11. September 2001

Warum?

von Rabbiner Carl M. Perkins

Es gibt im Talmud eine bekannte Passage (Brachot 5a): „Wenn ein Mensch erlebt, dass Bedrängnis über ihn kommt, soll er sein Verhalten überprüfen, denn es steht geschrieben: ‚Prüfen wir unsere Wege, erforschen wir sie‘“.
In wenigen Tagen jähren sich die Ereignisse vom 11. September zum sechsten Mal, und in diesem Zusammenhang fiel mir dieser Text ein.
Sechs Jahre sind nicht viel Zeit, andererseits sie sind auch eine lange Zeit. Einerseits scheint es sei noch gar nicht so lange her zu sein, dass wir unsere Schuhe nicht ausziehen mussten, bevor wir ins Flugzeug stiegen. Auf der anderen Seite, denken Sie an die Kinder, die dieses Jahr Bar‐ oder Batmizwa feiern und all ihre Freunde – sie waren damals gerade mal sieben Jahre alt. Für sie ist es Normalität.
Vieles hat sich in dieser Zeit geändert, nicht nur als Folge des 9. September, sondern als Ergebnis dessen, was unmittelbar danach geschah. Denken Sie etwa an die Schlagzeile auf der Titelseite der französischen Zeitung Le Monde, am Tag nach dem 11. September: „Nous sommes tous americains“ – „Wir sind alle Amerikaner“. Es gab damals wenigstens einen weit verbreiteten Ausdruck des Mitgefühls und der Solidarität, der seither verschwunden ist. Ob es in jener Zeit aufrichtig gemeint war oder nicht, sei dahingestellt. Tatsache ist, dass Europa und andere Teile der Welt offensichtlich gewillt waren, an der Seite Amerikas gegen den islamischen Terrorismus, islamischen Imperialismus, Islamofaschismus – wie immer man es nennen will – zu kämpfen. Und heute?
Diese Woche lesen wir die Tochacha („Zurechtweisung“). Es ist eine von zwei Stellen in der Tora, wo Moses im Namen Gottes dem jüdischen Volk Segnungen und Verheißungen vorlegt – und Flüche und Drohungen.
Der Talmud lehrt, dass die Flüche und Drohungen ohne Unterbrechung gelesen werden sollten, damit nicht mehr als eine Person die Last dieser Lesung tragen muss. Denn natürlich fürchten wir uns ein wenig, wenn wir diese lange Liste hören. Wir sind beunruhigt. „Wenn wir es aussprechen, wird es vielleicht wahr werden.“ Wir schreiben den Worten selbst eine magische Kraft zu. Vielleicht liegt darin der Grund, weshalb wir die Tochacha als eine Sammlung von „Flüchen“ statt von „Flüchen und Drohungen“ bezeichnen. Ein Fluch hört sich machtvoller an, unmöglich zu besiegen. Eine „Drohung“ hingegen ist verhandelbar.
Den 11. September auf diese Weise mit der Tochacha zusammenzubringen, wirft Fragen auf: „Warum ist uns dies geschehen?“ und „Was sollen wir machen?“ In gewisser Hinsicht haben wir uns in den USA als Nation auf die zweite Frage konzentriert, ohne an die erste viel Gedanken zu verschwenden. Wir haben uns auf die Verhinderung einer weiteren Katastrophe konzentriert, ohne dass wir uns ernsthaft – oder ernsthaft genug – bemühten, zu verstehen, warum es überhaupt geschehen ist.
Allerdings wirkt die Frage „Warum ist es geschehen?“ verstörend. Irgendwie suggeriert sie, wir würden der Vorstellung Raum gewähren, dass „wir“ – und nicht die islamischen Terroristen – die Schuld tragen. Das hört sich defätistisch an. Dennoch ist es schließlich der Zweck der Tochacha, dass wir beginnen, über unser Tun nachzudenken, und versuchen, unser Verhalten zu bessern.
Die Tochacha wurde oft missverstanden – auf gefährliche Weise missverstanden. Häufig wird sie als eine Sammlung von Vorhersagen und nicht von Ermahnungen gelesen. Die Gefahr einer solchen Lesart besteht darin, dass wir beginnen, die Ermahnungen zu ignorieren, statt ihnen Beachtung zu schenken. Schließlich wissen wir alle, dass guten Ländern manchmal Böses widerfährt und umgekehrt. Mit dieser Erkenntnis wird also der Wert der Tochacha‐Lektüre an sich in Zweifel gezogen.
