Finanzkrise

Wahre Werte

von Rabbiner Yehuda Teichtal

Die Welt erlebt derzeit eine der größten Finanzkrisen unserer Geschichte. Banken gehen unter, Börsen crashen, Unternehmen und private Sparer verlieren ihr Vermögen. Doch jede Krise birgt auch eine Chance in sich. Das Judentum zeigt, wie Sie die aktuelle Situation als Möglichkeit nutzen können, Wahrheiten wiederzuentdecken, die einige vielleicht bereits vergessen haben: Mitgefühl, Würde und einen guten Investitionsplan für die Zukunft.
Dazu die Geschichte eines viktorianischen Juden, Sir Moses Montefiore: Er war eine herausragende Persönlichkeit des
19. Jahrhunderts, enger Freund von Königin Viktoria, und bekleidete als erster Jude ein hohes Amt in London. Seine philanthropischen Bemühungen galten Juden und Nichtjuden gleichermaßen. Einmal wurde er gefragt: »Sir Moses, was sind Sie eigentlich wert?« Moses dachte einen Mo-
ment nach und nannte dann eine Zahl. »Aber sicherlich«, sagte der Mann, »ist Ihr Vermögen viel mehr wert als das.« Mit ei-
nem Lächeln antwortete Sir Moses: »Sie haben mich nicht gefragt, wie viel ich besitze. Sie haben gefragt, wie viel ich wert bin. Also habe ich nachgerechnet, wie viel ich für wohltätige Zwecke in diesem Jahr gegeben habe. Wir sind so viel wert, wie wir bereit sind, mit anderen zu teilen.«
Jetzt ist die Zeit für jeden, ein kleiner Montefiore zu werden, sein Herz gegen-über denen zu öffnen, die schwere Zeiten durchmachen. Es geht nicht nur um Geld. Manchmal kann ein einfacher aufmunternder Satz einen Eindruck hinterlassen, der Jahre andauert. Ein nettes Wort kann eine der größten Taten der Liebe sein.
Reb Mendel Futeras, ein Chabad-Chassid, verbrachte 14 Jahre in der Verbannung, weil er sich in Stalins Sowjetunion für die Verbreitung des Judentums eingesetzt hatte. Mit ihm waren Schauspieler, Schriftsteller, Staatsbeamte, Ärzte, Journalisten und erfolgreiche Kaufleute. Stalin hatte die Besten in den Gulag geschickt. Während diese Männer im eiskalten Sibirien litten, dachten sie an vergangene Tage: »Damals hatten wir alles, heute haben wir nichts.« Der Einzige, der nicht klagte, war Reb Mendel. »Fühlst du keine Trauer und Schmerz?«, fragten ihn die anderen. »Doch natürlich«, antwortete der Chassid. »Ich vermisse meine Frau, ich vermisse meine Kinder, ich vermisse meine Freiheit. Aber meine Hauptbeschäftigung habe ich nicht verloren. Und die können sie mir auch in Sibirien nicht nehmen. Vorher diente ich Gott als erfolgreicher Geschäftsmann, heute als Gefangener im Gulag.« Reb Mendel sprach somit das Geheimnis der inneren Würde aus. Er definierte sich nicht über das, was er besaß, sondern über das, was er war. Er war Jude.
Das jüdische Volk hat immer verstanden, dass man einen Mittelpunkt haben muss, der nicht durch die Fluktuationen des Marktes und des Lebens im Allgemeinen verschwinden kann. Dieser Kern be-steht nicht aus Besitztümern oder Geld, sondern aus unserer moralischen Identität, unserer Verbindung zu Gott. In der Eile, materiellen Erfolg zu erzielen, begehen wir den Fehler, ausschließlich Dinge zu erstreben, die vergänglich sind. In unserem Ehrgeiz, erfolgreich zu sein – was im Judentum unterstützt wird – haben wir unbeabsichtigt die Ideale beiseite geschoben, die jüdisches Leben seit jeher mit Bedeutung erfüllten.
Zurück ins Jahr 1844. Damals ging der 23-jährige Heinrich Lehman aus Bayern in die Vereinigten Staaten. Er ließ sich in Alabama nieder, wo er einen kleinen Kurzwarenladen namens »Lehman« eröffnete. Sechs Jahre später kamen seine Brüder hinzu, und sie nannten ihr Unternehmen »Lehman Brothers«. Die Erfolgsgeschichte der Lehman Brothers verlief parallel zum wirtschaftlichen Wachstum der USA. Die Firma wurde zu einem der weltweit größten Finanzdienstleister mit 26.000 Angestellten.
Lehman Brothers war eine der letzten und prominentesten deutsch-jüdischen In-
vestitionsbanken, die eine wichtige Rolle an der Wall Street spielten. Aber so wie einzelne Personen haben auch Unternehmen eine natürliche Lebensdauer, kein Geschäft besteht ewig. Am 15. September dieses Jahres meldete das Unternehmen Konkurs an – nach 158 Jahren. Diese Insolvenz war die größte in der Geschichte der Vereinigten Staaten. Doch nichts in unserer Welt ist unsterblich. Die Sonne geht auf, aber sie geht auch wieder unter. »Eine Generation kommt, und eine Generation geht«, so steht es im biblischen Buch Kohelet.
