jüdisches Leben

Was der Alltag lehrt

von Magnus Klaue

Die deutschen Kulturwissenschaften sind ein „melting pot“, und was darin zusammengeschmolzen wird, ist nicht immer edelster Herkunft. Die beliebige Kombination unvereinbarer Forschungszweige wird mit Interdisziplinarität verwechselt, und Theorie und Praxis finden nur selten zusammen. Als „übertheoretisiert“ empfindet auch Leora Auslander weite Teile der Cultural Studies, wie sie hierzulande angeboten werden. Auslander, die Professorin für Europäische Sozialgeschichte an der Universität von Chicago ist und seit Herbst dieses Jahres als Fellow an der Berliner American Academy forscht, hat lange Zeit in Paris gelebt und weiß zu vergleichen: „In Frankreich hat die Kultur‐ und Alltagsgeschichte eine längere Tradition und ist auch weiter verbreitet als in Deutschland.“
Alltagsgeschichte, wie sie etwa der französische Historiker Alain Corbin betreibt, erschöpft sich nicht in der Zusammenstellung von Anekdoten, sondern bemüht sich, am scheinbar Nebensächlichen das Allgemeine aufzusuchen, ist also „empirisch und begrifflich zugleich“, wie Auslander es formuliert: „Was die Menschen einer bestimmten gesellschaftlichen Schicht zu einer bestimmten Zeit gegessen und ge‐
trunken haben, wie ihre Möbel und ihr Geschirr aussahen, ist für den Alltagshistoriker nicht unwichtiger als ihr Kunstgeschmack oder ihr Bildungsgrad. Aber es ist oft wesentlich schwieriger, über solche Einzelheiten etwas Genaues in Erfahrung zu bringen.“
Auslander selbst hat in ihrer 1996 erschienenen Studie Taste and Power die Geschichte der Wohnungseinrichtung im modernen Frankreich untersucht und interessiert sich seit einigen Jahren verstärkt für den Vergleich der Alltagskultur im angloamerikanischen, deutschen und französischen Sprachraum. Einen Schwerpunkt bildet die Erforschung jüdischen Alltagsle‐
bens in den verschiedenen Kulturkreisen – ein bislang noch kaum erschlossenes Gebiet.
Vergleiche sind für Leora Auslander ein Mittel, um Unterschiede zu erkennen. Die Disziplin der Alltagsgeschichte sei selbst das beste Beispiel dafür: „In Frankreich genießt dieser Forschungszweig hohes Ansehen, in Deutschland wird er hauptsächlich von Regionalhistorikern gepflegt.“ Gerade in Deutschland könne die Alltagsgeschichte jedoch wertvolle Dienste bei der Erforschung jüdischer Kultur leisten, deren Spuren oft nur noch rudimentär auszumachen seien.
Symptomatisch dafür sei die deutsche Gedenkkultur, die Auslander skeptisch einschätzt. „Es gibt in Deutschland nach wie vor eine starke Trennung zwischen dem jüdischen Alltagsleben und der jüdischen Gemeinde auf der einen Seite sowie den verschiedenen staatlichen Initiativen, die oft eher ideologischen Charakter haben und an den Bedürfnissen und Interessen der in Deutschland lebenden Juden vorbeigehen, auf der anderen Seite.“ Das Berliner Holocaustdenkmal gilt Auslander gewissermaßen als das Stein gewordene Monument dieses Widerspruchs: „Es ist die Verkörperung einer Gedenkkultur, die eher Staatsziel als lebendiges Bedürfnis ist. Ich jedenfalls empfinde es als unzugänglich und anonym.“
Für eine abweichende Form historischen Gedenkens, die mit den Erkenntnisinteressen der Alltagsgeschichtsschreibung durchaus harmoniert, ständen dagegen die „Stolpersteine“, die der Künstler Gunter Demnig seit zwölf Jahren in Berliner Bürgersteige einlässt, um an Orte zu erinnern, wo einstmals jüdische Bürger gelebt haben, die von den Nationalsozialisten ermordet wurden. „Auch diese Steine kann man natürlich kritisieren. Zum Beispiel besteht die Gefahr, dass die Erinnerung an die Vernichtung der europäischen Juden auf diese Weise banalisiert wird, weil die Steine für die Berliner Passanten Teil des Lebensalltags sind. Aber andererseits sind sie auch ein Versuch, diesen Alltag auf das hin durchsichtig zu machen, was früher einmal zu ihm gehört hat und heute unwiederbringlich verloren ist.“
Solche Spuren eines zerstörten Alltags ausfindig zu machen, gehört zu den wichtigsten Zielen von Auslanders Arbeiten über das jüdische Alltagsleben im 20. Jahrhundert. Für ihre Arbeit hat sie neben Tagebüchern und Fotoalben jüdischer Familien in Berlin und Paris zum Beispiel auch Kochrezepte untersucht: „Was wurde zu Hause gegessen? Wo haben die Menschen ihre Lebensmittel gekauft? Welche Angelegenheiten wurden im eigenen Wohnviertel erledigt, und zu welchen Zwecken wurde es verlassen? All diese Fragen sind wichtig, um einen Begriff davon zu bekommen, was jüdisches Alltagsleben in einer Großstadt bedeutet hat, und was es heute bedeutet.“
Nicht zuletzt ergäben sich aus einem solch mikroskopischen Blick neue Einsichten in den oft behaupteten Zusammenhang zwischen großstädtischem jüdischen Leben und Modernität: „Tatsächlich lässt sich eine starke Affinität der Berliner und Pariser Juden zur Moderne, insbesondere zur modernen Kunst belegen, die auch in ihrem Alltag eine wichtige Rolle spielte. Die Gegenstände des täglichen Gebrauchs und die Möbel, mit denen sie sich umgaben, zeugen jedoch zugleich von einer bis ins 20. Jahrhundert reichenden Bindung an die Tradition. Jüdische Haushalte, in denen moderne Kunst und Literatur zum Alltag gehörten, sind durch ihre Möbel und Gebrauchsgegenstände meistens ebenso stark mit der Vergangenheit verbunden gewesen.“ Die Spannung zwischen der gleichzeitigen Verbindung von Modernität und jüdischer Tradition gerade auch im großstädtischen Alltag ausgetragen zu haben, sei eine der wichtigsten Leistungen jüdischer Bürger in Berlin und Paris gewesen. Während jüdisches Leben in Paris jedoch nicht nur dank der Initiative der jüdischen Gemeinden in all seinen Erscheinungsformen bis heute weit eher als alltäglich wahrgenommen werde, habe der Zivili‐
sationsbruch des Nationalsozialismus in Deutschland eine Leere hinterlassen, die weder durch das jüdische Gemeindeleben noch durch staatliche Gedenkpolitik angemessen gefüllt werden könne.
Jüdische Alltagsgeschichte in Berlin dürfe diesen irreversiblen Verlust nicht überspielen, müsse aber auch daran erinnern, dass die Vielfalt jüdischen Großstadtlebens noch fortwirke: „Es ist wichtig, nie zu vergessen, dass die Geschichte der Juden in Deutschland nicht einfach identisch ist mit der Geschichte ihrer Vertreibung und Vernichtung. Gerade am Alltagsleben lässt sich das erkennen, wenn nur genau genug hingeschaut wird.“

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