Doch ein Nachdenken über die Botschaft der Tochacha fördert eine tiefe Wahrheit zutage – nämlich dass jeder, der sich böse verhält, es verdient, wenn ihm Böses widerfährt. Glauben wir denn nicht daran, dass Recht Macht hervorbringt – statt umgekehrt? Gibt es keine Verbindung – wollen wir nicht glauben, dass es sie gibt – zwischen dem Bösen, das Nazideutschland vertrat, und seiner Niederlage im Zweiten Weltkrieg? Wollen wir etwa nicht daran glauben, dass die rechtschaffenen Nationen triumphieren und die bösen verschwinden? Schließlich ist das Römische Reich, das den Tempel zerstörte und Christen den Löwen zum Fraß vorwarf, verschwunden. Verschwunden ist das mittelalterliche Spanien mit seiner Inquisition. Verschwunden ist das zaristische Russland. Verschwunden ist das kommunistische Russland. Sind wir, tief im Innern, etwa nicht davon überzeugt, dass das Schicksal dieser Nationen etwas mit ihrer schlechten Moral zu tun hatte? Ob unsere Überzeugung der Wirklichkeit standhält oder nicht – die Tochacha ist Teil einer Matrix von Texten, die dazu da sind, Einzelmenschen und Nationen zu motivieren, ihre Verhalten zu erforschen und danach zu streben, das Richtige zu tun – damit sie nicht furchtbare Konsequenzen erleiden.
Warum also ist uns der 11. September widerfahren? Anders als viele heute in den Medien glaube ich nicht, dass wir herausfinden, ob wir das Richtige tun oder nicht, indem wir überall auf der Welt Umfragen veranstalten und den Puls der so genannten arabischen Straße fühlen. Es ist alles viel einfacher. Amerika ist dann am besten, wenn es seine eigenen Werte hochhält. Zu diesen Werten gehört natürlich die Freiheit: Rede‐ und Pressefreiheit, Freiheit, die eigene Religion auszuüben und Freiheit vor einer Religionsausübung, die von der Regierung unter Zwang verhängt wird – aber auch Anstand und Fairness, Großzügigkeit und Mitgefühl.
Es gibt Menschen auf der Welt, die uns hassen, weil wir sind, wer wir sind. Das hat der 11. September ans Tageslicht gebracht. Und dann gibt es solche, die uns verachten, weil wir weniger sind als das, was wir sein könnten und sein sollen. Wir müssen gewillt sein, Erstere zu bekämpfen – die Feinde der Demokratie, die Feinde der Freiheit, all jene, die uns ins Mittelalter zurückschicken möchten, sie müssen bekämpft und besiegt werden. Aber wir können und müssen auch mehr tun, um die Verheißung unseres Landes zu erfüllen und dadurch die Unterstützung all jener zu gewinnen, die von uns enttäuscht wurden; all jener, deren Augen auf uns gerichtet sind, die zu uns aufschauen. Wir brauchen nicht im Alleingang zu handeln, wir dürfen nicht im Alleingang handeln. Wir müssen die Werte, die wir in der Welt verbreiten wollen, beispielhaft vorleben, dann können wir hoffen, dass daraus Unterstützung erwächst.
Was für Nationen gilt, gilt auch für den Einzelnen. Wir stehen in der Mitte des Monats Elul. Es ziemt uns, unser Verhalten zu erforschen, ein wenig Gewissensforschung zu betreiben; und einige gute Vorsätze zu fassen. Es heißt: „Wenn jemand seine Taten überprüft und auf Verfehlungen stößt, lass ihn Tschuwa tun“. Wir alle wollen die Tage vor Rosch Haschana nutzen, um persönliche und kollektive Gewissenserforschung zu betreiben, denn dafür sind diese Tage gemacht. Wir alle sollten Tschuwa tun – lieber früher als später.

Der Autor ist Rabbiner der konservativen Gemeinde Temple Aliyah, Needham/USA

Ki Tawo: 5. Buch Moses, 26,1–29,8

Fußball

»Wusste nicht, was Nazi-Gruß ist«

Torwart des Premiere-League-Clubs Crystal Palace entgeht mit einer sehr besonderen Begründung einer Strafe

 16.04.2019

Ferdinand von Schirach

Die zweite Schuld

Der Autor stellt Studie über Raubkunst in seiner Familie vor – und fordert Nazi-Nachkommen zu Transparenz auf

 12.04.2019

USA

Polizeihund darf nicht »Rommel« heißen

Mit den Worten »Willkommen an Bord, Rommel!« hatte das Sheriff-Büro den Neuzugang stolz vorgestellt

 08.04.2019