Wir alle kennen die Geschichte der Titanic. Am 10. April 1912 fuhr der Ozean-
kreuzer von Southampton nach New York. Es hieß von ihm: »Selbst Gott kann dieses Schiff nicht versenken.« Fünf Tage später ging es unter. Dasselbe gilt für andere Titanics der Weltgeschichte. Das alte Ägypten, Babylon, Persien, Griechenland, das römische Reich und zahllose weitere Zivilisationen. Heute sind sie nur noch ein Stichwort in Wikipedia.
Es gab zwei berühmte jüdische Brüder in Amerika, Nathan und Isadore Straus. Sie waren Multimillionäre und zählten zu den größten Philanthropen des Landes. Unter anderem gehörte ihnen Macy’s. 1912 unternahmen sie eine Reise ins Heilige Land. Isadore Straus wollte nach einer Woche zu-
rückkehren, der Bruder nicht. Nathan blieb im Heiligen Land, während Isadore und seine Frau am 10. April 1912 an Bord der Titanic gingen. Sie erreichten nie ihr Reiseziel New York. Die Trauer über den tragischen Tod seines Bruders und seiner Schwägerin veränderte Nathans Leben. Von einem Moment auf den anderen wurde ihm die Vergänglichkeit menschlichen Daseins deut-
lich. Er widmete zwei Drittel seines Vermögens den in Eretz Israel lebenden Juden. 1912 errichtete er eine Mädchenschule, ein Gesundheitsamt und eine Suppenküche. Außerdem spendete er Geld zur Errichtung einer schönen Stadt am Ufer des Mittelmeeres. Später wurde sie nach ihm be-
nannt: Netanja.
Vor 3.320 Jahren baute ein anderer Jude eine Firma auf, die von den Eltern an die Kinder weitergegeben wurde. Auch ihr Überleben würde von ambitionierten Inves-toren und vor allem von engagierten Individuen abhängen. Allerdings bestand das Kapital dieser Firma nicht aus Geld, Besitz oder Warengut, auch gab es keinerlei Einschränkung hinsichtlich der Teilhaber. Ihr Ziel war nicht, Vermögen aufzubauen, sondern eine gerechte Welt, die es wert war, die göttliche Präsenz zu empfangen.
Um Teilhaber dieser Firma zu werden, musste man kein Scheckbuch aufschlagen, sondern nur das Herz für Güte und Liebenswürdigkeit öffnen. Das Unternehmen war immer öffentlich. Es gehört jedem einzelnen Juden. Es hat sehr schwere Zeiten durchgemacht. Häufig schien es endgültig am Ende. Viele große Imperien und Tyrannen versuchten, genau das zu erreichen. Und dennoch, 3.320 Jahre später, gibt es diese Firma namens Judentum noch immer. Und nicht, weil Moses etwa schlauer war als die Lehman Brothers, sondern weil alles auf dieser Welt endlich ist, mit Ausnahme von Gott und seiner Tora.
Wer eine gute Investitionsmöglichkeit sucht, sollte eine Firma wählen, die über einen soliden Hintergrund verfügt. Eine, die nach über 3.000 Jahren immer noch profitabel ist. Lasst uns in die Ewigkeit investieren! Investiert eine Stunde der Wo-
che in das Studium der Tora! Investiert eine Stunde in der Woche, um euren Kindern jüdische Geschichte zu vermitteln! Gebt ihnen das Geschenk des Schabbats, des To-
rastudiums! Gebt eurem Zuhause das Ge-
schenk von Kaschrut und Mesusot! Gebt eurer Intimität das Geschenk der Mikwe! Gebt euren Lieben das Geschenk der Tefillin und der Wohltätigkeit!
Übrigens wurde über ein Kapitel der Geschichte der Lehman Brothers noch nicht berichtet: Jeden Sonntag ging Mayer Lehman mit seinen drei jüngsten Kindern Arthur, Irving und Herbert durch die Krankenstationen des Mount Sinai Hospital, damit sie selbst die Herausforderungen des Lebens sehen konnten, den Schmerz, den einige Menschen ertragen müssen, und die Früchte jüdischer Philanthropie. Später wurden auch die Kinder Bankiers, Richter und Politiker. Und alle wurden bedeutende Philanthropen. Der älteste Sohn, Sigmund, gründete das Montefiore-Hospital, benannt nach Moses Montefiore.
Den Lehman Brothers mag zwar nichts mehr gehören, aber sie sind noch immer viel wert.

Der Autor ist Direktor des Jüdischen Bildungszentrums von Chabad Lubawitsch in Berlin.

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