherheitslage israelischer und jüdischer Einrichtungen sowie zu einer Nachricht zu Purim

von Detlef David Kauschke  02.03.2026