Halacha und Technik

Wann ist im Orbit Schabbat?

von Wladimir Struminski

Nach traditioneller jüdischer Auffassung hat Gott dem Menschen Wissenschaft und Technologie als Werkzeuge gegeben, nicht jedoch die vollständige Weisheit. Diese ist der Tora vorbehalten, wie sie von führenden Schriftgelehrten der letzten Jahrtausende ausgelegt worden ist. Nach religiösem Verständnis ist in den Texten der jüdischen Weisen auch die Summe der Wissenschaft enthalten. Als Interpreten und Hüter der Tora sind rabbinische Autoritäten deshalb verpflichtet, die wissenschaftlich-technologische Entwicklung mit halachischen Stellungnahmen zu begleiten. Davon ist kein Lebensbereich ausgenommen, auch nicht die Raumfahrt. So etwa wurden für den Betrieb der israelischen Fernmeldesatelliten Amos 1 und Amos 2 besondere Schabbatvorschriften ausgearbeitet. Da die Satelliten ständig betreut werden müssen, wurde Arbeit am siebten Tag in diesem Fall von Rabbinern erlaubt. So konnten auch religiöse Mitarbeiter der Raumfahrbehörde am heiligen Tag ihrer Dienstpflicht nachkommen, statt sie auf säkulare Kollegen abzuschieben. Denn andere Juden am Schabbat arbeiten zu lassen, ist halachisch verboten.
Was im All halachisch ge- und verboten ist, fasst ein kleines Kompendium mit dem Titel »Im essak Schamaim«, zusammen, zu Deutsch »Wenn ich den Himmel erklömme«, ein Zitat aus Psalm 139. Das unscheinbare Büchlein wurde von Rabbiner Levi Jitzchak Halperin für den ersten israelischen Astronauten, Ilan Ramon, verfasst. Vor seinem Flug mit der amerikanischen Raumfähre Columbia hatte Ramon, bei der Mission als Nutzlastspezialist dabei, einen NASA-Rabbiner um Rat über die Befolgung der Mitzwot in der
Erdumlaufbahn gebeten. Der amerikanische Schriftgelehrte leitete die Frage an Rabbiner Halperin weiter. Nach Ramons tragischem Tod beim Wiedereintritt der Raumfähre in die Erdatmosphäre wurden die Anweisungen als Broschüre veröffentlicht.
Ein Großteil der Mitzwot, so Halperin, gilt auch außerhalb der Erde unverändert weiter. Hierbei handelt es sich um Gebote und Verbote, die weder an einen bestimmten Ort noch an eine bestimmte Zeit gebunden sind, etwa die Verpflichtung, Gott zu lieben und fürchten, sowie Gebote, die im Verhältnis unter Menschen gelten. Der Astronaut darf niemanden verleumden, niemanden ermorden und muss seine Eltern auch im Orbit ehren, um nur einige Beispiele zu nennen. Dagegen sind Mitzwot, die nur für das Land Israel gelten, im Weltraum ebensowenig verbindlich wie auf Erden in der Diaspora. Gleiches gilt auch für Regeln, die den Tempeldienst betreffen.
Schwieriger wird es bei Bestimmungen, die die Zeit betreffen. Wann sollen beispielsweise das Morgen-, das Mittags- und das Abendgebet gesprochen werden, wenn Tageslicht und Dunkelheit an Bord des Raumschiffs im Stundenrhythmus aufeinanderfolgen?
Theoretisch gilt die irdische Zeitenordnung im All nicht. Daraus ließe sich ableiten, dass auch die Beachtung des jüdischen Lebensrhythmus entbehrlich ist. Allerdings wäre eine solche Schlussfolgerung voreilig: Damit die Feiertage und die Gebote nicht in Vergessenheit geraten, müssen sie nach einem im Voraus zu bestimmenden Zeitrahmen eingehalten werden. Die Möglichkeit, jede Erdumrundung als einen vollen Tag-Nacht-Zyklus anzusehen, verwarf Halperin dabei als zu simpel. Der jüdische Raumfahrer müsste in diesem Fall innerhalb von 24 Stunden 48 Mal beten, da sich Tag und Nacht an Bord des Raumschiffs während dieser Zeitspanne sechzehn Mal ablösen. Der Schabbat wäre alle sieben Stunden einzuhalten. Pessach würde auf zehneinhalb Stunden schrumpfen, dafür aber recht schnell wiederkehren. Ein im All neugeborene Junge müsste acht Stunden nach der Geburt beschnitten werden. Die Lösung des Problems: Zwölf Stunden Bordzeit gelten halachisch als Tag, die darauffolgenden als Nacht. Die Zählung beginnt nach der Ortszeit des Kosmodroms, von dem die Raumfähre gestartet ist.
Auch für möglichen Sex an Bord gelten halachische Regeln. Erlaubt ist er, wie auf der Erde, nur bis zu dem Tag, an dem die Frau ihre Periode bekommt, danach ist schluss. Denn nach Ende des zweiwöchigen Beischlafverbots müsste die Frau in ein Ritualbad eintauchen, um wieder rein zu werden. Doch im All gibt es nicht nur keine Mikwot, es würde auch nicht helfen, welche einzurichten: Ritualbäder dürfen nur am Erdboden gebaut werden.
Und was ist, wenn ein Raumschiff im Dezember im Orbit kreist? Muss ein jüdischer Astronaut an Bord dann Chanukka-Kerzen anzünden? Die Antwort lautet: Nicht, wenn er allein ist, sollen doch die Kerzen vom Chanukka-Wunder künden. In Abwesenheit von Dritten aber wird das Gebot des Kündens nicht erfüllt. Daran ändert sich auch dann nichts, wenn das Kerzenlicht per Fernsehen auf die Erde übertragen wird. Als Verkündung des Chanukka-Wunders gilt nur das Licht selbst, nicht aber dessen Abbild im Fernseh-Empfänger.
Einstweilen hat Rabbiner Halperin aber weniger mit dem All zu tun als damit, die halachischen Aspekte der modernen Technologie auf Erden besser bekannt zu machen. Der Direktor des Wissenschaftlich-Technologischen Halacha-Instituts möchte eine Dauerausstellung einrichten, um Schulkindern wie Erwachsenen zu zeigen, wie die moderne Welt im Einklang mit Gottes Gesetzen funktionieren kann.
Doch noch fehlt es ihm an Geld, um sein Projekt zu realisieren. Von der halachischen Theorie der Technik mag der Schriftgelehrte mehr als jeder andere verstehen. Mit Fundraisingtechniken ist der Rabbiner, dessen bahnbrechende Schriften in einem kleinen, ärmlichen Institutsgebäude im Jerusalemer Stadtsüden entstehen, weniger vertraut.

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