Wohlbefinden

Was für ein Glück!

von Beni Frenkel

Es gibt viele »älteste Fragen der Menschheit«. Gibt es Gott? Was ist der Sinn des Lebens? Wie angelt man sich eine Frau? Oder: Soll man Rechnungen erst bei der dritten Mahnung bezahlen, und wenn es einen Gott gibt: Warum hat Er Juristen erschaffen?
Es gibt viele »älteste Fragen der Menschheit«. Da ist die Frage nach dem Glück eine ziemlich einfache. Der Talmud beantwortet sie kurz und schmerzvoll: »Israel hat kein Glück.« Zu verstehen ist die Passage wie »Der Fromme kennt kein Glück«. Juden müssen beten, gute Taten verrichten und allzeit bereit sein. Das Glück muss hart erarbeitet werden. Und hat der Jude mal glückliche Momente, dann bitte nicht laut darüber reden. Einerseits wegen des allseits gefürchteten Antisemitismus, andererseits, weil es nicht wirklich interessant ist.
Nehmen wir den biblischen Jakob als Beispiel. Der hatte doch wirklich viele Probleme mit seinem Bruder, den vier Frauen und seinen zwölf Söhnen. Damals gab es auch noch keine Super-Nanny. Und so erstaunt es wenig, dass er erst gegen Ende seines Lebens ein bisschen Ruhe und Glück fand. Doch Rabbiner Hirsch (1808 – 1888) zählt diese Verschnaufpause als »national minderbedeutend«. Die »Jahre des getrübten, gedrückten Lebens«, die sind interessant. (Erklärungen zum Pentateuch, 1. Buch Mose, Kapitel 47, Vers 28)
So funktioniert übrigens auch der jüdische Witz. Nicht, dass die Juden den Humor erfunden hätten oder die besten Gags schreiben, aber die Söhne Jakobs waren die Ersten, die über sich selbst lachen konnten. Während Kirchen am Sonntagnachmittag Tombolas veranstalten, um »unseren bedrückten Mitbrüdern und Mitschwestern ihr Leid ein wenig zu schmälern«, lacht man bei uns über Schnorrer. Du bist unglücklich? Und ich erst!
Was macht man also, wenn man unglücklich ist? Entweder das Buch Wege zum Glück des Dalai Lama durcharbeiten oder für drei Euro pro Minute Kartenleser, Frauen und Sterndeuter anrufen. Doch Vorsicht bei den Sternguckern! Wir Juden sind in dieser Beziehung Ossis, die kein Westfernsehen schauen durften. Die Sterne, so steht es im Talmud, leuchten nicht für uns.
Nachdem nun geklärt ist, dass wir kein Glück haben und die Sterne nicht zu Rate ziehen dürfen, wollen wir uns nun mit Hiob, Ahasver und Tevje dem Milchmann in einen Kreis setzen. Das Thema heute: Auserwählt und trotzdem glücklich – wer möchte anfangen? Ich bitte. Ich bin seit 30 Jahren Auserwählter. Angefangen hat es schon in der Kindheit.
Während die Kameraden im Schülerlager sich vergnügten, wurde ich von den Eltern bereits am Freitagnachmittag abgeholt. Natürlich immer so, dass es alle sahen. Freitagabend hätten dann Disco und Tiramisu-Essen auf dem Programm gestanden. Bei uns zu Hause gab‘s dann Küsse von der Großmutter und klebrigen Tscholent. Später, als ich mich in alphabetischer Reihenfolge in meine Mitschülerinnen verliebte, musste ich mich mit dem Aleph-Beth rumquälen. Jeden freien Mittwochnachmittag die immer gleichen Tora-Verse rauf und runter lesen, übersetzen und gleich wieder vergessen. In der Schule musste ich der Klasse »Hewenu Schalom« vorsingen, und wenn ich Geburtstag hatte, gab mir meine Mutter keinen Kuchen mit in die Schule, sondern Mazze. Die sollten dann Verständnis und Toleranz wecken. Die Wirkung war natürlich eine andere. Ob meine Eltern »sooo arm« wären, dass ich nur Knäckebrote verteilen könne, fragten mich alle. Janines Marmorkuchen wäre eine Trillion Mal besser gewesen. In bitteren Stunden habe ich dann zu Gott gefleht: »Warum musstest Du gerade mich auserwählen? Der Tobias Kamber hätte es noch viel mehr verdient.«
Mit den Jahren kam aber auch die Erkenntnis. Ich denke heute, dass man mit der Einhaltung der Tora-Gebote glücklich werden kann. Ich selber bin es. Meine nichtreligiösen Bekannten aber nicht minder. Meine nichtjüdischen Freunde sind happy und ebenso der griechisch-orthodoxe Schabbes-Goj in der Synagoge. Meine Katze miaut, wenn sie Whiskas bekommt, und meine Frau ist glücklich, wenn ich lieb mit ihr bin.
Doch zurück zur Anfangsfrage: Macht das Judentum glücklich? Nicht unbedingt. Wir Juden sind diesbezüglich wie Paris Hilton, die von ihrem Vater die Platin Card bekommen hat. Theoretisch sind damit alle Wünsche erfüllbar, von Koscher-Sex à la Ruth Westheimer bis Koscher-Wein von Rabbiner Efraimson. Doch im »Simple Life« werden wir nicht alle glücklich. Deswegen alle Rabbiner kurz mal die Ohren zuhalten: Das Judentum hat kein Patentrezept fürs Glücklichsein. »Glücklich sind die Menschen, wenn sie haben, was gut für sie ist.« (Platon)

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